Big-Tech-Konzerne investieren massiv in KI und planen in diesem Jahr über 700 Milliarden Dollar (590 Milliarden Euro) an Ausgaben – rund 75 Prozent mehr als 2025.
Mehrere Tech-Giganten haben in den vergangenen Wochen ihre Quartalszahlen vorgelegt und erstmals konkrete Angaben zu ihren Investitionen für das Jahr 2026 gemacht – flankiert von Prognosen führender Analystinnen und Analysten.
Besonders aufmerksam verfolgt Wall Street einen Wert: die für dieses Jahr veranschlagten Sachinvestitionen (CapEx). Zusammen addiert sich das auf mehr als 700 Mrd. Dollar (590 Mrd. Euro) für KI-Infrastruktur.
Das übertrifft laut IWF bereits das gesamte nominale Bruttoinlandsprodukt Schwedens für 2025 – eines der größten Volkswirtschaften Europas.
Auch der weltweite Chip-Umsatz soll nach Angaben des US-Branchenverbands Semiconductor Industry Association in diesem Jahr erstmals die Marke von 1 Billion Dollar (842 Mrd. Euro) erreichen.
Hinzu kommt: Großbanken und Beratungsfirmen wie JPMorgan Chase und McKinsey rechnen damit, dass die gesamten KI-Investitionen (CapEx) bis 2030 die Schwelle von 5 Billionen Dollar (4,2 Billionen Euro) überschreiten – getrieben von einer „astronomischen Nachfrage“ nach Rechenleistung.
Unter CapEx versteht man Mittel, die ein Unternehmen in langlebige Vermögenswerte steckt – etwa in Grundstücke, Anlagen oder neue Technologien. Diese Investitionen sollen Kapazität und Effizienz des Unternehmens über mehrere Jahre erhöhen.
Die Ausgaben werden zudem nicht vollständig im selben Jahr abgeschrieben. CapEx fließt zunächst als Vermögenswert in die Bilanz ein und wird dann über Abschreibungen verteilt. Für Anleger ist das ein zentraler Indikator dafür, wie stark ein Konzern in künftiges Wachstum und seine operative Stärke investiert.
Der jetzige Sprung bestätigt einen klaren Kurswechsel, der 2025 einsetzte. Damals sollen die großen Tech-Konzerne bereits rund 400 Mrd. Dollar (337 Mrd. Euro) allein für KI-Investitionen ausgegeben haben.
Nvidia-Gründer und -CEO Jensen Huang spricht seit Monaten von nichts anderem. Auch beim Weltwirtschaftsforum in Davos im vergangenen Monat erklärte er, wir erlebten derzeit „den größten Infrastrukturausbau der Menschheitsgeschichte“.
Hyperscaler setzen alles auf eine Karte
An der Spitze der Ausgabenpläne für 2026 steht Amazon. Der Konzern will allein rund 200 Mrd. Dollar (170 Mrd. Euro) investieren.
Zur Einordnung: Allein Amazons KI-CapEx für dieses Jahr übersteigt nach IWF-Berechnungen die Summe der nominalen Wirtschaftsleistung der drei baltischen Staaten im Jahr 2025.
Dahinter folgt Alphabet, die Mutter von Google, mit 185 Mrd. Dollar (155 Mrd. Euro). Microsoft und Meta planen Investitionen von 145 Mrd. Dollar (122 Mrd. Euro) beziehungsweise 135 Mrd. Dollar (113 Mrd. Euro).
Oracle hat seine CapEx-Planung für 2026 ebenfalls angehoben – auf 50 Mrd. Dollar (42,1 Mrd. Euro) und damit fast 15 Mrd. Dollar (12,6 Mrd. Euro) mehr als zuvor erwartet.
Tesla rechnet zudem mit fast doppelt so hohen Ausgaben wie bislang, nämlich mit knapp 20 Mrd. Dollar (16,8 Mrd. Euro). Das Geld soll vor allem die Robotaxi-Flotte skalieren und die Entwicklung des humanoiden Roboters Optimus vorantreiben.
Ein weiteres Unternehmen von Elon Musk, xAI, will 2026 mindestens 30 Mrd. Dollar (25,2 Mrd. Euro) ausgeben.
In Mississippi entsteht zudem ein neues Rechenzentrum für 20 Mrd. Dollar (16,8 Mrd. Euro) mit dem Namen MACROHARDRR. Gouverneur Tate Reeves spricht von „der größten Investition der Privatwirtschaft in der Geschichte des Bundesstaates“.
xAI erweitert außerdem den sogenannten Colossus, einen Verbund von Rechenzentren im US-Bundesstaat Tennessee, den Musk als größten KI-Supercomputer der Welt beschreibt.
Anfang dieses Monats hat SpaceX xAI in einem reinen Aktientausch übernommen.
Durch den Zusammenschluss kommt SpaceX auf eine Bewertung von 1 Billion Dollar (842 Mrd. Euro) und xAI auf 250 Mrd. Dollar (210 Mrd. Euro). Zusammen entsteht damit ein Konzern im Wert von 1,25 Billionen Dollar (1,05 Billionen Euro) – nach jetzigem Stand das höchstbewertete nicht börsennotierte Unternehmen der Geschichte.
Zudem kursieren Berichte, wonach SpaceX noch in diesem Jahr an die Börse gehen will. Morgan Stanley soll in Gesprächen sein, um den Börsengang zu begleiten – inklusive des nun integrierten xAI-Geschäfts.
Musk spricht von einer „integrierten Innovationsmaschine“, die KI, Raketen und Satelliteninternet vereinen soll. Langfristig gehören dazu nach seinen Plänen sogar Rechenzentren im All, die mit Solarenergie betrieben werden.
Im Gegensatz dazu hinkt Apple bei den Ausgaben hinterher – mit „nur“ rund 13 Mrd. Dollar (10,9 Mrd. Euro) für dieses Jahr.
Allerdings hat der Konzern im vergangenen Monat eine mehrjährige Partnerschaft mit Google angekündigt. Die Gemini-Modelle sollen in die nächste Generation von Apple Intelligence einfließen.
Konkret wollen beide Unternehmen vor allem Siri grundlegend überarbeiten und KI-Funktionen direkt auf den Geräten deutlich ausbauen. De facto lagert Apple damit einen großen Teil der Investitionen aus, die für eine konkurrenzfähige KI-Entwicklung nötig wären.
Nvidia selbst legt seine Zahlen und neuen Prognosen am 25. Februar vor.
Der Konzern verdient vor allem mit KI-Chips und dürfte den Löwenanteil der Investitionen der großen Tech-Unternehmen einstreichen – insbesondere beim Ausbau der Rechenzentren.
In einer Telefonkonferenz im August vergangenen Jahres schätzte CEO Jensen Huang die Kosten pro Gigawatt Rechenzentrumskapazität auf 50 bis 60 Mrd. Dollar (42,1 bis 50,5 Mrd. Euro). Rund 35 Mrd. Dollar (29,5 Mrd. Euro) davon entfielen laut ihm jeweils auf Nvidia-Hardware.
Die große Kapitalverschiebung
An der Wall Street stoßen die gewaltigen Ausgabenpläne der Tech-Konzerne für 2026 auf ein geteiltes Echo.
Zum einen erkennen Anleger die Notwendigkeit und den Zeitdruck, sich im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz einen Vorsprung zu sichern. Zum anderen schreckt viele die schiere Größenordnung dieser Summen. Die Toleranz des Marktes hängt zunehmend davon ab, ob die Unternehmen ab diesem Jahr messbare Renditen vorweisen können – zumal sie die Investitionen immer häufiger über hohe Schulden finanzieren.
Morgan Stanley schätzt, dass die sogenannten Hyperscaler 2026 rund 400 Mrd. Dollar (337 Mrd. Euro) aufnehmen werden. 2025 waren es noch 165 Mrd. Dollar (139 Mrd. Euro).
Der Schuldenboom könnte das Volumen neu ausgegebener US-Unternehmensanleihen mit Top-Rating in diesem Jahr auf einen Rekordwert von 2,25 Billionen Dollar (1,9 Billionen Euro) treiben.
Den prognostizierten Erlösen aus KI-Geschäften steht das jedoch bislang nicht annähernd gegenüber. Das nährt berechtigte Sorgen: Hardware könnte durch schnelle Innovationszyklen rasch an Wert verlieren, dazu kommen hohe laufende Kosten etwa für Energie.
Fest steht: Die Rechnungen der Konzerne hängen stark von künftigem Erfolg ab.
Auch Google-Chef Sundar Pichai räumte in diesem Monat ein, es gebe „Elemente von Irrationalität im aktuellen Ausgabentempo“.
Bereits im November meldete sich Alex Haissl, Analyst bei Rothschild & Co, als kritische Stimme zu Wort und senkte seine Empfehlungen für Amazon und Microsoft.
In einer Notiz an Kundinnen und Kunden schrieb er, Anleger bewerteten die CapEx-Pläne von Amazon und Microsoft, „als würden noch immer die Cloud-1.0-Ökonomien gelten“. Er spielte damit auf die schlanken Kostenstrukturen klassischer Cloud-Dienste an, die Big Tech in den vergangenen zwei Jahrzehnten enormes Wachstum ermöglicht haben.
Doch, so Haissl weiter, es gebe „einige Probleme, die darauf hindeuten, dass der KI-Boom vermutlich anders verlaufen wird – und wahrscheinlich deutlich teurer ist, als viele Investoren ahnen“.
Diese Sicht teilt auch Michael Burry, einer der ersten Investoren, der 2008 die Subprime-Krise erkannte und daran verdiente. Er warnt, der aktuelle KI-Boom trage Züge einer Blase, genährt von kaum nachhaltigen Investitionsplänen.
Das KI-Wettrennen der Tech-Giganten basiert auf enormer Verschuldung. Ob sich diese Strategie auszahlt – und welche Unternehmen am Ende zu den Gewinnern oder Verlierern gehören – wird sich erst in einigen Jahren zeigen.
Derzeit zählt Nvidia klar zu den größten Profiteuren. Apple wählt dagegen einen eigenständigen Ansatz: Der Konzern setzt stärker auf externe Partner wie Google, statt seine eigenen Ausgaben massiv aufzublähen. Ein anderer Risiko-Rendite-Mix.
Europas industrielles Defizit
Angesichts dieser Investitionswelle stellt sich dringlich die Frage, wie Europa in einem Wettlauf mithalten kann, der sich zunehmend in den Bilanzen entscheidet.
Für die Europäische Union fällt der transatlantische Vergleich ernüchternd aus. Während US-Konzerne in nur einem Jahr fast 600 Mrd. Euro mobilisieren, reichen die koordinierten Anstrengungen der EU nicht einmal an das Niveau des kleinsten großen US-Tech-Players heran.
Brüssel versucht gegenzuhalten – mit der Initiative „AI Factories“ und dem im vergangenen April gestarteten „AI Continent Action Plan“, die öffentliche und private Mittel bündeln sollen.
Doch die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Die gesamten europäischen Ausgaben für souveräne Cloud- und Dateninfrastruktur dürften 2026 nur bei rund 10,6 Mrd. Euro liegen.
Das entspricht zwar einem beachtlichen Plus von 83 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Vergleich zum US-Ausbau der KI-Infrastruktur bleibt es aber kaum mehr als eine statistische Rundungsdifferenz.
Schon im vergangenen Jahr, als diese Programme noch verhandelt wurden, zog Arthur Mensch, CEO des französischen KI-Start-ups Mistral AI, einen drastischen Vergleich: „US-Konzerne bauen jedes Jahr das Äquivalent zu einem neuen Apollo-Programm.“
Europa entwickle zwar mit dem AI Act eine hervorragende Regulierung, so Mensch weiter. „Aber zur Rechenmacht kann man sich nicht regulieren.“
Mistral steht für einen der wenigen Lichtblicke im europäischen KI-Wettlauf. Das französische Unternehmen verfolgt eine ähnliche Strategie wie die großen US-Konzerne und expandiert aggressiv mit eigener Infrastruktur.
Im September 2025 sammelte Mistral AI in einer Series-C-Runde 1,7 Mrd. Euro ein und wurde dabei mit knapp 12 Mrd. Euro bewertet. Angeführt wurde die Runde vom niederländischen Halbleiterriesen ASML, der allein 1,3 Mrd. Euro beisteuerte.
Beim Weltwirtschaftsforum in Davos im vergangenen Monat bestätigte Mensch ein Investitionsprogramm von 1 Mrd. Euro für 2026.
Erst vergangene Woche kündigte das Unternehmen zudem eine Großinvestition von 1,2 Mrd. Euro für den Bau eines Rechenzentrums im schwedischen Borlänge an.
Gemeinsam mit dem schwedischen Betreiber EcoDataCenter soll der Standort „souveräne Rechenleistung“ anbieten, die den strengen EU-Datenvorgaben entspricht und gleichzeitig Schwedens reichlich vorhandene Grünstrom-Kapazitäten nutzt.
Das Rechenzentrum soll 2027 in Betrieb gehen und die Hochleistungsrechner bereitstellen, die Mistral für Training und Einsatz seiner nächsten KI-Modelle benötigt.
Für Mistral ist das ein wichtiger Schritt: Es ist das erste Infrastrukturprojekt außerhalb Frankreichs – und zugleich ein Kernbaustein für europäische Datensouveränität.
Die US-Tech-Giganten versuchen derweil, europäische Aufseher mit sogenannten „sovereign-light“-Lösungen zu besänftigen. In mehreren Ländern, etwa in Deutschland und Portugal, entstehen „lokalisierte Cloud-Zonen“, die Datenresidenz versprechen.
Kritikerinnen und Kritiker halten dagegen: Technisch blieben diese Angebote von den US-Muttergesellschaften abhängig. Damit bleibe die europäische Industrie anfällig für die wirtschaftlichen und außenpolitischen Entscheidungen Washingtons.
Im Verlauf des Jahres 2026 wird klar, wie hoch der Einsatz ist. Die USA setzen für die angestrebte KI-Dominanz faktisch ihr gesamtes Kapital – und einen Teil ihrer Bonität – aufs Spiel.
Europa agiert vorsichtiger und mit deutlich weniger Kapital. Die Hoffnung: Mit gezielten Investitionen und kluger Regulierung dennoch eine eigene, souveräne Nische in einer zunehmend von amerikanischer Technologie bestimmten Welt zu sichern.