Nach acht Jahren zäher Gespräche: EU und Australien schließen Handelsabkommen. Von Sekt bis kritische Rohstoffe – das ändert sich für wen.
Acht Jahre, fünfzehn Verhandlungsrunden, eine unterbrochene Gesprächsrunde im Jahr 2023 und ein globaler Handelskrieg waren nötig. Jetzt liegt das lange erwartete Abkommen endlich vor.
In dieser Woche besiegeln EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Australiens Premierminister Anthony Albanese ein Freihandelsabkommen, das das wirtschaftliche Verhältnis zu Europas vermeintlich unkompliziertestem Handelspartner neu ordnen soll – ein bemerkenswerter Erfolg in einer angespannten Phase des Welthandels.
Anders als viele der jüngsten Handelspartner der EU bereitet Australien kaum politische Kopfschmerzen, wie sie die Abkommen mit den Mercosur-Staaten oder Indien begleiten.
Beide Seiten stehen für regelbasierten Handel und demokratische Regierungsführung und blicken zunehmend skeptisch auf eine zu starke wirtschaftliche Abhängigkeit von China. Damit wird Canberra für Brüssel zu einem naheliegenden Partner, das seine Lieferketten im Schatten des von US-Präsident Donald Trump ausgelösten Zollstreits breiter aufstellen will.
Der bilaterale Warenhandel zwischen EU und Australien liegt nach Angaben der Europäischen Kommission bereits bei mehr als 49,4 Milliarden Euro im Jahr. Doch ein dichtes Geflecht aus Zöllen hat bisher verhindert, dass beide Seiten das volle Potenzial dieser Beziehung ausschöpfen.
Das Abkommen räumt diese Hürden aus dem Weg. Die Folgen werden deutlich spürbar sein, vor allem für Hersteller geschützter EU-Produkte, deren Absatz in den USA zuletzt rückläufig war.
Europäische Produkte am anderen Ende der Welt
Bislang waren europäische Waren in Australien nur mit Aufpreis zu haben. Das belastete Hersteller und Kundschaft.
Das ändert sich jetzt. Australische Zölle auf europäischen Wein, Sekt, Obst, Gemüse und Schokolade fallen vom ersten Tag an auf null. Für Käse läuft die Abschaffung gestaffelt über drei Jahre.
Auch Champagner, Spirituosen, Kekse und Pasta werden an australischen Kassen spürbar günstiger.
Für europäische Produzenten geht es aber um mehr als nur den Preis.
Geschützte geografische Angaben – also der EU-Schutz, der etwa Champagner von einfachem Sekt oder Pecorino Romano von gewöhnlichem Schafskäse unterscheidet – waren lange ein Streitpunkt. Nach einer kurzen Übergangsfrist gelten sie nun vollständig auch in Australien.
Beim Begriff Feta ist die Lage komplizierter. Australische Hersteller, die die Bezeichnung seit mindestens fünf Jahren ununterbrochen verwenden, dürfen dies weiterhin tun, müssen die Herkunft ihrer Produkte aber klar ausweisen.
Prosecco-Produzenten im australischen King Valley dürfen ihre Ware weiter im Inland verkaufen. Nach zehn Jahren enden jedoch die Exportmöglichkeiten unter diesem Namen.
Weitere Lebensmittel, die am anderen Ende der Welt billiger werden, sind etwa die geräucherte Kransky-Wurst, Honig und Olivenöl aus der EU. Umgekehrt können sich Europäerinnen und Europäer auf günstigeren Fisch und Meeresfrüchte – darunter Hummer – sowie auf australische Walnüsse, Mandeln und Macadamianüsse freuen.
Autos bekommen Überholspur
Europäische Autobauer ärgern sich seit Jahren über die australische Luxussteuer auf Fahrzeuge. Der Aufschlag von 33 Prozent hat das obere Ende des europäischen Modellangebots faktisch vom Markt ferngehalten.
Das Abkommen schafft diese Steuer nicht vollständig ab, öffnet aber eine wichtige Tür.
Australien hebt die Schwelle, ab der die Luxussteuer für Elektroautos fällig wird, auf 120.000 Australische Dollar an. Damit fallen rund 75 Prozent der in der EU produzierten E-Autos nicht mehr unter die Abgabe.
Zudem liberalisiert Australien den Zugang für sämtliche in der EU hergestellten Pkw vollständig. Zölle auf Lastwagen verschwinden in kurzer Frist. Die Europäische Kommission rechnet damit, dass die EU-Ausfuhren von Fahrzeugen um bis zu 52 Prozent steigen könnten.
Am schnellsten profitieren dürften die deutschen Premiumhersteller BMW, Mercedes und Porsche. Ein separater Einfuhrzoll von 5 Prozent auf Autos wird ebenfalls gestrichen.
Milchprodukte: 400-Millionen-Euro-Chance
Die EU führte im Jahr 2025 Milchprodukte im Wert von fast 400 Millionen Euro nach Australien aus. Den größten Anteil daran hat Käse, gefolgt von Butter, Milchpulvern und Babynahrung.
Mit dem neuen Abkommen sollen diese Lieferströme kräftig zulegen. Die Kommission erwartet bei Milchexporten Wachstumsraten von bis zu 48 Prozent.
Der europäische Branchenverband Eucolait spricht von einem wichtigen, positiven Schritt und lobt sowohl den Wegfall der Zölle als auch den Schutz der Herkunftsbezeichnungen.
Strategische Bedeutung kritischer Rohstoffe
An diesem Punkt geht es nicht mehr nur um den Einkaufskorb, sondern um Geopolitik.
Das Abkommen schafft EU-Zölle auf australische kritische Rohstoffe ab, darunter Lithium und Mangan – ein wichtiger Schritt, denn beide Länder sorgen sich darüber, dass China derzeit rund 90 Prozent der weltweiten Verarbeitung seltener Erden kontrolliert. Diese Rohstoffe sind unverzichtbar für Batterien von Elektroautos, Windräder und Rüstungstechnologie.
„Wir dürfen bei so entscheidenden Rohstoffen nicht von einem einzelnen Lieferanten abhängig sein, und genau deshalb brauchen wir einander“, sagte von der Leyen am Dienstag vor dem australischen Parlament.
Schon seit einigen Jahren erklärt Brüssel die Abkehr von dieser Abhängigkeit zur Priorität.
Der Bruegel-Analyst Ignacio García Bercero argumentierte noch im Mai 2025, das Netz der Handels- und Investitionsabkommen der EU sei entscheidend, um die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit zu stärken. Es sei zugleich das wichtigste geopolitische Instrument, um Allianzen zur Bewältigung globaler Herausforderungen zu stützen. Bruegel nannte ein Abkommen mit Australien ausdrücklich als Priorität – neben Indien und wichtigen ASEAN-Partnern.
Der Ärger der Landwirte
Nicht alle jubeln über den Deal. Europäische Bauernverbände haben ähnliche Erfahrungen bereits gemacht – etwa beim Mercosur-Abkommen – und gehen auch jetzt wieder in die Offensive.
Der Dachverband Copa-Cogeca nennt die Zugeständnisse untragbar und verweist auf die Summenwirkung zahlreicher Handelsabkommen der vergangenen Jahre.
Besonders heikel ist Rindfleisch. Die jährliche Einfuhrquote für australisches Rind steigt über einen Zeitraum von zehn Jahren auf 30.600 Tonnen. Das entspricht rund 0,5 Prozent des EU-Verbrauchs und weniger als 2 Prozent der gesamten australischen Rindfleischexporte.
Beide Seiten behalten sich aber das Recht vor, Schutzklauseln zu aktivieren, falls Importwellen heimische Erzeuger in Bedrängnis bringen.
Die strukturellen Spannungen sitzen tief. In einer Analyse aus dem Jahr 2023, die sich nun als treffend erweist, erklärte der Bruegel-Senior-Fellow André Sapir, warum die Gespräche politisch so heikel sind.
„Landwirtschaftliche Erzeugnisse und Rohstoffe machen fast 85 Prozent der australischen Exporte aus, aber weniger als 20 Prozent der EU-Ausfuhren. Umgekehrt entfallen auf Industrieprodukte mehr als 80 Prozent der EU-Exporte, jedoch weniger als 10 Prozent der australischen Ausfuhren“, heißt es in der Analyse.
Beide Seiten müssen also genau in den Sektoren Zugeständnisse machen, in denen ihre Bauern und Beschäftigten besonders exponiert sind.
Der größere Zusammenhang
Das Abkommen entsteht nicht im luftleeren Raum.
Seit Donald Trump wieder im Amt ist, misst die EU Handelsabkommen deutlich mehr geostrategische Bedeutung bei. In den vergangenen Monaten hat sie Vereinbarungen mit Mexiko, der Schweiz und Indonesien abgeschlossen; zugleich steuert das Mercosur-Abkommen auf eine vorläufige Anwendung zu.
Australien ist der jüngste – und wohl symbolträchtigste – Neuzugang auf dieser Liste.
Nach Berechnungen der EU-Kommission sparen europäische Exporteure künftig mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr an Zöllen. Insgesamt könnten die EU-Warenausfuhren nach Australien in den kommenden zehn Jahren um bis zu ein Drittel wachsen.
Nun steht auf beiden Seiten die Ratifizierung an. Sie könnte ins Stocken geraten, falls Bauern in Europa und Australien starken Widerstand mobilisieren.
Das Abkommen streicht zudem EU-Zölle auf australischen Wasserstoff – ein Detail, das in vielen Berichten bislang kaum Beachtung findet.
Für einen Staatenverbund, der seine Energieversorgung nach dem Bruch mit russischem Gas noch immer neu ordnet, ist ein bevorzugter Zugang zu einem großen Produzenten von klimafreundlichem Wasserstoff von weit größerer Bedeutung als die bloßen Handelszahlen vermuten lassen.
Wasserstoff lässt sich als Brennstoff verbrennen oder in Brennstoffzellen zur Stromerzeugung nutzen; als Nebenprodukt entsteht lediglich Wasser. Damit zählt er zu den saubersten verfügbaren Energiequellen.
Der Haken: Seine Herstellung benötigt sehr viel Strom. Australien ist dafür gut aufgestellt, weil das Land über enormes Potenzial bei erneuerbaren Energien aus Sonne und Wind verfügt und die Produktion so günstig im großen Maßstab laufen lassen kann.
Die EU will Wasserstoff vor allem in der energieintensiven Industrie – etwa Stahl, Chemie und Zement – als Ersatz für das Erdgas einsetzen, das früher aus Russland kam.