Zahnarztkosten, Wehrpflicht, Migration: Was in Deutschland als innenpolitischer Streit gilt, landet wenig später als Propagandamaterial auf russischsprachigen YouTube-Kanälen und Telegram-Gruppen. Wer steckt dahinter? Oft Menschen, die in Deutschland leben und Propaganda für den Kreml machen.
Russische Propaganda zielt seit Jahren auf Deutschland – und sie wirkt. Mittlerweile nutzen Akteure, die mitten in der deutschen Gesellschaft leben, soziale Medien, Podcasts und YouTube-Kanäle, um russische Narrative in zwei Sprachen gleichzeitig zu verbreiten: auf Russisch für die Diaspora, auf Deutsch für den Rest.
"Von Feinden umzingelt" – das Bild in russischen Köpfen
Einst galt Deutschland als das russlandfreundlichste westliche Land. Das hat sich grundlegend verändert. Laut einer aktuellen Studie des unabhängigen Lewada-Zentrums in Moskau, die im Auftrag der Deutschen Sacharow-Gesellschaft durchgeführt wurde, sehen 55 Prozent der befragten Russinnen und Russen Deutschland inzwischen als das ihnen gegenüber am feindlichsten eingestellte Land – damit steht Deutschland erstmals auf Platz eins dieser Negativliste, noch vor Großbritannien (49 Prozent), der Ukraine (43 Prozent) und den USA (40 Prozent). Seit Mai 2020 ist das ein Anstieg von 40 Prozentpunkten.
Ausgerechnet Donald Trump sorgte dafür, dass die USA erstmals seit 13 Jahren von Platz eins der Liste "feindlich gesinnter Länder" verschwanden. Trumps Wahlversprechen, den Krieg in der Ukraine sofort zu beenden, sowie seine Verhandlungsbemühungen mit Moskau ließen die negativen Einstellungen gegenüber den USA in der russischen Bevölkerung deutlich sinken.
Wie die Kreml-Propaganda funktioniert
"Es gibt keine einheitliche russische Propaganda und kein einheitliches Feindbild", sagt Prof. Dr. Florian Töpfl, Inhaber des Lehrstuhls für Politische Kommunikation mit Schwerpunkt auf Osteuropa und die postsowjetische Region an der Universität Passau und Leiter des Forschungsprojekts RUSINFORM. "Die russische Propaganda ist interessengeleitet." Zwei der zentralen Interessen seien: die territoriale Expansion in der Ukraine voranzutreiben und die Sanktionen gegen Russland aufzuweichen.
Im russischen Inland werde der Kriegsbeginn unter anderem als "Erweckung der russischen Nation" konstruiert, die sich nun im Kampf erhebt gegen einen "kollektiven Westen", der Russland "nach 1990 in die Knie gezwungen hat". Dieser Westen habe dem Narrativ zufolge seit Jahrhunderten ein – nicht rational begründbares – Interesse daran, Russland zu schaden und es klein zu halten. Töpfl fügt hinzu: Im Jahr 2022 sei die kulturelle Zerstörung der russischen Nation und ihrer "traditionellen Werte" bereits fast gelungen gewesen – und Russland sei deshalb keine andere Wahl geblieben, als in den Krieg zu ziehen.
Im Ausland hingegen agiert die Propaganda differenzierter – je nach Zielgruppe. In deutschsprachigen Rechtsaußen-Medien werde Russland als starke Großmacht, als Hüter "traditioneller Werte" und als wirtschaftlich unverzichtbarer Partner inszeniert. "Wenn man Russland als wirtschaftlich unverzichtbar betrachtet, dann ist man darauf aus, die Sanktionen aufzuheben", erklärt Töpfl.
Das Grundprinzip: Innenpolitik als Munition
Ein zentrales Werkzeug ist das Ausschlachten innenpolitischer Debatten. Töpfl beschreibt das Muster: Steigende Energiepreise würden mit dem Ende der russischen Gaslieferungen verknüpft, Engpässe im Gesundheitssystem als Folge westlicher Sanktionspolitik dargestellt. "Jede Nachricht, die die AfD stärkt, ist eine Nachricht, die die Partei stärkt, die dem Kreml am nächsten steht", sagt Töpfl. Und: "Jede Nachricht, die sich gegen Migration ausspricht und Immigration als zentrales Problem darstellt, trägt letztlich zu diesen Interessen bei."
Der ehemalige Bundestagsabgeordnete mit dem Kreml-Kanal
Besonders auffällig ist der Fall von Eugen Schmidt. Der 1975 im kasachischen Ust-Kamenogorsk geborene Informatiker lebt seit Jahren in Deutschland, trat 2016 der AfD bei und zog 2021 in den Deutschen Bundestag ein. Dort war er Beauftragter für Russlanddeutsche der AfD-Fraktion und stellvertretendes Mitglied im Auswärtigen Ausschuss. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete für den Rhein-Erft-Kreis betreibt einen russischsprachigen YouTube-Kanal, auf dem er deutsche Innenpolitik für ein russisches Publikum kommentiert.
Recherchen des ARD-Politikmagazins Kontraste zeigten bereits 2022, dass Schmidt in russischen Staatsmedien wiederholt Deutschland als Unrechtsstaat darstellte. Dem Propagandasender des russischen Verteidigungsministeriums, "Zvezda", sagte er am zweiten Tag des Angriffskriegs auf die Ukraine: "Die Medien werden in Deutschland selbstverständlich komplett von der Regierung kontrolliert. Alternative, oppositionelle Meinungen sind nicht vertreten."
Kontakte zum russischen Geheimdienst?
Im Februar 2024 geriet Schmidt erneut in die Schlagzeilen: Laut Recherchen des Spiegel und der exilrussischen Plattform The Insider soll ein Mitarbeiter seines Bundestagsbüros Verbindungen zu einem FSB-Offizier gehabt haben. In zugespielten Chatverläufen soll besprochen worden sein, wie deutsche Panzerlieferungen an die Ukraine verzögert werden könnten. Schmidt bestätigte, dass der Mitarbeiter für ihn tätig war.
Auf seinem YouTube-Kanal greift Schmidt regelmäßig innenpolitische Debatten auf und rahmt sie für sein russischsprachiges Publikum. In einem Video zur Änderung des Wehrpflichtgesetzes stellt er eine administrative Neuregelung zur Erfassung von Wehrpflichtigen im Ausland als Vorstufe zur Zwangsmobilisierung dar und zieht den direkten Vergleich zur Ukraine: "Das erinnert mich an die Situation dort, wo Menschenfänger Männer auf der Straße greifen und sie an die Front schicken." In einem anderen Video zur Debatte über den Zahnarztkatalog der gesetzlichen Krankenkassen erklärt er, die leeren Kassen seien darauf zurückzuführen, dass "Millionen Menschen" ohne vorherige Einzahlung ins System aufgenommen worden seien – gemeint sind Migranten und Flüchtlinge.
In diesem Video stellt Schmidt die Debatte als unmittelbar bevorstehende politische Realität dar. Tatsächlich handelte es sich um einen Vorschlag des CDU-Wirtschaftsrats – eines der CDU nahestehenden, aber organisatorisch unabhängigen Gremiums, das keine offizielle Parteifunktion hat und dessen Empfehlungen keine verbindliche politische Grundlage darstellen. Kein Mitglied der Bundesregierung aus der CDU hat angekündigt, den Vorschlag umzusetzen.
Was Schmidt als Vorstufe zur Zwangsmobilisierung darstellte, erwies sich wenig später als gegenstandslos: Das Verteidigungsministerium stellte klar, dass die Genehmigungspflicht für den sogenannten Spannungsfall gedacht sei und erst dann greifen würde, wenn der Wehrdienst nicht mehr freiwillig, sondern Pflicht wäre.
Beide Videos haben unter den knapp 80.000 Abonnenten des Kanals jedoch deutliche Reaktionen in den Kommentaren ausgelöst.
Der Fall "Russians With Attitude"
Das Phänomen reicht über deutschsprachige Kanäle hinaus. Der Kyiv Independent enthüllte erst kürzlich, dass hinter dem englischsprachigen Podcast "Russians With Attitude" (RWA) – populär im amerikanischen Rechtsaußen-Milieu mit rund 420.000 Followern auf der Social-Media-Plattform X – zwei russische Ultranationalisten stecken, die bislang nur unter den Pseudonymen "Kirill" und "Nikolay" auftraten. Einer von ihnen, Kirill Kamenetsky, verbrachte den Großteil seines Lebens in Deutschland, bevor er laut eigenen Aussagen Anfang 2025 nach Russland zurückkehrte – nachdem deutsche Behörden seine Wohnung wegen des Verdachts der Unterstützung terroristischer Vereinigungen durchsucht hatten.
Im Podcast diskutieren "Kirill" und "Nikolay" russische Außenpolitik und den Krieg gegen die Ukraine aus dezidiert prorussischer Perspektive – auf Telegram riefen sie ihren Followern zufolge offen zur finanziellen Unterstützung russischer Soldaten auf.
Weitere prorussische Akteure in Deutschland
Mit über 780.000 Abonnenten und millionenfachen Aufrufen auf seinem Kanal "Golos Germanii" (auf Deutsch: Stimme Deutschlands) ist Sergey Filbert einer der reichweitenstärksten prorussischen Akteure in Deutschland. Nach dem Verbot von RT DE ist sein Kanal weiter gewachsen. Ebenfalls weiterhin aktiv: die Deutsche Alina Lipp, die von Donezk aus ihren Telegram-Kanal "Neues aus Russland" mit knapp 170.000 Followern betreibt, und Thomas Röper mit seinem YouTube- und Telegramkanal "Anti-Spiegel". Beide wurden im Oktober 2024 von der EU sanktioniert – auf Grundlage der Ratsentscheidung (CFSP) 2024/2643 wegen destabilisierender Aktivitäten im Dienst Russlands.
Zwei Zielgruppen, zwei Sprachen
Töpfl unterscheidet klar zwischen zwei Kommunikationstypen: Influencer, die sich an die russischsprachige Diaspora richten, und solche, die im deutschen Rechtsaußen-Milieu operieren. Die erste Gruppe spreche gezielt Migrationserfahrungen und kulturelle Verbindungen an, die zweite inszeniere Russland als Stabilitätsgaranten und wirtschaftlichen Partner. Hinzu kommt: "Russische Identität und Nutzung russischer, vom Kreml kontrollierter Medien korreliert positiv mit einer erhöhten Vulnerabilität gegenüber Desinformation", so Töpfl.
Das zeigt sich auch in Umfragedaten: Eine Untersuchung des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) kommt zu dem Befund, dass Wahlberechtigte mit Russlandhintergrund in Deutschland häufiger AfD und BSW unterstützen und häufiger der Ansicht sind, nicht nur Russland trage Verantwortung für den Krieg gegen die Ukraine.
In einer gemeinsam mit Anna Ryzhova 2024 veröffentlichten Studie zeigt Töpfl zudem, dass Menschen, die Wahrheit nicht an Fakten, sondern an Identitäten knüpfen – die also glauben, in Kriegszeiten sei die Wahrheit nie zu ermitteln –, eher bereit sind, sich kremlnahen Medien zuzuwenden.
Der Algorithmus als Verstärker
Die sozialen Medien spielen eine Schlüsselrolle. "Wer den Feed-Algorithmus kontrolliert, kann sehr gut kontrollieren, welche Botschaften die Menschen wahrnehmen", sagt Töpfl. Telegram sei dabei vor allem ein Phänomen der russischsprachigen Community – die deutsche Rechte sei dort vergleichsweise wenig aktiv. Eine aktuelle Studie belege, dass zahlreiche deutschsprachige Telegram-Accounts direkte Verbindungen zum Kreml aufweisen.
Dabei steht Telegram auch innerhalb Russlands selbst unter Druck. Rund 94 Millionen Menschen in Russland nutzen die Plattform als wichtigste Informationsquelle außerhalb des Staatsfernsehens – genau das macht sie in den Augen des Kreml verdächtig. Die russische Telekommunikationsaufsicht Roskomnadzor hat die App zuletzt gezielt ausgebremst, offiziell wegen angeblich nicht gelöschter verbotener Inhalte. Beobachter sehen darin den nächsten Schritt einer systematischen Informationskontrolle: Eine vollständige Sperrung gilt als möglich.
Was deutsche Behörden dagegen tun
Der Verfassungsschutz und der Bundesnachrichtendienst haben das Kampagnennetzwerk Storm-1516 im Dezember 2025 offiziell der russischen Föderation zugeschrieben: Die Kampagne erstellte gefälschte Nachrichtenwebseiten, die seriöse Medienmarken imitierten – darunter Frankfurter Rundschau, Stern und Correctiv –, um russlandfreundliche Narrative zu streuen und Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen zu schüren. Der deutsche Ableger von Russia Today, RT DE, erreicht trotz EU-Sanktionen weiterhin Millionen: Eine Analyse von Correctiv zeigt, dass mehr als 20 Spiegeldomains des russischen Staatssenders aus Deutschland abrufbar sind und allein im Januar 2025 knapp 2,6 Millionen Aufrufe verzeichneten.
Töpfl sieht zwar Fortschritte: Das Bewusstsein für russische Einflussoperationen sei gewachsen, Sanktionen und Plattformsperren zeigten Wirkung. Doch die Propaganda habe sich angepasst und kommuniziere zunehmend verdeckt, über Kanäle und Akteure, die noch unterhalb des Radars operierten.
Das Fundament, auf dem diese Propaganda aufbaut, bleibt zudem bestehen: echte Sorgen und gesellschaftliche Risse, die überspitzt aufgegriffen und in den Dienst fremder Interessen gestellt werden.