Vor 25 Jahren erschütterten die Anschläge vom 11. September die Welt. Eine zentrale Gruppe der späteren Attentäter lebte in Hamburg. Die Geschichte reicht von der Hamburger Zelle bis zum deutschen Militäreinsatz in Afghanistan.
Um 8:46 Uhr New Yorker Ortszeit vor 25 Jahren hat sich die Welt schlagartig verändert: Am Morgen des 11. September 2001 entführten 19 Mitglieder des Terrornetzwerks al-Qaida vier Passagierflugzeuge in den USA.
Drei Maschinen wurden in Gebäude gesteuert: zwei in die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York und eine ins Pentagon bei Washington. Eine vierte Maschine, United Airlines Flug 93, stürzte in Pennsylvania ab, nachdem Passagiere und Besatzungsmitglieder versucht hatten, die Entführer zu überwältigen.
Fast 3.000 Menschen starben an diesem Tag. Laut einem in diesem Jahr veröffentlichten Bericht von Sage kamen zu den ursprünglichen 2.753 Todesopfern des World Trade Centers zudem mehr als 2.000 weitere Todesfälle hinzu, die auf Krankheiten im Zusammenhang mit den Anschlägen vom 11. September zurückgeführt werden. Zum 1. Januar 2026 war bei 52.927 Einsatzkräften und Überlebenden des World Trade Centers Krebs diagnostiziert worden.
Nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 beschlossen die NATO-Staaten erstmals, Artikel 5 des Bündnisses anzuwenden. Wenig später begannen die USA den Militäreinsatz in Afghanistan. An der zunächst von den USA geführten Operation "Enduring Freedom" beteiligten sich zahlreiche Verbündete, so auch Deutschland.
2003 übernahm die NATO die Führung der International Security Assistance Force (ISAF), die den Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte und die Stabilisierung des Landes unterstützen sollte.
Die Anschläge werden bis heute aufgearbeitet. Eine Spur führte die Ermittler schon kurz nach den Anschlägen nach Deutschland – genauer gesagt nach Hamburg.
9/11 und Hamburg: Die Geschichte hinter der "Hamburger Zelle"
Drei der vier Terroristen, die die entführten Flugzeuge steuerten, lebten und studierten zeitweise in Hamburg: Mohamed Atta, Marwan al-Shehhi und Ziad Jarrah. Eine zentrale Anlaufstelle der Gruppe war eine Wohnung in der Marienstraße 54 in Hamburg-Harburg, in der unter anderem Mohamed Atta, Ramzi Binalshibh und Said Bahaji lebten.
Das FBI bezeichnet sie ausdrücklich als Mitglieder einer in Hamburg ansässigen al-Qaida-Zelle. Al-Qaida ist ein international agierendes jihadistisches Terrornetzwerk, das 1988 gegründet wurde, eine islamistische Ideologie verfolgt und bis heute über regionale Ableger in verschiedenen Ländern aktiv ist.
Der vierte Pilot, Hani Hanjour, gehörte nicht zu dieser Gruppe.
Eine zentrale Figur war Mohamed Atta: Der Ägypter kam Anfang der 1990er Jahre nach Deutschland und studierte später Stadtplanung an der damaligen Technischen Universität Hamburg-Harburg. In Hamburg lernte er unter anderem Ramzi Binalshibh kennen.
Gemeinsam mit Binalshibh und Marwan al-Shehhi lebte Atta Ende der 1990er Jahre in einer Wohnung in der Marienstraße 54 in Hamburg-Harburg. Die Wohnung entwickelte sich zu einem wichtigen Treffpunkt der Gruppe. Auch Ziad Jarrah gehörte zu ihrem Umfeld. Die 9/11-Kommission bezeichnet Atta, Binalshibh, al-Shehhi und Jarrah als das "Hamburg contingent" – das Hamburger Kontingent der Verschwörung.
Auch die damalige Al-Quds-Moschee am Steindamm spielte eine Rolle. Die Moschee wurde 2010 wegen dschihadistischer Aktivitäten und die Anwerbung junger Islamisten geschlossen.
Von Hamburg nach Afghanistan
Atta, al-Shehhi, Jarrah und weitere Mitglieder des Umfelds besuchten die Moschee regelmäßig. Dort bewegte sich auch der Islamist Mohammed Haydar Zammar, der nach Erkenntnissen der 9/11-Kommission Mitglieder der Gruppe zum Dschihad ermutigte und sie bei ihrer Reise nach Afghanistan beeinflusste.
Ende 1999 reisten Atta, al-Shehhi, Jarrah und Binalshibh nach Afghanistan und kamen dort mit der Führung von al-Qaida in Kontakt. Die Terrororganisation sah in ihnen geeignete Kandidaten für die geplante Flugzeugoperation, auch weil sie jahrelang im Westen gelebt hatten und somit mit der westlichen Lebensweise und der englischen Sprache vertraut waren.
Atta, al-Shehhi und Jarrah gingen anschließend in die USA, wo sie ihre Flugausbildung begannen. Binalshibh blieb zurück, nachdem mehrere Versuche, ein US-Visum zu bekommen, gescheitert waren, und übernahm stattdessen eine wichtige Rolle bei der Koordination der Operation. Hamburg war damit nicht das Kommandozentrum von 9/11.
Die eigentliche Planung wurde von der al-Qaida-Führung vorangetrieben. Doch in Hamburg entstand ein Netzwerk, aus dem mehrere zentrale Akteure der Anschläge hervorgingen. Auch als die späteren Attentäter längst in den USA waren, blieb die Verbindung nach Hamburg weiterhin bestehen: Said Bahaji, der zeitweise mit Atta und Binalshibh in der Marienstraße gelebt hatte, verließ Deutschland erst am 3. September 2001, acht Tage vor den Anschlägen.
Was wusste Deutschland – und was wurde nach 9/11 ermittelt?
Laut einem Bericht der 9/11 Commission heißt es, dass schon vor dem 11. September deutsche und US-amerikanische Sicherheitsbehörden Informationen über einzelne Personen aus dem Umfeld der späteren Attentäter hatten. So war etwa der Islamist Mohammed Haydar Zammar den deutschen und amerikanischen Nachrichtendiensten bereits Ende der 1990er Jahre bekannt.
Auch Mitglieder der späteren Hamburger Gruppe waren den Behörden zumindest teilweise bekannt. Trotzdem ergab sich daraus vor den Anschlägen kein vollständiges Bild der geplanten Operation. Die 9/11-Kommission kommt zu dem Schluss, dass relevante Informationen bei verschiedenen Behörden und Nachrichtendiensten lagen und ihre Bedeutung teilweise erst im Nachhinein erkennbar wurde.
Aus dem Wissen über einzelne Personen und ihre Kontakte lässt sich nicht ableiten, dass deutsche Behörden vor dem 11. September von den konkreten Anschlagsplänen wussten. Die 9/11-Kommission stellt vielmehr fest, dass selbst die US-Geheimdienste zwar zahlreiche Hinweise auf eine bevorstehende Bedrohung durch al-Qaida hatten, aber weder Zeitpunkt, Ort noch konkrete Art der Anschläge kannten.
Nach den Anschlägen rückte Hamburg ins Zentrum umfangreicher Ermittlungen. Einer der bekanntesten Fälle war Mounir al-Motassadeq, der zum Umfeld von Mohamed Atta gehörte und an der Technischen Universität Hamburg-Harburg studierte. Die 9/11-Kommission zufolge half er unter anderem dabei, die Reise der Hamburger Gruppe nach Afghanistan Ende 1999 zu verschleiern.
Nach mehreren Verfahren wurde Motassadeq 2006 vom Bundesgerichtshof wegen Beihilfe zum Mord in 246 Fällen und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung rechtskräftig verurteilt. Das Hamburger Oberlandesgericht setzte die Strafe 2007 auf 15 Jahre Haft fest und wurde nach fast vollständiger Verbüßung seiner Strafe nach Marokko abgeschoben. Eine Rückkehr nach Deutschland ist ihm bis 2064 verboten.
Der Fall Abdelghani Mzoudi zeigt zugleich die Grenzen der Ermittlungen. Auch er gehörte zum Hamburger Umfeld und wurde wegen seiner möglichen Unterstützung der Gruppe angeklagt. Das Hamburger Oberlandesgericht sprach ihn 2004 jedoch frei, weil seine Beteiligung an den Anschlagsplänen nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte.
Der Bundesgerichtshof bestätigte den Freispruch 2005.
Eine weitere zentrale Figur war Mohammed Haydar Zammar. Nach Erkenntnissen der 9/11-Kommission hatte er Kontakt zu mehreren Mitgliedern der Hamburger Gruppe, propagierte gewaltsamen Dschihad und beeinflusste die Gruppe bei ihrer Reise nach Afghanistan. Nach den Anschlägen wurde Zammar in Marokko festgenommen und anschließend nach Syrien überstellt.
Hamburg war damit ein wichtiger Knotenpunkt innerhalb der späteren 9/11-Verschwörung, aber nicht das geheime "Hauptquartier" der Anschläge. Die eigentliche Operation wurde von der al-Qaida-Führung vorangetrieben. Die Hamburger Gruppe wurde vor allem deshalb bedeutend, weil hier mehrere spätere Entführer und wichtige Unterstützer zusammenkamen und sich radikalisierten.
Deutschland nach dem 11. September
Deutschland reagierte auf die Anschläge mit militärischer Unterstützung der USA. Neue Recherchen des NDR für die ARD zeigen nun, dass deutsche Spezialkräfte bereits vor dem Bundestagsmandat nach Afghanistan aufgebrochen waren.
In der Nacht zum 29. November 2001 landeten die ersten Soldaten im US-Stützpunkt Camp Rhino in Südafghanistan. Sie waren bereits am 14. November als geheimes Vorauskommando in die Region geschickt worden – nur zwei Tage vor der Abstimmung im Bundestag über den deutschen Einsatz im Rahmen der US-geführten Operation "Enduring Freedom".
Nach NDR-Recherchen wussten selbst die Verteidigungsobleute der Fraktionen offenbar nichts von der Mission. Die deutschen Spezialkräfte unterstützten die US-Truppen anschließend bei der Planung und Durchführung von Aufklärungs- und Zugriffseinsätzen gegen al-Qaida und die Taliban.
Insgesamt war die Bundeswehr 20 Jahre lang im Einsatz in Afghanistan, bis die Truppen im Juni 2021 abgezogen wurden. Insgesamt kamen 60 deutsche Soldaten im Afghanistan-Einsatz ums Leben. 35 von ihnen fielen durch direkte Feindeinwirkung bei Gefechten oder Anschlägen.
Weitere 25 Soldaten starben aus anderen Gründen im Zusammenhang mit dem Einsatz. Nach offiziellen Angaben der Bundeswehr war der Afghanistan-Einsatz damit der verlustreichste Auslandseinsatz in der Geschichte der Bundeswehr.