Die Niederlande verfehlen ihr Ziel für die Wintergasreserven und sind ohne zusätzliche Maßnahmen schlecht auf einen extrem strengen Winter vorbereitet, warnt der staatliche Gasnetzbetreiber Gasunie.
Gasunie warnt: Die niederländischen Gasvorräte werden nicht das Niveau erreichen, das für einen extrem kalten Winter als notwendig gilt. Schuld sind Marktbedingungen, die das Auffüllen der Speicher unprofitabel machen.
„Auf Basis der jüngsten Entwicklungen wird die Niederlande das zuvor festgelegte Füllziel für diesen Winter von 115 TWh nicht mehr erreichen“, teilte das Unternehmen mit. Das entspreche etwa der Hälfte des niederländischen Gasverbrauchs.
Das nationale Ziel von 115 TWh liegt über der EU-Vorgabe für die Niederlande, nämlich einer Befüllung von 74 Prozent der Speicherkapazität. Nach Informationen der NL Times sind inzwischen beide Ziele außer Reichweite.
Die nationalen Ziele orientieren sich an der Gasmenge, die für den härtesten Winter der vergangenen 30 Jahre nötig wäre. Gasunie betonte, das Verfehlen dieses Schwellenwerts bedeute nicht automatisch, dass im kommenden Winter zu wenig Gas vorhanden sei oder die Versorgung gefährdet sei. Ohne zusätzliche politische Maßnahmen sei die Niederlande jedoch „nicht ausreichend auf ein Szenario vorbereitet, das einen der strengsten Winter“ umfasse, erklärte das Unternehmen.
Die Gaspreise im Sommer liegen derzeit über den erwarteten Winterpreisen. Für Energieunternehmen lohnt es sich deshalb nicht, jetzt Gas zu kaufen, einzuspeichern und erst im Winter zu verkaufen.
Der europäische Gaspreis lag am Mittwoch bei knapp 64 Euro je Megawattstunde (MWh) und damit mehr als doppelt so hoch wie zu Jahresbeginn. In den vergangenen Tagen sind die Preise stark gestiegen – aus Sorge, dass die Straße von Hormus auch bis in den Winter hinein geschlossen bleiben könnte.
Am Mittwoch dämpften Berichte über Fortschritte bei Gesprächen im Nahen Osten die Sorge um die Versorgung. Risiken bestehen jedoch weiter, da die Blockade der Straße von Hormus Lieferungen von katarischem Flüssigerdgas (LNG) weiterhin verzögert.
Mit Blick auf die geopolitische Lage erklärte Gasunie: „Wir prüfen derzeit, wie wir die Gasversorgung unter den veränderten geopolitischen und Marktbedingungen so robust wie möglich aufrechterhalten und unnötigen Druck auf den Gasmarkt und damit auf die Preise verhindern können.“
Die Hitze setzt das Energiesystem zusätzlich unter Druck. Rekord-Sommerhitze lässt den Strombedarf für Klimaanlagen steigen, zugleich drosseln Hitze und Trockenheit die Produktion von Wasser- und Atomkraftwerken.
Die warme Witterung erhöht damit auch den Druck auf den europäischen Gasmarkt: Der höhere Strombedarf für Klimaanlagen und Einschränkungen bei der Wasser- und Atomkraftproduktion lassen die Nachfrage nach Gaskraftwerken steigen. Dadurch bleibt womöglich weniger Gas für die Einlagerung übrig.
Niederländische Gasspeicher: Füllstände deutlich unter Ziel
Die niederländischen Gasspeicher waren am 23. August zu 44,26 Prozent gefüllt. Das nationale Ziel liegt bei rund 80 Prozent bis zum 1. November. Damit verzeichnete die Niederlande den niedrigsten Füllstand unter den EU-Ländern, für die an diesem Tag Daten vorlagen.
Eine Sprecherin des niederländischen Ministeriums für Klima und grünes Wachstum sagte Euronews Business, Unternehmen würden europaweit die Gasspeicher nur begrenzt füllen, weil dies derzeit wirtschaftlich nicht sinnvoll sei. „Die Europäische Kommission hat den Mitgliedstaaten daher bereits empfohlen, die EU-Füllziele zu senken, um einen unnötigen Anstieg der Gaspreise zu verhindern“, erklärte sie.
Die niederländische Regierung hat das staatliche Unternehmen Energie Beheer Nederland (EBN) ermächtigt, bis zu 80 TWh Gas einzuspeichern, wenn private Anbieter ihre Ziele verfehlen. Das Ministerium erklärte, dieses Programm liege im Plan.
Gasunie bestätigte, dass EBN seine Aufgabe ordnungsgemäß erfülle. Dennoch würden die Speicher weiterhin zu langsam gefüllt. Das Unternehmen habe diese Bedenken bereits zuvor mit dem Ministerium besprochen.
Gasunie kündigte an, die Entwicklungen weiter zu beobachten und das Ministerium zu informieren, betonte jedoch, dass Entscheidungen über zusätzliche Unterstützungsmaßnahmen bei der Regierung liegen. „Letztlich ist es Sache des Ministers, auf Grundlage der vorliegenden Empfehlungen und der aktuellen Lage politische Entscheidungen zu treffen“, hieß es.
Das Ministerium rechnet dennoch nicht mit einer Knappheit: „Die Regierung ist zuversichtlich, dass im Winter ausreichend Gas zur Verfügung steht, und beobachtet die Lage weiterhin genau“, hieß es.
Im September will die Regierung die Zweite Kammer des Parlaments in einem Schreiben über die aktuelle Lage informieren und mögliche nächste Schritte darlegen.