Großbritannien ringt damit, die gefährlichen und politisch umstrittenen Überfahrten in Schlauchbooten zu stoppen. Jedes Jahr erreichen Zehntausende Migranten so die Küsten Südostenglands.
In einem einzigen kleinen Boot haben nach Angaben des französischen Seenotrettungsdienstes SNSM und britischer Medien 230 Migranten den Ärmelkanal nach Großbritannien überquert. Es ist das jüngste Beispiel dafür, dass Schlepper immer mehr Menschen in ein Boot drängen.
Die Rettungskräfte zählten 230 Menschen, darunter mehr als 20 Kinder, an Bord eines Gummiboots. Es ist am späten Sonntagabend unter chaotischen Szenen von der nordostfranzösischen Küste ausgelaufen, teilte die SNSM in einer online verbreiteten Mitteilung mit.
Damit lag die Zahl deutlich über dem bisherigen Rekordwert für ein einzelnes Boot. Im Vormonat hatten 165 Menschen den stark befahrenen Schifffahrtsweg so erfolgreich überquert.
Zahl der Menschen pro Schlauchboot steigt
Die SNSM sprach von "einem neuen, traurigen Rekord für die Zahl der Menschen, die in diese fragilen Boote gepfercht werden".
In der vergangenen Woche war ein auf Großbritannien zusteuerndes Schlauchboot mit mehr als 150 Menschen an Bord im Ärmelkanal gekentert, nachdem der Motor Feuer gefangen hatte. Daraufhin lief ein groß angelegter Such- und Rettungseinsatz an.
Beim aktuellen Rekordfall begleiteten französische Rettungsboote das Schlauchboot bis in britische Gewässer. Danach übernahmen britische Einheiten, sagte Jean-Marc Lamblin, Leiter der örtlichen SNSM-Zweigstelle, der Nachrichtenagentur AFP.
Lamblin betonte, das Gummiboot sei rund 15 Meter lang gewesen. "Seit drei Monaten sehen wir immer mehr dieser 15-Meter-Schlauchboote", sagte er. "Kürzlich haben wir die Marke von 150 Menschen überschritten. Wir dachten, es könnten nicht noch mehr werden, aber inzwischen scheint es keine Grenzen mehr zu geben."
"Rücksichtslose und gefährliche Taktiken krimineller Banden"
Das britische Innenministerium, das die genaue Zahl der Menschen an Bord nicht bestätigte, verurteilte "die rücksichtslosen und gefährlichen Taktiken der kriminellen Banden, die diese Überfahrten organisieren".
Ein Sprecher von Premierminister Andy Burnham nannte es "schockierend", "entsetzliche Bilder zu sehen, auf denen auch sehr kleine Babys in diese seeuntüchtigen Boote gesetzt werden".
"Sie zeigen die Realität hinter den skrupellosen Schleuserbanden, die bereit sind, Menschenleben für Profit aufs Spiel zu setzen", fügte er hinzu.
Großbritannien ringt weiter damit, die gefährlichen und politisch heftig umstrittenen Überfahrten einzudämmen. In den vergangenen Jahren sind jährlich Zehntausende Migranten an den Küsten Südostenglands angekommen.
Seit ihrem Amtsantritt im Jahr 2024 versucht die Mitte-Links-Partei Labour, die Banden hinter den Überfahrten zu "zerschlagen", unter anderem mit engerer Zusammenarbeit mit Frankreich.
Im April unterzeichneten London und Paris ein neues Abkommen über drei Jahre. Großbritannien sagte zu, bis zu 766 Millionen Euro für einen Ausbau der französischen Sicherheitskräfte zu zahlen.
Die Regierung in London betont, die Strategie zeige Wirkung. In der ersten Jahreshälfte 2026 seien im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mehr als 42 Prozent weniger Menschen in kleinen Booten angekommen, insgesamt etwas mehr als 14.000.
In den vergangenen Wochen stiegen die Zahlen jedoch wieder an. Am 29. Juli registrierten die Behörden mit 752 Menschen einen neuen Tagesrekord in diesem Jahr.