Friedrich Merz staunte in China über tanzende humanoide Roboter. Während Unitree den Markt dominiert, kämpft Europa mit wenig Kapital und unklaren Regeln. Es bestehen aber auch Möglichkeiten.
Im Februar erlebte der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz in Hangzhou, Westchina, eine Live-Vorführung humanoider Roboter: Sie tanzten, schlugen Saltos und boxten. Nach seiner Rückkehr bemerkte Merz, Deutschland sei "einfach nicht mehr produktiv genug".
Dass humanoide Roboter bei den chinesischen Neujahrsfeierlichkeiten im Mittelpunkt standen, unterstreicht Chinas Dominanz im Robotikmarkt zu Beginn des Jahres 2026. Das Hangzhouer Unternehmen Unitree führt diesen Sektor an: Rund 87 Prozent aller im Jahr 2025 ausgelieferten humanoiden Roboter stammen aus China.
Trotz der Aufmerksamkeit, die Unitrees Roboter auf sich ziehen, bleibt die tatsächliche Anzahl weltweit ausgelieferter Roboter überschaubar: Im vergangenen Jahr wurden nur etwas mehr als 13.000 Stück verkauft. Unitree liegt mit über 4.000 Exemplaren an zweiter Stelle, direkt hinter Agibot mit 5.168, berichtet Forbes.
Das hält Investoren jedoch nicht ab: Laut einer Barclays-Studie vom Januar 2026 könnte der globale Markt für humanoide Roboter, derzeit 2-3 Milliarden Dollar wert, bis 2035 auf 200 Milliarden Dollar anwachsen. Europa könnte dabei von seiner traditionellen Stärke im Maschinenbau und in der Automobilindustrie profitieren.
Europas Herausforderung
In der Praxis sieht es für europäische Startups schwierig aus: Rodion Shishkov, Gründer des Londoner Bautechnologieunternehmens All3, erklärte bei Euronews Next, dass für Robotik-Startups in Europa nur ein Bruchteil des Kapitals verfügbar sei, das US- und chinesische Konkurrenten erhalten. Sein Startup kämpft um Investitionen, während andere im Überfluss Kapital haben.
"Hier in Europa muss ich um zig Millionen Euro ringen – während ein ähnlich entwickeltes US-Unternehmen Milliarden bekommt", so Shishkov. Besonders schwierig sei die Finanzierung funktionaler, nicht-humanoider Roboter, wie sie All3 für Bauprojekte entwickelt. Humanoide Startups erhalten oft den Vorzug, obwohl sie in vielen Anwendungen weniger effizient sind.
"Man muss bei der Funktion anfangen, nicht bei der Form. Wenn ein großes Loch gegraben werden muss, brauchen wir keinen humanoiden Roboter mit Spaten, sondern einen Bagger. Und wenn es ein selbstfahrendes Auto gibt, muss nicht ein humanoider Roboter es fahren", erklärt Shishkov.
Auch Andrei Danescu, CEO des Logistik- und KI-Startups Dexory, warnt davor, Merz’ China-Reise könnte die Robotik als reinen Schönheitswettbewerb darstellen. Entscheidend sei nicht, ob ein Roboter auf zwei Beinen läuft, sondern ob er echte Probleme löst – etwa kollaborative Arme in Fabrikhallen, autonome Logistikfahrzeuge in Lagerhäusern oder chirurgische Assistenten in OP-Sälen.
Die Roboter-Lieferkette
Danescu betont die Bedeutung langfristiger Investitionen: "China investiert ernsthaft in die gesamte Robotik – Hardware, Software, Fertigungsintegration. Andere Regionen investieren ebenfalls mit Nachdruck. Jetzt ist nicht die Zeit für Selbstgefälligkeit oder Bürokratie."
Europa habe ein kleines, aber starkes Robotik-Ökosystem, besonders in Feinmechanik, Industrieautomatisierung und kritischen Anwendungen. Doch Stärke allein garantiere keine Dynamik. Er fordert klare Normen, Haftungsrahmen für autonome Systeme und öffentliche Investitionen, die den globalen Ambitionen entsprechen.
"Das KI-Gesetz ist ein Anfang, aber Robotik braucht eigene Aufmerksamkeit: Politik, Finanzierung, Strategie. Wir können unseren Weg zur Wettbewerbsfähigkeit nicht regulieren, aber wir können verhindern, dass wir ihn verlieren", so Danescu.
Sam Baker, Investor bei Planet A und zuvor in der industriellen Fertigung tätig, sieht die größte Herausforderung in der Integration von Robotern in bestehende Arbeitsabläufe, insbesondere in Bereichen wie Bau, wo Roboter neben Menschen arbeiten müssen. Der entscheidende Engpass sei die Sicherheit: "Es gibt kaum Vorschriften, wie solche Automatisierung sicher umgesetzt werden kann."
Einige Unternehmen testen bereits nicht-humanoide Roboter: BMW kündigte an, in Leipzig humanoide Roboter in bestehende Produktionslinien zu integrieren – auch für Batterien und Komponenten. Baker hält dies für den richtigen Ansatz: "Man probiert es aus und sieht, was passiert, anstatt sofort ROI und Prozessbeschleunigung zu berechnen."
Bezüglich des Wettbewerbs mit China ist Baker realistisch: "Wir können nicht die komplette Unabhängigkeit von chinesischen Hardware-Lieferketten erreichen. Aber Europa bietet viele Chancen in Intelligenz, Daten und experimentellen Ansätzen – oft kostengünstig."