Frankreich verliert 2025 netto 800 Millionärinnen und Millionäre. Der Abzug betrifft nur einen kleinen Teil der Reichen, doch viele Gründe treiben sie ins Ausland.
Vertreibt Frankreich seine Reichen in großer Zahl? Laut dem jüngsten Wealth Migration Report von Henley & Partners verzeichnete das Land 2025 einen Nettoverlust von 800 Millionärinnen und Millionären.
Auf den ersten Blick scheint es, als würden die Wohlhabenden massenhaft das Land verlassen. Nach Zahlen des UBS Global Wealth Report leben in Frankreich aber weiterhin 2,4 Millionen Menschen mit einem Nettovermögen von mehr als einer Million Euro.
Frankreich bleibt für Vermögende aus offensichtlichen Gründen attraktiv – wegen der hohen Lebensqualität und der joie de vivre. Dennoch zeigt sich, wenn auch bislang in kleinem Umfang, ein Trend: Einige der reichsten Bürger ziehen weg und nehmen vor allem ihr Kapital mit.
Nach Berechnungen des französischen Instituts für Forschung zu öffentlicher Verwaltung und Politik (iFRAP) nahm im vergangenen Jahr jede abwandernde Millionärin bzw. jeder Millionär im Schnitt fünf Millionen Euro an Privatvermögen mit. Insgesamt floss so rund vier Milliarden Euro aus dem Land ab.
Die Zahl der Wegziehenden bleibt im Verhältnis zur gesamten wohlhabenden Bevölkerung sehr gering. Ökonominnen und Ökonomen warnen dennoch vor den Folgen. Vermögende Personen besitzen häufig Unternehmen, finanzieren Investitionen und zahlen hohe Steuern. Wenn einige von ihnen gehen, kann das die Wirtschaft überproportional treffen.
Warum wohlhabende Französinnen und Franzosen gehen
Einen einzigen Grund für den Wegzug der Superreichen gibt es nicht.
Ein wichtiger Faktor ist die anhaltende politische Instabilität. Frankreich hatte in den vergangenen fünf Jahren sechs Premierminister. Hinzu kommen wiederkehrende Haushaltskrisen und die Unsicherheit darüber, wie die jeweils amtierenden Regierungen die steigende Schuldenlast in den Griff bekommen wollen.
Die Aussicht, dass Marine Le Pen die Präsidentschaftswahl im April 2027 gewinnen könnte, sorgt für zusätzliche Unruhe.
Ihre Partei Rassemblement National bemüht sich zwar, Unternehmen und Anleger zu beruhigen. Viele Ökonominnen und Ökonomen zweifeln jedoch, ob die angekündigten Mehrausgaben mit den ohnehin angespannten Staatsfinanzen und den Haushaltsregeln der Europäischen Union vereinbar sind.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die wachsende nationale und internationale Bewegung, Reiche stärker zu besteuern.
Aktueller Streit um höhere Steuern für Superreiche
Im Mittelpunkt der jüngsten Debatte steht ein Vorschlag des französischen Ökonomen Gabriel Zucman: Vermögen von mehr als 100 Millionen Euro sollen jährlich mit zwei Prozent besteuert werden.
Der Plan sah außerdem eine sogenannte „Exitsteuer“ vor, um jene Kapitalflucht zu verhindern, die die Vermögensteuer ISF ausgehöhlt hatte. Wohlhabende Personen, die Frankreich verlassen, sollten die Steuer noch fünf Jahre nach ihrem Wegzug zahlen müssen.
Befürworterinnen und Befürworter rechnen damit, dass die sogenannte Zucman-Steuer jährlich rund 20 Milliarden Euro einbringen und nur etwa 1.800 Haushalte betreffen würde. Sie betonen zudem, dass sich die Vermögenskonzentration in den vergangenen Jahrzehnten deutlich beschleunigt hat und die reichsten Haushalte einen größeren Beitrag zur Finanzierung öffentlicher Leistungen leisten sollten.
Die Nationalversammlung stimmte dem Vorschlag im vergangenen Jahr zunächst zu. Der Senat stoppte ihn jedoch. Später fiel er in der Nationalversammlung endgültig durch, als über den Haushalt für 2026 beraten wurde.
An seine Stelle trat das Finanzgesetz 2026. Es führt keine allgemeine Vermögensteuer ein, sondern eine Abgabe von 20 Prozent auf Luxusgüter wie Yachten, Privatjets, Sportwagen und Schmuck, sofern sie in passiven Familienholdings mit einem Wert von mindestens fünf Millionen Euro gehalten werden.
Nicht alle sind der Ansicht, dass Vermögensteuern zwangsläufig eine Abwanderung auslösen. Der französische Ökonom Thomas Piketty hält die Risiken von Kapitalflucht oft für übertrieben und plädiert für eine stärkere internationale Zusammenarbeit, damit Vermögensteuern wirksamer greifen.
Piketty verweist darauf, dass die wachsende Ungleichheit von Jahrzehnten der Steuerentlastung für die reichsten Haushalte befeuert wurde. Gut ausgestaltete Vermögensteuern könnten seiner Ansicht nach Ungleichheit abbauen, ohne Investitionen nennenswert zu schmälern.
Kritikerinnen und Kritiker halten dagegen, Frankreich habe viele dieser Konzepte bereits ausprobiert. Ihrer Ansicht nach kann schon eine relativ kleine Zahl wegziehender Unternehmerinnen, Unternehmer und Investorinnen, Investoren das Wachstum deutlich bremsen – weil sie Firmen besitzen, neue Projekte finanzieren und Arbeitsplätze schaffen.
Frankreichs lange Geschichte der Vermögensteuern
Im Jahr 1982 führte Präsident François Mitterrand die Solidaritätssteuer auf Vermögen (Impôt de solidarité sur la fortune, ISF) ein. Sie erfasste das Nettovermögen sehr wohlhabender Personen. Nach Angaben der Europäischen Kommission brachte die Steuer über ihre Laufzeit insgesamt 63,5 Milliarden Euro ein und erzielte im letzten Jahr 2017 rund 4,1 Milliarden Euro.
Gleichzeitig führte sie laut dem französischen Ökonomen Eric Pichet zu geschätzten 200 Milliarden Euro an Kapitalflucht und dämpfte das jährliche BIP-Wachstum um etwa 0,2 Prozent.
2017 schaffte Präsident Emmanuel Macron die ISF ab und ersetzte sie durch die Immobilienvermögensteuer IFI. Sie fällt jährlich für Personen an, deren Nettovermögen an Immobilien, die nicht für betriebliche Zwecke genutzt werden, 1,3 Millionen Euro übersteigt.
Nach Angaben der französischen Regierung bringt die IFI inzwischen rund 1,1 Milliarden Euro pro Jahr ein.
Unter Präsident François Hollande gab es zudem die sogenannte „Supersteuer“: einen Spitzensteuersatz von 75 Prozent auf Jahreseinkommen über eine Million Euro. Damit sollten die Reichsten helfen, das Land aus der Wirtschaftskrise zu führen.
Frankreichs höchstes Gericht, der Verfassungsrat, kassierte die ursprüngliche Version jedoch Ende 2012. Die Richter befanden, es sei unfair, Einzelpersonen mit einem derart hohen Satz zu besteuern.
Die Regierung Hollande passte die Steuer im Haushalt 2014 an und verlagerte die Last von den Beschäftigten auf die Unternehmen. Arbeitgeber mussten fortan eine Abgabe von 50 Prozent auf den Teil von Gehältern zahlen, der eine Million Euro überstieg.
2015 lief die Regelung aus, nachdem sie deutlich weniger Einnahmen gebracht hatte als erwartet: 2013 waren es lediglich 160 Millionen Euro, 2014 rund 260 Millionen Euro.
In dieser Zeit nahm Frankreichs reichster Mann, LVMH-Chef Bernard Arnault, die belgische Staatsbürgerschaft an. Der Schauspieler Gérard Depardieu zog ebenfalls über die Grenze nach Belgien und erhielt später die russische Staatsbürgerschaft.
Eine Mehrheit der französischen Steuerzahler lehnte den Satz von 75 Prozent ab. Umfragen zeigten allerdings, dass sechs von zehn Wählerinnen und Wählern grundsätzlich für höhere Einkommensteuern für Reiche waren.
Wohin die Reichen ziehen
Viele Staaten werben gezielt um vermögende Zuziehende. Die Vereinigten Arabischen Emirate zählen, weil es dort keine persönliche Einkommensteuer gibt, weiterhin zu den großen Gewinnern.
In Europa gehört Italien zu den Profiteuren. Die Regierung von Giorgia Meloni hat einen Pauschalsteuersatz von 15 Prozent für bestimmte ausländische Steuerresidenten eingeführt.
Wer die Voraussetzungen erfüllt, zahlt auf Auslandseinkünfte eine feste Jahressteuer – unabhängig davon, wie hoch die Einnahmen im Ausland ausfallen. Das macht Italien für Unternehmerinnen, Unternehmer und Investorinnen, Investoren mit internationalen Vermögen besonders attraktiv.
Die Schweiz lockt schon seit Langem Vermögende mit vorteilhaften Steuerregelungen für bestimmte ausländische Wohnsitzinhaber. Monaco bleibt wegen des Fehlens einer persönlichen Einkommensteuer ein bevorzugtes Ziel für Europas Superreiche.
Auch Portugal hat mit seinem Programm für „Non-Habitual Residents“ Tausende wohlhabende Zuwanderer angezogen, wenngleich jüngste Reformen die Vorteile gegenüber früher spürbar beschnitten haben.
Unterm Strich steht Frankreichs Nettoverlust von 800 Millionärinnen und Millionären nur für einen winzigen Teil der reichen Bevölkerung. Er verweist jedoch auf eine größere Frage, vor der viele Regierungen in Europa stehen: Wie lassen sich Steuereinnahmen erhöhen und Ungleichheit bekämpfen, ohne Investitionen und Kapital zur Abwanderung zu verleiten?
Da Menschen und Vermögen immer mobiler werden, wird diese Balance zunehmend schwerer zu erreichen.