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Botox aus der Dose? Was dran ist am Sardinen-Hype auf Social Media

Dosen mit Sardinen und Chilischoten aus dem Norden Portugals.
Dosen mit Sardinen und Chilischoten aus dem Norden Portugals. Copyright  Copyright 2013 AP. All rights reserved.
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Von Maja Kunert
Zuerst veröffentlicht am
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Kaum ein Lebensmittel wird online derzeit so gefeiert wie die Sardine. Kein Wunder: Mit Omega-3-Fettsäuren, Calcium und anderen Nährstoffen soll der kleine Fisch aus der Dose fast alles können. Doch was ist dran am Hype?

Sie sind ölig, riechen streng und kommen aus der Dose: Sardinen galten lange als Lebensmittel für Liebhaber mit sehr toleranten Geschmacksknospen. Das hat sich geändert, auch wegen der Gesundheitsversprechen, die man den kleinen Fischen zuschreibt.

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Wie ernst es manche mit dem Trend meinen, zeigte ein Harvard-Forscher, der einen Monat lang kaum etwas anderes aß als Sardinen und sein Experiment öffentlich dokumentierte. Instagram und TikTok sind mittlerweile voll mit Dosenfisch-Videos, nur ausgerechnet jetzt ist der Fisch in vielen Supermärkten kaum noch zu bekommen.

Ein nicht ganz neuer Trend

Schon im Sommer 2025 kursierte online der Begriff "Sardine Girl Summer", angelehnt an frühere Sommertrends wie den "Hot Girl Summer", dieser Slogan beschreibt ein selbstbewusstes Lebensgefühl, das damals von US-Rapperin Megan Thee Stallion geprägt wurde. Nun kommen also Sardinen zu diesem Lebensgefühl dazu.

Diverse Medien berichteten damals bereits über stark steigende Google-Suchanfragen und einen Boom bei Sardinen-Accessoires. Ein Jahr später ist daraus eine regelrechte Dosenfisch-Obsession geworden: Unter dem Begriff "Sardinecore" prägt der Fisch inzwischen eine ganze Ästhetik. Auf TikTok gibt es mittlerweile über 115.000 Beiträge unter dem Hashtag #sardines, eine australische Fitness-App registrierte für Juli 2026 doppelt so viele eingetragene Sardinen-Portionen wie im Vorjahr.

Ein Monat nur Sardinen

Wie weit sich der Hype treiben lässt, zeigte ein Selbstversuch des Harvard-Forschers Nick Norwitz. Er aß einen Monat lang fast nur Sardinen, täglich 100 Gramm pro 50 Pfund (ca. 22,7 kg) Körpergewicht, dazu Wasser und Elektrolyte, in der Szene ist das als Sardinen-Fasten bekannt.

Nach einer Woche hatte er nach eigenen Angaben fast drei Kilogramm verloren, ohne an Kraft einzubüßen. Bemerkenswert war sein Blutbild: Sein Omega-3-Index stieg auf rund 16 Prozent, der Normalwert liegt bei acht bis elf Prozent. Norwitz verglich seine Werte mit denen eines Delfins, der bei etwa 20 Prozent liegt, und bemerkte eine neue Kälteresistenz.

Reibungslos lief es aber nicht. Gegen Ende der ersten Woche brach seine Leistungsfähigkeit ein, mutmaßlich weil ihm trotz viel Eiweiß und Omega-3 schlicht Fett fehlte, erst mit zusätzlichem Olivenöl normalisierte sich sein Energielevel. Dazu kam ein Geruchsproblem: Er roch nach eigenen Angaben noch Stunden nach dem Essen nach Fisch.

So anschaulich der Selbstversuch ist, ein einzelner Fall ersetzt keine repräsentative Studie. Interessant wird es deshalb erst beim Blick auf die tatsächliche Forschung zu Sardinen.

Was Studien tatsächlich zeigen

Eine Facharbeit im Fachjournal Frontiers in Nutrition aus dem Jahr 2023 beschreibt Sardinen als günstige Alternative zu Fischölkapseln. Neben Omega-3 liefern sie Calcium, Magnesium, Zink, Eisen sowie die Aminosäuren Taurin und Arginin. Eine Kombination, die Entzündungen und oxidativen Stress im Herz-Kreislauf-System günstig beeinflussen kann.

Die Autoren betonen jedoch, dass die meisten Belege aus Beobachtungsstudien stammen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) kommt zu einem ähnlichen Schluss: Regelmäßiger Verzehr von fettreichem Fisch senkt das Risiko für koronare Herzkrankheiten und Schlaganfälle, empfohlen werden ein- bis zweimal Fisch pro Woche.

Konkret liefert eine 100-Gramm-Portion gekochter Sardinen etwa 382 Milligramm Calcium, ein Drittel des Tagesbedarfs, dazu Eisen, Phosphor und reichlich Vitamin B12, bei über 24 Gramm Eiweiß. Als kleine Fische mit kurzer Lebensdauer reichern sie außerdem deutlich weniger Quecksilber an als große Raubfische wie Thunfisch. Im Körper angereichertes Quecksilber kann nämlich das Nervensystem sowie das Immunsystem schädigen.

Ein Nährstoff wird zudem oft übersehen: Kreatin, bekannt aus dem Kraftsport, steckt vor allem in tierischem Muskelgewebe. Fischarten wie Hering oder Lachs liefern laut Fachliteratur zwischen 300 und über 1.000 Milligramm pro 100 Gramm. Für Sardinen selbst schwanken die im Netz kursierenden Angaben stark, seriösere Vergleichstabellen ordnen sie mit rund 0,3 bis 0,5 Gramm pro 100 Gramm etwa auf Höhe von Lachs ein.

Wenn zu viel Fisch zum Risiko wird

Bei extremen Diäten wie dem Sardinen-Fasten raten Fachleute zur Vorsicht: Wer wochenlang fast nur ein Lebensmittel isst, riskiert Mängel an Ballaststoffen und Vitaminen.

Auch bei Omega-3 gilt, mehr ist nicht automatisch besser. Die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde stufte 2012 bis zu fünf Gramm der Fettsäuren EPA und DHA täglich als unbedenklich ein, bei der Sardinen-Fasten-Faustregel wird diese Grenze aber bereits überschritten.

Mögliche Folgen sind eine erhöhte Blutungsneigung und ein geschwächtes Immunsystem. Wichtig auch für Risikogruppen: Der Natriumgehalt in Konserven kann Menschen mit Bluthochdruck belasten, mehr als die Hälfte der Fischallergiker reagiert auch auf Sardinen aus der Dose, und wegen des Purin-Gehalts sollten Gicht-Patienten ihren Konsum im Blick behalten.

Gut Ding will Weile haben: Ölsardinen entwickeln ihr bestes Aroma erst nach mindestens einem Jahr Lagerung.
Gut Ding will Weile haben: Ölsardinen entwickeln ihr bestes Aroma erst nach mindestens einem Jahr Lagerung. Photo by Towfiqu barbhuiya on Unsplash

Leere Regale trotz Rekordnachfrage

Ausgerechnet jetzt herrscht in vielen deutschen Supermärkten Leere im Sardinenregal. Eine dpa-Umfrage ergab im September 2026, dass Aldi Nord, Rewe, Lidl, Kaufland, Edeka und der Online-Händler Picnic übereinstimmend Lieferengpässe melden.

Der Hauptgrund liegt vor der Küste Marokkos und der Westsahara, dem wichtigsten Fanggebiet für Europa: Die Fangmenge brach von 965.000 Tonnen im Jahr 2022 auf 525.000 Tonnen im Jahr 2024 ein, fast 46 Prozent binnen zwei Jahren.

Stefan Meyer vom Fisch-Informationszentrum Hamburg führt das laut dpa auf Klimawandel, veränderte Meeresbedingungen und hohen Fischereidruck zurück. Marokko schränkte seit Februar 2026 zudem den Export gefrorener Sardinen stark ein, um zuerst den eigenen Markt zu versorgen, ein Problem für Europa, weil Marokko bislang der größte Lieferant war. Einzelne Dosen kosten inzwischen bis zu 6,90 Euro, manche Hersteller weichen bereits auf Sardellen aus.

Besonders in Spanien und Portugal ist die Sardine fester Bestandteil der Ernährung.
Besonders in Spanien und Portugal ist die Sardine fester Bestandteil der Ernährung. Copyright 2013 AP. All rights reserved.

Die Kehrseite des Dosenfischs

Unter dem Begriff "Sardinemaxxing" kursieren auch Videos, die die Dose als Hautpflege anpreisen. Hinter dem Beauty-Versprechen steckt ein wahrer Kern, Omega-3-Fettsäuren unterstützen tatsächlich die Hautbarriere und können Kollagen vor UV-Schäden schützen, nur eben nicht über Nacht und nicht durch eine einzelne Dose.

Was in den bunten Videos kaum vorkommt, ist der Zustand der Fanggebiete. Der WWF-Fischratgeber stuft die Sardinenbestände regional sehr unterschiedlich ein: Vor Portugal und in der Kantabrischen See ist die Befischung zu hoch für eine Erholung, in Adria und Alboran-Meer gelten die Bestände bereits als überfischt.

Eine wissenschaftliche Studie zu marokkanischen Beständen kam im Sommer 2026 zu einem ähnlichen Ergebnis: Besonders im Süden liege der Befischungsdruck deutlich über dem nachhaltigen Niveau. Laut dem FAO-Weltfischereibericht sind global rund 35,5 Prozent aller Meeresfischbestände überfischt, ein Anteil, der seit Jahren steigt. Sardinen wachsen und vermehren sich zwar schnell, was sie robuster macht als langlebige Raubfische, reagieren aber empfindlich auf steigende Wassertemperaturen, wie sie der Klimawandel derzeit vor Marokko verursacht.

Von alledem ist in den viralen Clips selten die Rede. Trotz Gesundheitsvorteile bleibt die die Sardine am Ende das, was sie immer war: ein kleiner, günstiger und wirklich nahrhafter Fisch aus der Familie der Heringe.

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