Im Juni ist die Inflation im Euroraum stärker als erwartet gesunken. Das nimmt der EZB Druck und schürt Hoffnung, dass der kriegsbedingte Energieschub im Nahen Osten nachlässt.
Europa ächzt unter einer der heftigsten Hitzewellen seit Beginn der Aufzeichnungen. Gleichzeitig bringen die neuesten Inflationszahlen eine seltene Abkühlung.
Der Preisanstieg im Euroraum hat sich im Juni deutlich verlangsamt, wie eine Schnellschätzung von Eurostat zeigt. Das ist ein Hinweis darauf, dass der durch den Konflikt im Nahen Osten ausgelöste Inflationsschub an Kraft verliert.
Die jährliche Teuerung im Währungsraum sank auf 2,8 Prozent, nach 3,2 Prozent im Mai – dem höchsten Wert seit September 2023.
Sie lag damit auch unter den 3,0 Prozent, die Volkswirte erwartet hatten. Im Monatsvergleich gingen die Preise sogar um 0,1 Prozent zurück – der erste Rückgang in diesem Jahr nach mehreren Anstiegen.
Auch unter der Oberfläche sah es besser aus.
Die Kernrate, bei der schwankungsanfällige Energie- und Lebensmittelpreise herausgerechnet werden, sank von 2,6 auf 2,4 Prozent. Dieser Wert ist für die EZB wichtiger als die Gesamtinflation, weil er klarer zeigt, ob sich die Teuerung festsetzt.
Im Moment geht sie weiter zurück.
Energie bleibt Haupttreiber – verliert aber an Schwung
Energie bleibt der größte Inflationstreiber. Im Jahresvergleich lagen die Preise hier 8,7 Prozent höher. Im Mai waren es noch 10,8 Prozent.
Der Preissprung bei Öl und Gas nach Ausbruch des Kriegs hat sich seit der Waffenruhe zwischen den USA und Iran und der Wiederöffnung der Straße von Hormus teilweise zurückgebildet.
Auch der Rest des Warenkorbs hat sich abgeschwächt.
Die Dienstleistungsinflation sank von 3,5 auf 3,2 Prozent. Lebensmittel, Alkohol und Tabak verteuerten sich nur noch um 1,6 statt 1,9 Prozent. Industriegüter ohne Energie blieben mit 0,9 Prozent stabil.
Wo die Preise am langsamsten und am schnellsten steigen
In Malta war die Jahresinflation mit 1,9 Prozent am niedrigsten. Knapp dahinter lagen Frankreich und Estland mit jeweils 2,0 Prozent.
Deutschland mit 2,4 Prozent und Finnland mit 2,7 Prozent lagen ebenfalls komfortabel unter dem Durchschnitt des Euroraums von 2,8 Prozent.
Weiter östlich zeigte sich ein anderes Bild.
Litauen lag mit 5,5 Prozent an der Spitze, gefolgt von Bulgarien, das erst im Januar dem Euro beigetreten ist, mit 5,3 Prozent. Kroatien und Zypern lagen mit 4,2 beziehungsweise 4,0 Prozent nicht weit dahinter.
Im Monatsvergleich gingen die Preise zwischen Mai und Juni in mehreren Ländern zurück.
In Belgien, Bulgarien, Estland und Luxemburg fielen sie um 0,4 Prozent, in Frankreich, Österreich und Finnland um 0,3 Prozent.
Die stärksten monatlichen Anstiege verzeichneten Malta mit plus 1,0 Prozent und Zypern mit plus 0,8 Prozent. In Spanien und Litauen lagen die Preise jeweils 0,6 Prozent höher.
Große Volkswirtschaften: Inflation überall gedämpft
In allen großen Mitgliedstaaten der Eurozone hat sich die Inflation abgeschwächt.
In Deutschland fiel die harmonisierte Rate, die die EU-Länder vergleichbar machen soll, von 2,7 auf 2,4 Prozent und blieb damit hinter den Prognosen zurück.
Die nationale Inflationsrate ging auf 2,3 Prozent zurück, nach 2,9 Prozent im April – dem höchsten Stand seit mehr als zwei Jahren.
Ausschlaggebend war der Einbruch der Energiepreise. Die Energieinflation sank von 6,6 auf 3,4 Prozent, während die Kerninflation bei 2,5 Prozent verharrte.
In Frankreich war der Rückgang noch ausgeprägter. Die harmonisierte Teuerungsrate sank von 2,8 auf 2,0 Prozent. Nach nationaler Berechnung lag die Inflation bei 1,8 Prozent – dem niedrigsten Wert seit mehr als einem Jahr.
Auch hier war Energie der wichtigste Faktor: Die Inflation bei Kraftstoffen verlangsamte sich von 16,6 auf 11,2 Prozent. Im Monatsvergleich sanken die Verbraucherpreise in Frankreich um 0,2 Prozent – der erste Rückgang seit Januar.
Italien war unter den vier großen Volkswirtschaften der Ausreißer: Die harmonisierte Rate bewegte sich kaum und ging nur leicht von 3,2 auf 3,1 Prozent zurück.
Der Grund sind die Energieabrechnungen der Haushalte. Italienische Strom- und Gastarife folgen dem Großhandelsmarkt mit Verzögerung. Sie steigen weiter, obwohl der Sprit an der Tankstelle bereits günstiger wird.
Regulierte Energiepreise erhöhten sich im Juni im Jahresvergleich auf 9,3 Prozent, nach 5,6 Prozent im Mai. Allein regulierte Stromtarife sprangen von 2,3 auf 7,1 Prozent. Auf dem freien Markt waren die Bewegungen noch stärker: Strom verteuerte sich von 8,4 auf 12,6 Prozent, Gas von 8,2 auf 9,9 Prozent.
Konjunktur zu schwach für Überhitzung
Joe Nellis, Wirtschaftsberater beim Prüfungs- und Beratungsunternehmen MHA, sieht in den Juni-Zahlen ein Bild zweier gegenläufiger Kräfte.
Der Krieg im Nahen Osten treibt die Kosten für Energie, Transport und Produktion. Gleichzeitig halten sich Unternehmen mit Investitionen zurück, und private Haushalte geben ihr Geld vorsichtig aus. Die Konjunktur hat daher nicht genug Schwung, um die Preise stark nach oben zu treiben.
„Kurz gesagt: Die Wirtschaft der Eurozone erzeugt nicht genug Dynamik, um die Preise in großem Stil nach oben zu treiben“, sagte er.
Nellis rechnet damit, dass der Druck weiter nachlässt.
Die Löhne wachsen mit rund 3 Prozent moderat. Die Energiemärkte beruhigen sich, und die Waffenruhe zwischen den USA und Iran hat das Risiko eines weiteren Ölpreisschocks verringert.
Die EZB habe im Juni die Zinsen erhöht, merkt er an, doch „es besteht kein Grund zur Panik“.
Seiner Einschätzung nach ist in diesem Jahr ein weiterer Schritt auf 2,5 Prozent möglich. Eine deutlich stärkere Straffung hält er jedoch für unwahrscheinlich, solange die Wirtschaft schwach bleibt.
„Bei einer schwachen Konjunktur und einer offenbar beherrschbaren Inflation wird die EZB vorsichtig sein, deutlich restriktiver zu werden“, ergänzte Nellis.
Finanzmärkte setzen auf eine EZB-Zinspause
Auch an den Finanzmärkten zogen Händler ähnliche Schlüsse.
Der Euro rutschte unter die Marke von 1,14 US-Dollar, da die Argumente für weitere Zinsschritte schwächer wurden.
Der Leitindex Euro STOXX 50 bewegte sich kaum. Bankwerte drückten auf die Kurse, da sie in der Regel von höheren Zinsen profitieren.
Der Bankenindex Euro STOXX Banks gab rund 0,7 Prozent nach. Die Aktie von BNP Paribas verlor 1,2 Prozent, Société Générale lag 0,8 Prozent im Minus.
Damit steht die EZB vor einer deutlich leichteren Entscheidung, wenn der Rat im Juli zusammenkommt.
Nach der Zinserhöhung im vergangenen Monat hat sie nun gute Gründe, erst einmal abzuwarten.