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9/11: "Ich hätte 50 Mal an diesem Tag sterben müssen"- ein Überlebender berichtet

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Von Euronews
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9/11: "Ich hätte 50 Mal an diesem Tag sterben müssen"- ein Überlebender berichtet
Copyright  ALEXANDRE FUCHS/AFP or licensors
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20 Jahre nach dem 11. September haben wir mit Bruno Dellinger, einem Überlebenden der Anschläge, gesprochen. Als Chef einer französischen Firma hatte er sein Büro in der 47. Etage im nördlichen Hochhaus des World Trade Center. An jenem Morgen war er zeitig ins Büro gekommen. Er erinnert sich an diesen Moment, bevor um 8.46 Uhr das erste Flugzeug mit voller Wucht auf das Gebäude traf.

"Wir lebten im World Trade Center im Himmel, in ungeheurer Ruhe, anders im Rest der Stadt. Ich sinnierte über den Ausblick. Zwei meiner Angestellten kamen an, ich checkte meine Mails, als ich das schrille Geräusch der Flugzeugmotoren, ein unvorstellbares Geräusch, das man nicht einordnen konnte. Und dann spürte ich die Wucht an der Fassade, an der sich mein Büro befand, rund 20 Etagen darüber. Ich habe die einstürzenden Fassaden direkt miterlebt und wie das Gebäude in einer äußert beunruhigenden Art und Weise schaukelte. Wir konnten fühlen, dass wir am Rande des Kollaps' standen. Das zog sich sehr lange hin - zwei, drei Minuten.

Ohne es gesehen zu haben, denkt Bruno Dellinger an ein Flugzeug, und erinnert sich an ein ähnliches Ereignis, als eine Maschine im Vorbeifliegen das Empire State Building gestreift hatte. Er blieb zunächst in seinem Büro, um keine Panik zu schüren - bevor ihm klar wurde, dass er das Gebäude dringend verlassen musste.

Ich hätte 50 Mal an diesem Tag sterben müssen, und wenn ich 10 Sekunden später aufgebrochen wäre, wäre ich tatsächlich tot
Bruno Dellinger
9/11 Überlebender

"Ich lief an einer Gruppe vorbei, die einen anderes Treppenhaus nahm als ich, und die alle tot sind. Und ich habe es am Ende eines 50-minütigen Abstiegs rausgeschafft, sehr kompliziert in einer ungeheuren Hitze" (...) Ich hätte 50 Mal an diesem Tag sterben müssen, und wenn ich 10 Sekunden später aufgebrochen wäre, wäre ich tatsächlich tot."

Als er auf der Straße ankam, befand sich Dellinger in einem Schockzustand. Er schaut zu, wie die beiden Türme kollabieren, erfährt die Druckwelle am eigenen Leib und verschwindet in einer gigantischen Staubwolke, die ihn mit sich reißt. Eine Erfahrung, die ihn besonders traumatisiert hat.

"Innerhalb weniger Sekunden wurde alles schwärzer als die Nacht und es war mucksmäuschenstill. Vor dem Übermaß der Elemente signalisierte mir mein Körper, dass er tot war. All diese Dinge: der Lärm, die Lichter, die Geräusche, das Atmen, das sind Dinge, die wir nicht lernen, sondern von der Geburt kennen. Doch wenn sie in Frage gestellt werden durch die Gewalt der Dinge, versagen der Körper und der Verstand.

Wie viele blieb auch Dellinger traumatisiert zurück. Er brauchte drei Monate, bevor er den Mut aufbrachte, an den Ort der Katastrophe zurückzukehren. Und mit der Verarbeitung des Geschehenen zu beginnen. Stück für Stück eroberte er sich sein Leben zurück. Er nahm seine Arbeit wieder auf, schrieb ein Buch und gründete eine Familie... 20 Jahre später kehrt er zurück zu diesem schwierigen Wiederaufbau-Prozess.

Wenn ich eine Straße hinunterging und ein Lebenszeichen wahrnahm, die Sonne, die scheint, sagte ich zu mir: das kann nicht sein, denn du bist tot.
Bruno Dellinger
9/11 Überlebender

"Es war sehr schwierig, mein Selbst wieder aufzubauen, ich war ein Bündel aus Schmerz, psychologisch tot. Wenn ich eine Straße hinunterging und ein Lebenszeichen wahrnahm, die Sonne, die scheint, sagte ich zu mir: das kann nicht sein, denn du bist tot. Eine Sicherung in meinem Kopf explodierte. Zeichen des Lebens erreichten mich ein, zwei Monate später: der Geschmack einer guten Tomate zum Beispiel. Solche albernen Dinge."

Bruno Dellinger erzählt immer wieder vom Horror an jenem 11. September, in den Medien, aber auch an Schulen - für eine Generation, die den 11. September nicht selbst miterlebt hat.