Die Sorge vor KI ordnet die Softwarebranche neu. Aus einem US-Verkaufsschock wird eine Bewährungsprobe für Europas Techkonzerne.
Die Softwarebranche erlebt den heftigsten Ausverkauf an den Börsen seit den dunkelsten Tagen der Finanzkrise 2008. Auslöser ist diesmal jedoch kein Kollaps des Bankensystems, sondern die künstliche Intelligenz.
Der US-Softwaresektor ist im Januar um 14,5 % gefallen, das war die schwächste Monatsbilanz seit Oktober 2008. Anfang Februar beschleunigte sich der Ausverkauf mit einem weiteren Rückgang von rund 10 % in weniger als zwei Wochen.
Im Zentrum des Kurssturzes steht eine wachsende Sorge der Anleger. Viele fürchten, dass KI-Werkzeuge bestehende Softwareprodukte nicht nur verbessern, sondern Teile der abonnementbasierten Geschäftsmodelle aushöhlen könnten, die das Wachstum der Branche seit mehr als einem Jahrzehnt tragen.
Von KI-Lieblingen zu Börsenbremsen
In den Vereinigten Staaten haben einige frühere Börsenstars der Branche dramatische Rückschläge erlebt.
Unity Software, Anbieter von Werkzeugen für Spieleentwickler, die Cybersicherheitsfirma Rapid7 und die Kundenplattform Braze haben seit Jahresbeginn jeweils mehr als die Hälfte ihres Börsenwerts verloren.
Auch die Schwergewichte bleiben nicht verschont. Palantir, lange als Gradmesser für KI-Aktien gesehen, sowie die Unternehmenssoftware-Konzerne Salesforce, Intuit und ServiceNow liegen seit Jahresbeginn rund 30 % im Minus.
Einer der wichtigsten Auslöser des Ausverkaufs war die Vorstellung neuer Unternehmens-Plugins für den KI-Assistenten Claude durch Anthropic im Januar.
Nach dieser Ankündigung stellten sich Anleger plötzlich eine unangenehme Frage: Wenn KI das Gleiche leisten kann wie diese Softwareplattformen, wozu braucht man die Plattformen überhaupt noch?
Wenn die USA niesen, wird Europa krank
Die europäische Softwarebranche kommt auf einen Börsenwert von rund 300 Mrd. € und konzentriert sich stark auf einige wenige Konzerne.
Diese Konzentration macht jeden Prozentpunkt Kursverlust sichtbarer und schmerzhafter.
Der deutsche Technologiekonzern SAP ist mit einer Marktkapitalisierung von etwa 200 Mrd. € mit Abstand das größte europäische Softwareunternehmen.
Die SAP-Aktie hat seit Jahresbeginn bereits rund 20 % verloren und liegt etwa 40 % unter ihrem Höchststand vom Februar 2025.
Rechnerisch hat SAP allein im vergangenen Jahr 188 Mrd. € an Börsenwert eingebüßt, fast die Hälfte der aktuellen Marktkapitalisierung.
Noch beunruhigender als die Zahl ist der Trend: SAP steuert auf den neunten Monat in Folge mit Kursverlusten zu. So etwas hat es in mehr als drei Jahrzehnten Börsengeschichte noch nicht gegeben.
Für einen Konzern, der lange als Stütze der europäischen Tech-Resilienz galt, ist das ein deutliches Signal.
Das französische Unternehmen Dassault Systèmes, bekannt für seine 3D-Konstruktions- und Engineering-Plattformen für Luftfahrt und Industrie, rangiert mit einer Marktkapitalisierung von rund 24 Mrd. € auf Platz zwei der börsennotierten europäischen Softwarekonzerne.
Die Aktie ist seit Jahresbeginn um etwa 25 % gefallen und steuert auf den fünften Verlustmonat in Folge zu, die längste Durststrecke seit 2016.
Auf dem dritten Platz folgt Sage Group. Der britische Anbieter von Buchhaltungssoftware liegt seit Jahresbeginn rund 25 % im Minus, allein im Februar ging es um 17 % bergab. Damit steuert der Titel auf den schwächsten Monat seit Juli 2002 zu.
Die britische Informations- und Analysegruppe RELX sackte Anfang des Monats an einem Handelstag um 17 % ab, der stärkste Tagesverlust seit 1988. Nun droht auch hier der schlechteste Börsenmonat seit Beginn der Aufzeichnungen.
Die schwächsten europäischen Softwarewerte des Jahres 2026
Wenn schon die europäischen Schwergewichte unter Druck stehen, spüren mittelgroße Firmen die Belastung noch stärker.
Kleinere Unternehmen haben meist eine engere Kundenbasis und weniger diversifizierte Einnahmequellen. Stimmungsumschwünge an den Märkten schlagen deshalb schneller und heftiger auf die Kurse durch.
Das französische Unternehmen Sidetrade, das künstliche Intelligenz einsetzt, um Firmen beim Management von Order-to-Cash-Prozessen zu unterstützen, hat seit Jahresbeginn fast 50 % verloren. Es ist damit der am stärksten getroffene Wert im europäischen Softwareuniversum.
Lime Technologies aus Schweden, ein CRM-Anbieter mit Schwerpunkt auf den nordischen Ländern, liegt fast 38 % im Minus. Das dänische Unternehmen cBrain, bekannt für seine digitalen Plattformen für Behörden, hat rund 35 % verloren.
Die norwegische LINK Mobility Group, die Kommunikations- und Messaging-Plattformen für Unternehmen anbietet, und SmartCraft, ein Anbieter cloudbasierter Werkzeuge für die Bauindustrie, haben jeweils etwa 32 % eingebüßt.
Auch der französische Konzern 74Software, spezialisiert auf API-Management und digitale Finanzintegration, verzeichnet einen ähnlich steilen Rückgang.
Panik in der Softwarebranche oder nur eine Neubewertung?
Die Einschätzungen von Experten spiegeln die Unsicherheit an den Märkten.
Jensen Huang, Vorstandschef von Nvidia, wies die Vorstellung zurück, KI könne Software ersetzen. Das sei „das Unlogischste überhaupt“, sagte er. KI werde bestehende Systeme eher verstärken, nicht verdrängen.
Das Analysehaus Wedbush Securities spricht von einem „Armageddon-Szenario“, das mit der wirtschaftlichen Realität wenig zu tun habe. Unternehmen würden ihre Software-Infrastruktur nicht von heute auf morgen ausreißen.
Auch Strategen von JP Morgan sehen die Gefahr, dass Anleger Worst-Case-Szenarien einpreisen, die sich kurzfristig kaum bewahrheiten dürften.
Der erfahrene Wall-Street-Investor Ed Yardeni sagt, die Märkte seien von „AI-phoria zu AI-phobia“ umgeschwenkt. Die Bewertungen der Branche wirkten nun zwar attraktiver, doch die Gewinnerwartungen spiegeln die drohende Abkühlung im Softwaregeschäft möglicherweise noch nicht vollständig wider.
Andere mahnen jedoch zur Vorsicht. Ben Snider, Stratege bei Goldman Sachs, warnt vor „langfristigen Abwärtsrisiken“ und verweist auf Branchen wie Zeitungen oder Tabak, die den strukturellen Wandel unterschätzt haben.
Der Experte sieht eine grundlegende Rotation an den Märkten. Anleger stoßen KI-exponierte Softwarewerte rasch ab und schichten Kapital in zyklische und Substanzwerte um, die enger mit der „Realwirtschaft“ verknüpft sind.
Wie geht es weiter?
Im Kern steht eine Frage: Handelt es sich nur um eine überfällige Neubewertung einer Branche, die jahrelang von hohen Bewertungen profitierte? Oder sehen wir die Frühphase eines tieferen Strukturwandels, den die KI antreibt?
Für Anleger geht es bei dem aktuellen Ausverkauf um mehr als die Zahlen der nächsten Quartalsberichte oder Zinsprognosen. Dahinter steckt eine grundsätzliche Unsicherheit darüber, wie in einer KI-getriebenen Wirtschaft künftig Wert geschaffen und abgeschöpft wird.
Wenn KI-Werkzeuge den Bedarf an mehreren Schichten von Unternehmenssoftware verringern, könnten Margen und Preismacht unter Druck geraten.
Steigert KI dagegen die Produktivität innerhalb der bestehenden Plattformen, könnte sich die heutige Korrektur als überzogen erweisen.
Die Geschichte zeigt, dass technologische Umbrüche selten ganze Branchen auslöschen. Sie ordnen meist die Kräfteverhältnisse neu.
Einige Unternehmen werden gestärkt aus der Phase hervorgehen, andere werden um Preismacht und Relevanz kämpfen.
Die Softwarebranche verschwindet nicht über Nacht. Aber die künftigen Gewinner und Verlierer dürften ganz anders aussehen als im vergangenen Jahrzehnt.