Heute sitzt Kanzler Merz bei Trump im Oval Office. Während in Washington über Krieg, Sicherheit und Wirtschaft gesprochen wird, läuft im Netz eine Wette: Auf Polymarket handeln Nutzer live, welche Worte beim Trump-Merz-Termin fallen. Prognosemärkte machen Politik zur Spekulation – auch hierzulande.
Bundeskanzler Friedrich Merz ist heute in Washington zu Gast bei US-Präsident Donald Trump. Ab Vormittag Ortszeit treffen sich beide im Oval Office, anschließend steht ein gemeinsames Mittagessen auf dem Programm. Auf der Agenda: Beziehungen zwischen Deutschland und den USA, Wirtschaftsfragen, Sicherheitspolitik, der russische Krieg gegen die Ukraine und die Lage im Nahen Osten.
Während in der Realität diplomatische Formeln und rote Linien verhandelt werden, läuft parallel ein ganz anderer Countdown. Auf der Onlineplattform Polymarket wird auf eine scheinbar banale, aber politisch aufgeladene Frage gewettet: "Was wird Trump während der Veranstaltungen mit Bundeskanzler Merz am 3. März sagen?" Nicht der Ausgang des Treffens steht dort im Mittelpunkt, sondern Trumps inhaltliche Akzente und die genaue Wortwahl. Welche Stichworte fallen und welche nicht, wird zum handelbaren Ereignis.
Bei den Begriffen, auf die getippt wird, liegt "Iran" um 7:00 Uhr mitteleuropäischer Zeit bei 87 Prozent vorn. Das entspricht den erwarteten Gesprächsthemen des Treffens auch mit Blick auf die geopolitische Lage. Dahinter folgen "NATO" (84 Prozent) und "Europäische Union / EU" (81 Prozent). Weitere häufig gehandelte Stichworte sind "Nuklear" (67 Prozent) und die Nennung des Worts "Prozent 7-mal oder öfter" (66 Prozent). Das Gesamtvolumen des Marktes liegt zu diesem Zeitpunkt bei 15.646 Dollar. Die Kurse verändern sich dabei teils im Minutentakt.
Wie dynamisch das ist, zeigt der Iran-Markt besonders deutlich: Während "Iran" um 7:00 Uhr noch bei 87 Prozent lag, steht der Begriff um 9:30 Uhr MEZ bei 84 Prozent – die erwartete Wortwahl wird also schon am Morgen sichtbar nach unten gehandelt.
Solche Prognosemärkte funktionieren wie Börsen für Wahrscheinlichkeiten. Nutzer kaufen "Ja"- und "Nein"-Anteile auf den Eintritt eines Ereignisses, die Kurse schwanken in Echtzeit. Das Spektrum reicht von Weltpolitik bis Popkultur, vom nächsten US-Präsidenten bis zu kuriosen Fragen wie etwa: "Werden die USA vor 2027 bestätigen, dass Außerirdische existieren?"
Der Markt wächst rasant: Aus einer Nische ist binnen kurzer Zeit ein Milliardengeschäft geworden. Auch in Deutschland werden diese Wetten immer populärer, obwohl sie nach deutschem Recht verboten sind.
Was ist Polymarket und wie funktioniert es?
Polymarket ist eine 2020 gegründete Onlineplattform, auf der Nutzer auf den Ausgang realer Ereignisse wetten können. Bezahlt wird meist mit USDC, einer digitalen Münze, die an den US-Dollar gekoppelt ist. Nutzer kaufen Anteile auf "Ja" oder "Nein" und können sie wie an einer Börse handeln. Der Preis eines Anteils liegt zwischen 0 und 1 Dollar und entspricht der aktuellen Marktwahrscheinlichkeit: Kostet ein Ja-Anteil 0,82 Dollar, bewertet der Markt den Eintritt mit 82 Prozent. Tritt das Ereignis ein, wird 1 Dollar ausgezahlt, andernfalls verfällt der Anteil.
Anders als bei klassischen Wettanbietern gibt es keine festen Quoten. Die Preise entstehen durch Angebot und Nachfrage in Echtzeit. Technisch wird das über Smart Contracts auf der Blockchain abgewickelt. Ob ein Ereignis eingetreten ist, klären sogenannte Orakel wie UMA, die dazu externe Quellen wie offizielle Statements, Berichte oder Videos heranziehen.
Die Grundidee: Viele Einzelmeinungen mit echtem Geldeinsatz ergeben zusammen oft eine treffsichere Prognose. Befürworter halten Prognosemärkte deshalb für präziser als Umfragen, Kritiker warnen vor Manipulation und Insiderhandel. Neben Polymarket funktioniert auch die US-Plattform Kalshi nach einem ähnlichen Prinzip.
Gründer und Aufstieg
Hinter Polymarket steht der US-Unternehmer Shayne Coplan. Er gründete die Plattform während der Corona-Pandemie mit Anfang 20 und baute sie nach eigener Darstellung zunächst ohne nennenswertes Kapital auf. Coplan gilt laut Bloomberg mit 27 Jahren als jüngster Selfmade-Milliardär. Nach einer 2-Milliarden-Dollar-Investition der Intercontinental Exchange (ICE), dem Eigentümer der New York Stock Exchange, wird Polymarket demnach mit 9 Milliarden Dollar bewertet.
Von der Wahl zum Krieg: Die großen Märkte der Plattform
Den Durchbruch erlebte Polymarket bei der US-Präsidentschaftswahl 2024. Allein auf den Markt "Presidential Election Winner" wurden rund 3,6 bis 3,7 Milliarden Dollar gesetzt. Auf Polymarket wurde Trump über Wochen als wahrscheinlicher Sieger gehandelt. Die Wettkurse deuteten also früh darauf hin, dass er vorne liegt – früher als viele klassische Umfragen. Ein einzelner Trader, später als Franzose identifiziert und von Medien "Theo" genannt, setzte über 30 Millionen Dollar auf Trump und kassierte nach dessen Sieg mehr als 80 Millionen Dollar Gewinn.
2025 brach Polymarket seinen eigenen Wochenrekord: 1,25 Milliarden Dollar wurden in einer einzigen Woche umgesetzt. Das Angebot an Märkten ist seither stark gewachsen und reicht von Bitcoin-Kursmarken über Oscargewinner und Papstwahlen bis hin zu geopolitischen Ereignissen.
Der Iran-Skandal: Insiderhandel-Vorwürfe
Im Zusammenhang mit dem US-israelischen-Angriff auf den Iran rückte Polymarket erneut in den Fokus der Öffentlichkeit. Über verschiedene Markttermine hinweg wurden mehr als 529 Millionen Dollar auf mögliche US-Militärschläge gegen den Iran umgesetzt. Allein der Markt mit Fälligkeit 28. Februar 2026 erreichte rund 90 Millionen Dollar Volumen.
Die Blockchain-Analysefirma Bubblemaps fand sechs Krypto-Konten, die kurz vor den Angriffen auf einen US-Schlag setzten und damit zusammen rund 1,2 Millionen Dollar Gewinn machten. Auffällig: Alle sechs Konten wurden erst innerhalb der 24 Stunden davor zum ersten Mal mit Geld befüllt und zeigten sonst keine weiteren Aktivitäten. Financial Times, TechCrunch und Bloomberg berichteten über diese Transaktionen und über den Verdacht auf Insiderhandel.
Es ist nicht der erste derartige Fall. Bei Wetten auf den Machtverlust von Nicolás Maduro in Venezuela setzte ein Nutzer, dessen Account erst kurz zuvor erstellt worden war, 32.537 Dollar ein und kassierte 436.000 Dollar, kurz bevor die Festnahme offiziell bekannt wurde.
Auch aktuell laufen auf Polymarket wieder hochvolumige Iran-Märkte. Im Markt "Die USA/Israel schlagen den Iran am …?" wurden seit Start am 28. Februar bereits rund 6,3 Millionen Dollar umgesetzt. Parallel dazu zieht der Markt "Wer wird der nächste Oberste Führer des Iran?" starkes Kapital an: Das Handelsvolumen liegt bei rund 5,7 Millionen Dollar. Beide Märkte bewegen sich extrem dynamisch, die Preise reagieren teils im Minutentakt auf neue Meldungen.
Deutsche Politik als Wettkategorie
Unter der Kategorie "German Politics" laufen auf Polymarket derzeit Dutzende Märkte. Für die Landtagswahl in Baden-Württemberg am 8. März 2026 sieht Polymarket aktuell die CDU mit 71 Prozent vorn. Die Grünen liegen bei 28 Prozent, die AfD bei 1 Prozent, die FDP bei unter 1 Prozent. Das Gesamtvolumen des Marktes liegt bei über einer Million Dollar. Für einen Deutschland-bezogenen Polymarket-Markt ist das vergleichsweise viel. Interessant ist, wie schnell sich solche Kurse verschieben können: In den jüngsten Umfragen in Baden-Württemberg liegen CDU und Grüne deutlich näher beieinander (je nach Institut teils nur wenige Punkte Abstand), und genau auf solche neuen Meldungen und Umfragewerte reagieren die Polymarket-Wahrscheinlichkeiten oft spürbar.
Auch Merz’ politisches Durchhaltevermögen wird auf Polymarket gehandelt. In einem eigenen Markt wetten Nutzer darauf, ob Merz noch vor Ende 2026 sein Kanzleramt verliert und damit nicht bis 2027 im Amt bleibt. Aktuell liegt die geschätzte Wahrscheinlichkeit bei 13 Prozent, das Handelsvolumen bei 40.478 Dollar.
Rechtlich verboten: Die Lage in Deutschland
In Deutschland sind solche Politikwetten auf Polymarket grundsätzlich illegal, weil die Plattform hier keine Zulassung hat. Wer trotzdem mitmacht, riskiert strafrechtliche Konsequenzen. Dazu kommt: Auffällige Gewinne oder Geldeingänge können bei Banken Alarm auslösen und geprüft werden. Außerdem sind solche Wetten rechtlich meist unwirksam, im Streitfall hat man also oft keinen Anspruch auf Auszahlung. Auch andere Länder gehen gegen Polymarket vor, während die USA noch an einer klaren Regulierung für Prognosemärkte arbeiten.
Und trotzdem: Prognosemärkte wie Polymarket sind in kurzer Zeit von der Nische zum globalen Phänomen geworden. Medien zitieren sie, Experten diskutieren sie, Behörden beobachten sie. Das Merz-Trump-Treffen zeigt, wie solche Plattformen politische Ereignisse begleiten und Erwartungen in Echtzeit abbilden. Zugleich wächst die Sorge, dass Wettkurse Stimmungen nicht nur messen, sondern sie durch Aufmerksamkeit und mögliche Manipulation auch beeinflussen können, besonders in kleinen Märkten.