Immer mehr junge Menschen holen sich Finanzinfos und Ratschläge in sozialen Netzwerken – oft aus fragwürdigen Quellen. Woran erkennen sie laut Expert:innen gefährliche Tipps?
„Rüstungsaktien machen in 95 % der Fälle zu Millionären“, sagt ein Mann seinen Followern in einem TikTok-Video. Danach verweist er auf einige Unternehmen aus der Rüstungsbranche.
Das Video ist eines von mehreren, die Anlagetipps geben. Manche zeigen Creator persönlich, andere setzen KI-generierte Figuren ein, die Nutzern in Europa Aktienempfehlungen und Finanzratschläge liefern.
Doch wie viel vertrauenswürdig sind solche Tipps?
Eine neue Analyse von 150 populären TikTok-Videos zu Finanzthemen der Vergleichsplattform BrokerListings.com legt nahe, dass Zuschauer vorsichtig sein sollten.
Jedes untersuchte Video hatte mindestens 100.000 Aufrufe. Die Themen reichten von Aktien und Kryptowährungen über Schulden bis hin zu privater Finanzplanung.
Die Plattform stellte fest, dass mehr als 70 % der Creator keine klar erkennbaren Erfahrungen im Finanzsektor oder geeigneten Qualifikationen vorweisen, um der breiten Öffentlichkeit verlässliche Ratschläge zu geben.
Außerdem erklärten mehr als 60 % der Videos die möglichen Risiken oder Nachteile der vorgestellten Finanzprodukte oder Situationen nicht ausreichend.
Die Ergebnisse erscheinen in einer Phase, in der Aufsichtsbehörden den Einfluss sozialer Medien auf junge Anleger immer genauer beobachten.
Ulf Linke, Verbraucherschützer bei der deutschen Finanzaufsicht BaFin, sagte The Cube, dem Faktencheck-Team von Euronews, die Behörde sehe einen „klaren Trend“ zu Anlagetipps in sozialen Medien, besonders bei jüngeren Menschen.
Eine BaFin-Umfrage aus dem Jahr 2024 ergab, dass mehr als die Hälfte der Anlegerinnen und Anleger aus den Generationen Millennials und Gen Z soziale Medien für eine verlässliche Quelle finanzieller Informationen hält. 60 % sehen sie zudem als gute Alternative zu professioneller Finanzberatung.
Im April unterstützte das Europäische Parlament Forderungen nach Mindeststandards für sogenannte „Finfluencer“– also Influencer, die in sozialen Medien Finanztipps geben. Die Abgeordneten verwiesen ausdrücklich auf Risiken wie versteckte Werbung, irreführende Aussagen, Betrugsmaschen und KI-generierte Finanzinhalte.
Nach Ansicht der EU-Abgeordneten sind soziale Medien für viele jüngere Menschen zu einer „zentralen“ Quelle für Finanzinformationen geworden.
Die europäische Wertpapieraufsicht ESMA hat zu Beginn des Jahres ebenfalls Leitlinien für Finfluencer veröffentlicht und darauf hingewiesen, dass Regeln für Anlagetipps auch für Finanzinhalte in sozialen Medien gelten können.
Wer eine Anlage empfiehlt, muss nach diesen Regeln deutlich machen, wer er oder sie ist, Fakten von Meinungen trennen und offenlegen, ob er oder sie finanziell von der Empfehlung profitieren kann.
Schon eine öffentliche Einschätzung, ob eine Aktie oder eine Kryptowährung steigen oder fallen wird, kann unter bestimmten Umständen als Anlageempfehlung gelten.
„Hinweise wie ‚Dies ist keine Anlageberatung‘ schützen in solchen Fällen nicht“, erklärt die ESMA.
Warum Finanztipps auf TikTok riskant sind
Forscher sehen das Format der Social-Media-Clips als einen Hauptgrund, warum sie eine heikle Quelle für Finanz- oder Budgettipps sind. Die Kürze lässt oft wichtige Kontextinformationen weg.
Nach Einschätzung von James Barra, Leiter Inhalte und Research bei BrokerListings, eignet sich die Natur von Kurzvideos auf Plattformen wie TikTok und Instagram nicht unbedingt für längere, ausgewogene Erklärungen, die viele Finanzprodukte erfordern.
Ein kurzes Video über einen Nebenverdienst oder ein Schnell-reich-werden-Modell wirkt oft unterhaltsamer als eine längere Erklärung, die Chancen und Risiken abwägt.
Solche Tipps erreichen zudem Menschen mit sehr unterschiedlichem Wissen und unterschiedlicher Erfahrung im Umgang mit Geld.
Eine bestimmte Geldanlage kann für eine erfahrene Anlegerin nur einen kleinen Teil des Portfolios ausmachen. Für einen jungen Anleger, der einen großen Teil seiner Ersparnisse investiert, kann dieselbe Anlage deutlich riskanter sein.
„Solche Nuancen haben in diesen kurzen TikTok-Videos nicht unbedingt Platz“, sagte Barra The Cube.
BrokerListings stellte außerdem fest, dass besonders problematische Inhalte nicht unbedingt von den größten Finanz-Influencern auf TikTok stammen.
Barra betonte, dass große Influencer und kommerzielle Partnerschaften stärker im Fokus der Aufsicht und der Plattformen stehen. Kleinere, organisch gewachsene Accounts können ebenfalls große Reichweiten erzielen, geraten aber deutlich seltener in den Blick.
TikTok verwies darauf, dass seine Community-Richtlinien für regulierte Waren, Dienstleistungen und kommerzielle Aktivitäten auch für solche Inhalte gelten. Die Plattform erklärte, sie gehe gegen Verstöße vor, etwa indem sie Beiträge löscht, die gegen diese Regeln verstoßen.
TikTok verbietet zudem Finanzbetrug. Nach Angaben des Unternehmens entfernte die Plattform im ersten Quartal 2026 99 % der Videos, die gegen die Richtlinien zu Betrug und Scams verstießen, proaktiv, also bevor Nutzende sie meldeten.
Ist alles unseriös?
Trotz aller Bedenken ist nicht jeder Finanzinhalt in sozialen Medien unzuverlässig. Nach Angaben von BrokerListings fanden die Forschenden auch Creator, die hilfreiche Informationen zu Themen wie Budgetplanung, Schuldenmanagement, Notgroschen und langfristigem Investieren teilen.
Für viele junge Menschen bieten solche Inhalte zudem einen alternativen Weg, sich mit persönlichen Finanzen zu beschäftigen.
„In der Schule lernst du das nicht, an der Uni auch nicht“, sagte Barra. „Viele Menschen bekommen dazu auch von ihren Eltern kaum etwas mit.
Daneben gibt es etablierte Kanäle für Finanzbildung, die sich deutlich von schnellen Aktientipps und Versprechen hoher Renditen unterscheiden, wie sie sonst in sozialen Medien kursieren.
So hat der deutsche Kanal Finanzfluss, moderiert vom ehemaligen Investmentbanking-Analysten Thomas Kehl, ein großes Online-Publikum rund um Finanzbildung aufgebaut. Die Macher produzieren Inhalte zu ETFs (börsengehandelten Fonds), Investieren für Einsteiger, Sparen und Altersvorsorge.
In einem aktuellen TikTok-Video erklärt der Kanal das Wachstum aktiv gemanagter ETFs in den USA und Europa. Das Video erläutert Produkt und Marktentwicklung, anstatt ein bestimmtes Papier zu empfehlen und hohe Gewinne zu versprechen.
Woran erkenne ich unseriöse Finanztipps im Netz?
Experten raten dennoch, genau hinzuschauen, wer hinter den jeweiligen Inhalten steht.
Laut Linke sollten seriöse Creator klar angeben, wer sie sind, überprüfbare Kontaktdaten bereitstellen, mögliche Interessenkonflikte offenlegen und ihren beruflichen Hintergrund erklären, der sie für Anlagetipps qualifiziert.
Fehlen diese Informationen, sollten Anleger den Empfehlungen nicht vertrauen, so Linke.
Er warnt außerdem vor Tipps, die hohe Renditen versprechen, ohne die Risiken zu erklären, und rät, sich nicht von Druck oder der Angst, eine Gewinnchance zu verpassen, leiten zu lassen.
Ein weiteres Warnsignal sind nach Ansicht von Barra Inhalte, die vor allem Wohlstand zur Schau stellen – etwa teure Autos, Luxushotels oder der Eindruck, eine bestimmte Anlagestrategie führe automatisch zu einem ähnlichen Lebensstil.
Auch künstlich erzeugte Dringlichkeit sollte misstrauisch machen. Barra verweist auf Videos, die behaupten, eine Aktie werde gleich durch die Decke gehen oder abstürzen, oder die suggerieren, nur für kurze Zeit könne man eine bestimmte Kryptowährung kaufen.
Nutzer sollten außerdem prüfen, ob ein Creator finanziell von seinen Empfehlungen profitiert. Manche erhalten eine Provision, wenn jemand über ihren Link ein Konto bei einer Trading-Plattform eröffnet.
Solche Sponsorings oder Affiliate-Links bedeuten nicht automatisch, dass die Informationen unseriös sind. Europäische Regeln verlangen jedoch, dass solche Interessenkonflikte offengelegt werden.
Die ESMA empfiehlt Verbrauchern, Informationen aus sozialen Medien vor finanziellen Entscheidungen mit anderen Quellen abzugleichen.
Das kann heißen, Informationen von Aufsichtsbehörden wie der ESMA oder nationalen Stellen wie der BaFin zu nutzen, Geschäftsberichte von Unternehmen zu prüfen, wenn ein Video konkrete Firmen erwähnt, und Berichte etablierter Wirtschaftsmedien heranzuziehen.
Anleger können außerdem in den Registern der nationalen Aufsichtsbehörden nachsehen, ob Unternehmen oder Personen, die Finanzdienstleistungen anbieten, dafür zugelassen sind.
Letztlich macht die Geschwindigkeit, mit der Menschen vom Ansehen eines TikToks dazu übergehen können, eigenes Geld zu riskieren, eine genaue Prüfung immer wichtiger.
Barra beschreibt etwa, wie jemand ein Video mit mehreren Aktienempfehlungen anschaut, danach einen KI-Chatbot fragt, ob diese Anlagen sinnvoll sind, und anschließend eine Trading-App öffnet und die Papiere kauft – alles innerhalb weniger Minuten.
„Der gesamte Ablauf ist heute deutlich schneller als früher“, sagte er.