Newsletter Newsletters Events Veranstaltungen Podcasts Videos Africanews
Loader
Finden Sie uns
Werbung

Iran-Krise und Sperre der Straße von Hormus: Wall Street geht zu 24/7-Tokenmärkten über

Trader Terrance McCauley und Börsenspezialist Anthony Matesic sprechen auf dem Parkett der New York Stock Exchange, 20. April 2026
Trader Terrance McCauley und Spezialist Anthony Matesic beraten sich am Parkett der New Yorker Börse, 20. April 2026 Copyright  AP Photo/Richard Drew
Copyright AP Photo/Richard Drew
Von Quirino Mealha
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
Teilen Kommentare
Teilen Close Button

Große Banken und Hedgefonds setzen zunehmend auf digitale Infrastruktur rund um die Uhr. Sie wollen Risiken außerhalb der Börsenzeiten steuern und Kapital effizienter einsetzen.

Die Finanzwelt befindet sich im Umbruch: Immer mehr Institute an der Wall Street setzen auf unbefristete Futures-Kontrakte und tokenisierte Realwerte, um in einer globalen Wirtschaft zu agieren, die rund um die Uhr läuft.

WERBUNG
WERBUNG

Branchenexperten verweisen darauf, dass der Verzicht auf feste Fälligkeitstermine und der Aufstieg des sofortigen, „atomaren“ Settlements die Märkte grundlegend verändern. Besonders deutlich wird das, weil krypto-native Plattformen in geopolitischen Krisen, die zunehmend am Wochenende eskalieren, bei der Preisfindung oft den Ton angeben.

Die Annäherung dieser Technologien lässt die Grenzen zwischen klassischer Finanzwelt und Blockchain-Infrastruktur zusehends verschwimmen.

Handelstische an der Wall Street, Multi-Strategie-Investoren und Makrofonds prüfen diese digital-nativen Strukturen inzwischen aktiv. Sie versprechen Lösungen für alte operative Probleme, die standardisierte Terminkontrakte mit Fälligkeit seit jeher mit sich bringen.

Es geht also nicht nur um ein technisches Update, sondern um eine Antwort auf Märkte, die heute in Echtzeit funktionieren.

Der Investmentchef von Theo, Iggy Ioppe, sagte Euronews, der Schritt hin zu einem Betrieb rund um die Uhr sei nicht mehr freiwillig.

Theo entwickelt Finanzprodukte für diese neue Nachfrage und arbeitet mit großen Finanzkonzernen zusammen, darunter die britische Großbank Standard Chartered.

„Es geht nicht mehr um Vorlieben, es wird zu einer strukturellen Notwendigkeit. Das sah man deutlich bei der Schließung der Straße von Hormus. Die traditionellen Märkte waren am Wochenende dunkel, und nur tokenisiertes Gold und Öl boten transparente, durchgehend geöffnete Handelsplätze, die die tatsächliche Flucht in sichere Häfen widerspiegelten“, so Ioppe.

Auch Andrei Grachev, Managing Partner von DWF Labs, einem führenden Krypto-Market-Maker, unterstrich im Gespräch mit Euronews die Bedeutung solcher Episoden für den Gesamtmarkt.

„Das deutlichste Beispiel war der 28. Februar dieses Jahres. US-amerikanische und israelische Angriffe auf iranische Atomanlagen wurden an einem Samstagmorgen bekanntgegeben, und alle großen Rohstoffbörsen – CME, NYMEX, ICE – waren geschlossen. Händler sind sofort auf dezentrale Plattformen für unbefristete Futures auf Öl, Gold und Silber ausgewichen“, erklärte Grachev.

Als die traditionellen Handelsplätze später öffneten, mussten sie Kursniveaus nachholen, die on-chain bereits entstanden waren. Das zeigt, wo heute die primäre Preisbildung stattfindet.

Ein in diesem Monat veröffentlichter Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu tokenisierter Finanzierung spricht ebenfalls von einer „strukturellen Neuordnung“ der globalen Finanzinfrastruktur.

Der von Tobias Adrian verfasste Bericht warnt: Atomare Abwicklung und Programmierbarkeit erhöhen zwar die Kapitaleffizienz deutlich, sie beseitigen aber auch zeitliche Puffer, auf die Banken und Aufseher in Stressphasen der Märkte angewiesen sind.

Laut Studie können diese Märkte nur sicher wachsen und gefährliche Fragmentierung vermeiden, wenn sie auf einem „öffentlichen Anker“ des Vertrauens beruhen – konkret auf der Einführung digitaler Zentralbankwährungen (Central Bank Digital Currencies, CBDCs).

Ohne solche staatlichen Settlement-Assets warnt der IWF, könnte die extreme Geschwindigkeit tokenisierter Systeme Liquiditätskrisen schlagartig entstehen lassen und Kettenreaktionen von Zwangsverkäufen auslösen, die schneller ablaufen als menschliche Behörden eingreifen können.

„Die Marktinfrastruktur für dauerhaft geöffnete, tokenisierte Märkte läuft der Nachfrage noch hinterher. Diese Lücke zwischen Produktfähigkeit und operativer Bereitschaft gehört derzeit zu den meistunterschätzten Risiken im Sektor“, sagte Grachev gegenüber Euronews.

Tokenisierte Realwerte: Was dahinter steckt

Realwerte, im Finanzjargon oft als RWAs abgekürzt, sind alle physischen oder traditionellen Vermögenswerte, die außerhalb der digitalen Blockchain-Welt existieren.

Dazu gehören Gold und andere Metalle, Immobilien, Öl und weitere Rohstoffe sowie Finanzprodukte wie Staatsanleihen und Unternehmensaktien.

In heutigen Märkten werden diese Vermögenswerte „tokenisiert“. Das heißt: Wert und Eigentumsrechte werden in einen digitalen Token auf einer Blockchain übersetzt. Man kann es sich wie einen digitalen Beleg vorstellen, der auf einem sicheren, globalen Register liegt und einen bestimmten Bruchteil oder den gesamten Vermögenswert repräsentiert.

Larry Fink, CEO von BlackRock, gehört zu den prominentesten Befürwortern dieses Wandels. In seinem Jahresbrief an die Anleger für das Jahr 2026 schrieb er: „Tokenisierung kann den Weg in die Zukunft beschleunigen, indem sie die Leitungsstrukturen des Finanzsystems modernisiert und Investitionen leichter emittierbar, handelbar und zugänglich macht.“

BlackRock untermauert diese Strategie mit Taten. Der Vermögensverwalter hat den BUIDL-Fonds gestartet, der US-Staatsanleihen auf einer öffentlichen Blockchain tokenisiert und bereits auf rund drei Milliarden Dollar (2,54 Milliarden Euro) verwaltetes Vermögen angewachsen ist.

Larry Fink, CEO von BlackRock, stellt US-Präsident Donald Trump beim Weltwirtschaftsforum in Davos, Schweiz, im Januar 2026 vor
Larry Fink, CEO von BlackRock, stellt US-Präsident Donald Trump beim Weltwirtschaftsforum in Davos, Schweiz, im Januar 2026 vor AP Photo/Markus Schreiber

Perpetual-Futures: Unbefristete Wetten auf den Preis

Ein Perpetual-Futures-Kontrakt ist ein Instrument, mit dem Anleger auf den künftigen Preis eines Vermögenswerts setzen, ohne ihn je besitzen zu müssen – und vor allem ohne festen Endtermin für die Abrechnung.

Bei einem klassischen Futures-Kontrakt schließen Käufer und Verkäufer ein Geschäft, das zu einem festgelegten Datum endet oder verlängert werden muss, ähnlich wie ein Mietvertrag. Ein „perpetual“ Kontrakt streicht dieses Datum. Die Position kann prinzipiell unbegrenzt gehalten werden.

Während der Laufzeit fällt eine „Funding-Rate“ an, meist im Stundentakt. Sie ist positiv oder negativ, je nachdem, ob mehr Long- oder Short-Positionen offen sind. Ist sie positiv, zahlen Long-Positionen an Short-Positionen, ist sie negativ, fließt das Geld umgekehrt. Die Rate wirkt damit als Ausgleichsmechanismus.

Im Kern entspricht das Halten eines unbefristeten Futures einer synthetischen Position im zugrunde liegenden Vermögenswert.

Der Markt hat bereits beachtliche Ausmaße: Das weltweite Nominalvolumen unbefristeter Futures liegt bei über 60 Milliarden Dollar (50,9 Milliarden Euro) pro Tag. Sobald die Regulierung, insbesondere in den USA, nachzieht, dürfte der Zustrom institutionellen Kapitals weiter an Fahrt gewinnen.

Im Gespräch mit Euronews erklärte Fabian Dori, Investmentchef bei Sygnum, einer global tätigen, in der Schweiz beheimateten Digital-Asset-Bankengruppe: „Die institutionelle Nutzung von Perpetuals hängt letztlich von der regulatorischen und verwahrtechnischen Infrastruktur ab – und von Liquidität und fairer Preisbildung.“

Dieses Instrument hält die Märkte faktisch immer offen, weil der Handel weiterläuft, selbst wenn der Kassamarkt geschlossen ist. Das setzt jedoch „atomare Abwicklung“ voraus, also die Finanzierung und Abrechnung von Geschäften in Echtzeit.

In der klassischen Finanzwelt schaffen T+1- oder T+2-Zyklen zeitliche Puffer. Die Übertragung der Wertpapiere und die Zahlung müssen innerhalb von ein bis zwei Geschäftstagen erfolgen. Market-Maker gewinnen dadurch Zeit, Bestände zu beschaffen und Gegenparteirisiken zu steuern.

Atomare Abwicklung verkürzt dieses Fenster auf null. Vermögenswerte müssen bereits vorhanden sein, wenn ein Geschäft abgeschlossen wird – oder exakt in diesem Moment. Das senkt zwar das Gegenparteirisiko über die Zeit, erzeugt aber plötzlich enorme Liquiditätsspitzen, die nur mit Automatisierung und ausgefeilten Treasury-Modellen beherrschbar sind.

Der Spezialist Patrick King und der Händler Robert Oswald arbeiten auf dem Parkett der New York Stock Exchange, April 2026
Der Spezialist Patrick King und der Händler Robert Oswald arbeiten auf dem Parkett der New York Stock Exchange, April 2026 AP Photo/Richard Drew

Derzeit werden unbefristete Futures-Kontrakte auf Blockchains vollständig mit privat emittierten Stablecoins abgewickelt. Im jüngsten Bericht stuft der IWF das als Risiko ein.

Als Antwort schlägt der IWF einen „öffentlichen Anker“ wie CBDCs vor. Digitale Zentralbankwährungen könnten ein sicheres, programmierbares Settlement-Asset bieten, das direkt von einer Zentralbank ausgegeben wird.

Über die Abwicklung hinaus bleibt die Infrastruktur für Preisdaten ein kritischer Schwachpunkt. Liquidität rund um die Uhr zu stellen, erfordert hochwertige Orakel und Datenfeeds, die nicht nachhinken oder einfrieren, sobald traditionelle Märkte schließen.

„Die Preis-Dateninfrastruktur ist vermutlich die wichtigste ungelöste Herausforderung in rund um die Uhr geöffneten, tokenisierten Märkten. Wer kontinuierlich auf dezentralen und regulierten Plattformen Liquidität bereitstellt, hängt mit Gewinn und Risiko unmittelbar an Qualität, Latenz und Zuverlässigkeit der eigenen Preisfeeds“, betonte Ioppe gegenüber Euronews.

Mit dem Eintritt regulierter Anbieter in diesen „Always-on“-Bereich geraten Krypto-Plattformen unter Druck, ihre Standards anzuheben. In den USA beschleunigt der GENIUS Act bereits den Trend, dass institutionelles Kapital in Handelsplätze mit einer Kombination aus Innovation und guter Governance fließt.

Grachev ist überzeugt, dass sich langfristig jene Anbieter durchsetzen, die diesen Wandel aktiv gestalten.

„Relevant bleiben nur Plattformen, die ihre Geschwindigkeit nutzen, um Standards zu verbessern, statt Regulierung einfach zu überholen. Wenn institutionelle Allokationen wachsen, entscheidet die Compliance-Infrastruktur immer stärker darüber, welche Plätze nennenswertes Kapital anziehen – und welche nicht“, so Grachev abschließend.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare

Zum selben Thema

US-Unternehmen fordern Rückzahlungen auf Trumps „rechtswidrige“ Zölle

Zollkrieg und KI-Handelsboom: die größten Gewinner und Verlierer

Iran-Krise und Sperre der Straße von Hormus: Wall Street geht zu 24/7-Tokenmärkten über