Juni-Hitzewelle in Europa treibt Stromnachfrage und Großhandelspreise nach oben. Kühlbedarf belastet die Stromnetze immer stärker.
Extreme Hitze setzt Europas Stromnetze zunehmend unter Druck. Steigende Temperaturen lassen den Bedarf an Klimaanlagen in Wohnungen, Büros und Betrieben wachsen. Das treibt den Stromverbrauch nach oben, verknappt die Märkte und führt mancherorts sogar zu weniger verfügbarem Strom.
Klimaanlagen sind in Europa zwar noch deutlich weniger verbreitet als in vielen anderen Regionen der Welt. Doch mit häufigeren Hitzewellen steigt der Besitz. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur verfügen rund 20 Prozent der Haushalte über eine Klimaanlage. Dieser Anteil dürfte weiter wachsen, je stärker sich der Kontinent aufheizt.
„Mit der Erwärmung Europas denken immer mehr Menschen um. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Klimageräte im Besitz der Haushalte um etwa die Hälfte gestiegen. Die Jahresverkäufe liegen inzwischen rund 30 Prozent höher als noch vor fünf Jahren“, sagt Fabian Voswinkel, Politikexperte für Energieeffizienz bei der Internationalen Energieagentur (IEA), gegenüber Euronews.
In der vergangenen Woche meldete Deutschland an drei Tagen in Folge außergewöhnlich hohe Temperaturen; in Coschen im Osten des Landes wurden am 28. Juni 41,7 Grad gemessen. Frankreich erlebte am 24. Juni den heißesten Junitag seit Beginn der Aufzeichnungen, in Palluau im Westen des Landes stieg das Thermometer auf 43,8 Grad. Auch Spanien verzeichnete am 23. und 24. Juni seine bislang heißesten Junitage.
Die IEA geht davon aus, dass Kühlung zu einer zunehmend wichtigen Quelle des Stromverbrauchs wird. Sie dürfte jedoch andere Treiber wie Elektroautos, Rechenzentren und Wärmepumpen nicht überholen.
„Kühlung ist ein wichtiger, wenn auch nicht dominanter Treiber des Strombedarfs in Europa“, so Voswinkel.
Wie stark steigt der Strombedarf?
Zur Juni-Hitzewelle 2026 liegen noch keine europaweiten Zahlen vor, wie viel Strom speziell für Kühlung verbraucht wurde. Um die Auswirkungen abzuschätzen, hat Euronews Business die tägliche Stromnachfrage in den vier größten Volkswirtschaften der EU vor und während der heißesten Phase des Monats untersucht.
Die erste Junihälfte bietet eine sinnvolle Vergleichsbasis. Die Hitzewelle Ende Juni hatte die vier Länder da noch nicht erfasst. Zwar war es in einigen Regionen schon früher im Monat überdurchschnittlich warm. Insgesamt entsprach die Stromnachfrage aber den üblichen saisonalen Mustern. So lässt sich der spätere, deutliche Anstieg besser einordnen.
Die Zahlen zeigen: Mit zunehmender Hitze stieg der Strombedarf in allen vier großen EU-Volkswirtschaften. Nach Daten von Eurelectric kletterte der tägliche Verbrauch in Deutschland von 1.267 GWh am 11. Juni auf 1.396 GWh am 25. Juni. Frankreich verzeichnete einen noch stärkeren Anstieg, von 1.048 GWh auf 1.255 GWh im selben Zeitraum. Auch in Italien und Spanien nahm der Bedarf zu. Die Größenordnung unterscheidet sich je nach Land, doch das Muster ist eindeutig: Je heißer es wird, desto mehr Strom fließt.
Den größten absoluten Sprung gab es in Frankreich: Dort legte die tägliche Stromnachfrage innerhalb von zwei Wochen um fast 20 Prozent zu. Auch Deutschland, Italien und Spanien meldeten deutliche Zuwächse, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.
Nach Angaben des französischen Netzbetreibers RTE steigt der Energieverbrauch in Hitzephasen pro Grad Celsius Erwärmung in der Regel um 0,7 bis 1 Gigawatt – je nach Tageszeit. Das ist nur rund ein Drittel des Effekts, den ein Grad Temperaturabfall im Winter hat. Sehr wahrscheinlich erklärt der zusätzliche Kühlbedarf den größten Teil des durchschnittlichen täglichen Mehrverbrauchs von 10 bis 14 Gigawatt in der vergangenen Woche im Vergleich zu einer Periode mit üblichen Temperaturen.
Großhandelsstrompreise steigen kräftig
Der gestiegene Strombedarf bei gleichzeitig knapperem Angebot schlug sich auch an den Großhandelsmärkten nieder.
Mit der wachsenden Nachfrage nach Kühlung während der Hitzewelle zogen die Großhandelspreise für Strom in Europas wichtigsten Märkten deutlich an. Wie stark sie stiegen, hing jedoch von Energiemix und Marktlage im jeweiligen Land ab.
Großhandelsstrompreise sind die Preise, zu denen Versorger Strom einkaufen, bevor sie ihn an Haushalte und Unternehmen weiterverkaufen. Sie reagieren fast unmittelbar auf Veränderungen von Angebot und Nachfrage und gelten als wichtiger Indikator für Belastungen im Stromsystem. Kurzfristige Preisspitzen bekommen die meisten Verbraucher zunächst nicht zu spüren, da sie oft durch feste oder regulierte Tarife geschützt sind. Hält der Preisanstieg jedoch an, kann er sich beim Neuabschluss von Lieferverträgen oder bei Tarifentscheidungen der Behörden nach und nach auf die Endkundenpreise durchschlagen.
Eurelectric zufolge stiegen die Großhandelsstrompreise in Deutschland, Frankreich und Spanien während der Hitzewelle deutlich an. Vergleichbare Daten für Italien liegen nicht vor. In allen drei Märkten erreichten die Preise zwischen dem 23. und 24. Juni ihren Höchststand – genau in der Phase, in der Stromnachfrage und Temperaturen am höchsten waren.
Deutschland, das sich einen Großhandelsmarkt mit Luxemburg teilt, verzeichnete die höchsten Werte mit über 200 Euro je Megawattstunde. In Frankreich zogen die Preise ebenfalls stark an und näherten sich 160 Euro je Megawattstunde. Spanien erlebte einen moderateren Anstieg; dort lagen die Spitzenwerte bei etwas über 110 Euro je Megawattstunde.
Der Preissprung hatte jedoch noch andere Ursachen als den höheren Strombedarf.
In Nordwesteuropa brach ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Hitzewelle die deutsche Windstromproduktion deutlich ein, während die Nachfrage stieg. Da weniger günstiger Windstrom zur Verfügung stand, musste der Markt stärker auf teure Gas- und Kohlekraftwerke zurückgreifen – sie bestimmten schließlich den Großhandelspreis.
Normalerweise ist Frankreich Deutschlands wichtigste Quelle für relativ günstige Stromimporte. Diesmal musste Frankreich jedoch seine Atomstromproduktion drosseln. Der staatliche Versorger EDF senkte die Leistung der Kernkraftwerke um 4,1 Gigawatt – das entsprach rund 7 Prozent der damaligen Stromnachfrage in Frankreich. Grund waren zu hohe Temperaturen in den Flüssen, die die Verfügbarkeit von ausreichend kühlem Wasser für die Reaktoren einschränkten.
Kühlung gewinnt im europäischen Energieverbrauch an Gewicht
Der Anstieg von Nachfrage und Preisen fällt in eine Phase, in der Kühlung bereits einen deutlich größeren Anteil am europäischen Energieverbrauch einnimmt als früher.
Daten von Eurostat zeigen, dass der jährliche Energieverbrauch der Haushalte allein für Kühlung in der EU seit 2015 etwa doppelt so hoch ist. Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien verzeichnen allesamt kräftige Zuwächse im vergangenen Jahrzehnt.
Die Entwicklung fällt in ein Jahrzehnt, das von wiederkehrenden Extremtemperaturen geprägt ist. Europa erlebte 2022 einen seiner schlimmsten Hitzesommer seit Beginn der Aufzeichnungen – nach der verheerenden Hitzewelle von 2003. In Südosteuropa wurde 2024 zudem die bislang längste Hitzewelle gemessen.
Trotzdem entfiel 2024 auf Kühlung erst ein Anteil von 0,8 Prozent am Endenergieverbrauch der EU. Das zeigt, dass Klimaanlagen hier weiterhin deutlich weniger verbreitet sind als etwa in den Vereinigten Staaten oder in Japan.
Ist Europa auf häufigere Hitzewellen vorbereitet?
Nach Einschätzung von Fabian Voswinkel, Politikexperte für Energieeffizienz bei der Internationalen Energieagentur, können die europäischen Stromsysteme den wachsenden Kühlbedarf im Grundsatz bewältigen. Die Auswirkungen werden jedoch von Land zu Land unterschiedlich sein.
„Entscheidend für den Umgang mit diesem Wachstum sind vor allem Effizienz und Flexibilität. Wenn Kühlgeräte besser arbeiten, lässt sich der zusätzliche Strombedarf deutlich begrenzen – zumal in vielen Märkten weiterhin weniger effiziente mobile Geräte im Einsatz sind“, sagt er.
Voswinkel betont zudem die wachsende Bedeutung der Solarenergie. Der Kühlbedarf ist tagsüber am höchsten, wenn auch die Stromproduktion aus Photovoltaik besonders stark ist. Ein großer Teil des zusätzlichen Bedarfs lässt sich daher mit vergleichsweise CO₂-armen Quellen decken, was den Bedarf an weiterer Speicherkapazität mindert.
Der künftige Strombedarf hängt jedoch nicht allein von steigenden Temperaturen ab. Häufigere Hitzewellen wirken je nach Verbreitung von Klimaanlagen, energetischer Qualität der Gebäude und der Fähigkeit der Stromsysteme, Nachfrage zu verlagern und erneuerbare Energie zu speichern, unterschiedlich stark. Mit der Erwärmung Europas wird Klimatisierung immer weniger zur Frage des Komforts und immer mehr zu einem Thema der öffentlichen Gesundheit und Sicherheit. Umso wichtiger sind Netze und Märkte, die den wachsenden Kühlbedarf zuverlässig decken können.