Trotz Iran-Krieg, blockierter Straße von Hormus, gekappten globalen Wachstumsprognosen und hoher Inflation erreichen S&P 500 und Nasdaq am Mittwoch Rekordhöhen.
Die wichtigsten US-Aktienindizes sind auf neue Höchststände geklettert und tasten sich in unbekanntes Kursgebiet vor. Der Markt blendet damit kurzfristige geopolitische Risiken zunehmend aus und setzt auf Entspannung und robuste Unternehmensgewinne.
Am Mittwoch ging der S&P 500 mit einem Plus von rund null Komma acht Prozent bei 7.022 Punkten aus dem Handel und übertraf damit sein bisheriges Jahreshoch aus dem Januar.
Seit seinem Tiefstand am 30. März hat der Index inzwischen um elf Prozent zugelegt. Zuvor war er im vergangenen Monat zunächst um neun Prozent eingebrochen.
Auch der Nasdaq Composite erreichte einen Rekord und stieg um gut anderthalb Prozent auf über 24.000 Punkte. Der Dow Jones Industrial Average gab hingegen leicht nach, verlor rund null Komma zwei Prozent und liegt weiterhin deutlich unter seinem Allzeithoch.
Der Anstieg erfolgt trotz spürbarer Gegenwinde.
Der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus, einen kritischen Engpass für etwa ein Fünftel des weltweiten Ölangebots, ist seit Ende Februar massiv gestört. Auslöser waren Aktionen Irans und eine anschließende US-Seeblockade.
Das Verkehrsaufkommen ist stark eingebrochen. Iran erklärte die Meerenge für Schiffe mit Bezug zu den USA, Israel und deren Verbündeten für geschlossen.
Das US Central Command bestätigte zudem, dass die Blockade iranischer Häfen zu Wochenbeginn vollständig in Kraft trat. Es teilte mit: „Zehn Schiffe wurden inzwischen zurückgeschickt, und kein einziges Schiff hat seit Beginn der US-Blockade am Montag die Sperre durchbrochen.“
Die Ölpreise haben in den vergangenen zwei Wochen zwar etwas nachgegeben, liegen aber weiterhin hoch.
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung kostet ein Barrel Nordseeöl der Sorte Brent rund 96,5 Dollar, WTI liegt bei etwa 92,5 Dollar. Die Preise bleiben damit klar über dem Vorkriegsniveau und schüren Inflationssorgen.
Der Internationale Währungsfonds hat darauf reagiert und seine Prognose für das weltweite Wachstum gesenkt. Im aktuellen World Economic Outlook, der am Montag erschienen ist, kappte der IWF die Vorhersage für 2026 von zuvor drei Komma drei auf drei Komma eins Prozent. Begründet wird dies mit sprunghaft gestiegenen Energiepreisen und Lieferausfällen.
Die Gesamtinflation wird nun bei vier Komma vier Prozent für dieses Jahr gesehen, in einem Referenzszenario mit einem nur kurz anhaltenden Konflikt. Steigen die Spannungen und ziehen sie sich in die Länge, drohen noch schwächeres Wachstum und höhere Preise.
Der leichte Rückgang der Energiepreise folgte auf Berichte, dass die zweiwöchige Waffenruhe hält und neue Gespräche zwischen den USA und Iran bald wieder aufgenommen werden könnten.
US-Präsident Donald Trump deutete zudem an, dass Verhandlungen über einen dauerhaften Frieden bis zum Ende der Woche neu starten könnten.
Anleger scheinen inzwischen mit einer baldigen Wiederöffnung der Straße von Hormus zu rechnen und insgesamt nur begrenzte wirtschaftliche Schäden durch den Krieg einzupreisen.
Im Gespräch mit Euronews erklärte Alan McIntosh, Investmentchef von Quilter Cheviot Europe: „Auch wenn die erste Gesprächsrunde zu keinem Ergebnis geführt hat, macht eine wahrscheinliche Verlängerung der Waffenruhe Hoffnung auf eine frühe Einigung.“
„Wenn die Kämpfe relativ rasch enden und die Öllieferungen wieder anlaufen, dürften die Folgen für die globale Inflation und das Wachstum überschaubar bleiben“, fügte er hinzu.
US-Börsenindizes trotzen Risiken
Analysten nennen mehrere Gründe für diese Widerstandskraft der Märkte.
Die Hoffnung auf ein rasches Ende der Kämpfe erhöht die Risikobereitschaft. Zugleich präsentiert sich die US-Unternehmenswelt robust. Bankchefs berichten von konsumfreudigen US-Verbrauchern und einer gut gefüllten Pipeline für Übernahmen und Börsengänge.
Die Gewinnerwartungen für das erste Quartal wurden nach oben revidiert. Die Unternehmen im S&P 500 sollen nun zusammengerechnet mehr als 605 Milliarden Dollar, umgerechnet rund 513 Milliarden Euro, verdienen – mehr als zuvor angenommen.
Technologiewerte, vor allem Aktien mit Bezug zu Künstlicher Intelligenz, geben der Rally zusätzlichen Rückenwind. Das starke Plus des Nasdaq spiegelt die wiedererwachte Begeisterung für wachstumsorientierte Titel, obwohl die Konjunkturprognosen insgesamt etwas eingetrübt wurden.
McIntosh sagte Euronews: „Der Investitionsschub rund um KI lässt bislang nicht nach und stützt weiter das US-Wachstum. Die Berichtssaison in den USA hat gerade erst begonnen, und bisher sehen wir nur geringe Anzeichen dafür, dass der aktuelle Konflikt im Nahen Osten die Unternehmenszahlen belastet.“
In den Indizes sind zudem Rüstungsunternehmen vertreten, deren Kurse im Umfeld des Krieges stark gestiegen sind. Viele Regierungen, allen voran die USA, stocken ihre Verteidigungsetats deutlich auf.
Auch ein Blick in die Vergangenheit hilft, die aktuelle Erholung einzuordnen. In früheren Kriegen, an denen die USA beteiligt waren, zeigten Aktienmärkte häufig zunächst heftige Ausschläge, ehe sie wieder Boden gutmachten und zulegten.
Während des Irak-Kriegs 2003 stieg der S&P 500 im ersten vollen Jahr nach Beginn der Invasion um mehr als 25 Prozent.
Im Golfkrieg 1990/91 verlor der Index zunächst rund elf Prozent, ehe eine kräftige Erholungsrally nach dem schnellen Sieg der Koalition einsetzte und im Folgejahr positive Renditen brachte.
Ähnliche Muster gab es bereits zu Zeiten des Koreakriegs und des Vietnamkriegs, als Aktien trotz anhaltender Unsicherheit langfristig deutlich zulegten.
Auswertungen der Royal Bank of Canada und anderer Quellen zeigen: Über mehrere Konflikte hinweg legten Aktien im ersten Jahr nach Kriegsausbruch in etwa sechzig Prozent der Fälle zu.
Die Märkte richten den Blick eher auf den späteren Ausgang eines Konflikts als auf den ersten Schock. Sie belohnen Klärung und wirtschaftliche Anpassungsfähigkeit. Die jüngsten Rekorde von S&P 500 und Nasdaq unterstreichen dieses Muster.
Risiken bleiben bestehen, falls der Konflikt mit Iran weiter eskaliert. Derzeit setzen Anleger darauf, dass sich die Diplomatie durchsetzt und die Fundamentaldaten der Unternehmen den Ausschlag geben.