Fed-Chef Kevin Warsh hält am Freitag in Jackson Hole seine erste Rede: Langfristzinsen bleiben hoch, Inflation über Ziel, das US-Finanzministerium stützt bereits den Anleihemarkt.
Die wohl aufmerksamste Rede der Notenbankwelt kommt für ihren Redner zu einem heiklen Zeitpunkt.
Fed-Chef Kevin Warsh tritt am Freitagmorgen in Wyoming ans Rednerpult. Die staatlichen Finanzierungskosten liegen hoch, die Inflation verharrt deutlich über dem Ziel, und US-Finanzminister Scott Bessent greift bereits am Anleihemarkt ein, um Renditen zu deckeln.
Das Symposium erklärt, warum die Rede so wichtig ist. Die Federal Reserve Bank of Kansas City richtet das Treffen seit 1978 aus, seit 1982 im Jackson Lake Lodge im Grand-Teton-Nationalpark. Rund 120 Notenbanker, Wissenschaftler und politische Entscheidungsträger aus mehr als 70 Ländern kommen dort drei Tage lang zu Vorträgen und Diskussionsrunden zusammen.
Das Motto lautet in diesem Jahr „Financial Innovation: Implications for Payments and Policy“. Entscheidend ist der Zeitpunkt. Das Treffen liegt stets zwischen regulären Fed-Sitzungen. Warshs Rede am Freitag gehört zu den wenigen Momenten, in denen er die Richtung der Geldpolitik außerhalb einer formellen Entscheidung signalisieren kann.
Am Ziel lässt der Fed-Chef keinen Zweifel.
„Es gibt kein weiches Inflationsziel“, sagt er. „Es gibt nur ein Ziel, und das liegt bei 2 Prozent.“
Den Weg dorthin hat er jedoch kaum skizziert. Fünf interne Arbeitsgruppen prüfen derzeit, wie die Fed arbeitet, darunter eine zur Kommunikation. Warsh verzichtet bislang auf die vorausschauende Orientierung, mit der seine Vorgänger großzügig gearbeitet haben.
Die Daten vom Mittwoch bieten ihm kaum Rückendeckung.
Der Preisindex für die privaten Konsumausgaben, das bevorzugte Inflationsmaß der Fed, stieg im Juli um 0,2 Prozent und lag damit über den erwarteten 0,1 Prozent. Die Jahresrate verharrte bei 3,7 Prozent statt wie prognostiziert auf 3,6 Prozent zu sinken.
Die Kernteuerung legte im Monatsvergleich um 0,2 Prozent und im Jahresvergleich um 3,3 Prozent zu, im Einklang mit den Prognosen. Damit liegt die Kerninflation nun den 65. Monat in Folge über dem 2-Prozent-Ziel. Die Verbraucherpreise stiegen im Jahresvergleich bis Juli um 3,4 Prozent.
Der Offenmarktausschuss der Fed beließ den Leitzins im Juli bei 3,50 bis 3,75 Prozent. Allerdings stimmten drei regionale Fed-Präsidenten dagegen und plädierten für eine Erhöhung um einen Viertelprozentpunkt – so viele Gegenstimmen in eine Richtung gab es zuletzt im September 2016.
Seither haben die Finanzmärkte jedoch in die Gegenrichtung gedreht.
Das FedWatch-Tool der Terminbörse CME sieht die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im September inzwischen nur noch bei rund 40 Prozent, nach etwa 55 Prozent vor einem Monat. Anleger rechnen also mit weniger straffen Bedingungen, als die geldpolitischen Falken im Ausschuss fordern. Diese Lücke muss Warsh in seiner Rede am Freitag adressieren.
Anleihemarkt wird zum Härtetest
Der Druck konzentriert sich auf das lange Ende der Zinskurve.
Die Staatsschulden der USA haben die Marke von 40 Billionen Dollar überschritten. Gleichzeitig sind die Renditen von Staatsanleihen mit Laufzeiten von 10 und 30 Jahren kräftig gestiegen. Das treibt die Finanzierungskosten für die gesamte Volkswirtschaft nach oben.
Das US-Finanzministerium sah sich zum Eingreifen gezwungen.
Finanzminister Scott Bessent kündigte an, die Rückkäufe von 10- bis 30-jährigen Anleihen mindestens zu verdoppeln – von 2 Milliarden auf 4 Milliarden Dollar je Operation. So will das Ministerium das Angebot an langlaufenden Papieren verknappen, die Preise stützen und die Renditen drücken.
Die Märkte blieben unbeeindruckt. Die Renditen stiegen anschließend wieder über das Niveau vor der Ankündigung. Bessent reagierte umgehend und erklärte öffentlich, das US-Finanzministerium sei bereit, mit deutlich höheren Beträgen zu intervenieren – ohne eine konkrete Grenze zu nennen.
Damit entsteht eine ungewöhnliche Spannung. Das Finanzministerium versucht, langfristige Renditen zu dämpfen, gerade in dem Moment, in dem der Fed-Chef offenbar bereit ist, den Markt die Straffung der Finanzbedingungen erledigen zu lassen.
Debasement-Trade treibt Sachwerte
Wenn Anleger vermuten, dass ein Staat seine Schulden nur beherrschen kann, indem er zulässt, dass die Inflation ihren Wert auffrisst, suchen sie Zuflucht in Vermögenswerten, die sich nicht beliebig vermehren lassen. An den Märkten heißt das Debasement-Trade – und dieser Einsatz erlebt im August einen außergewöhnlichen Lauf.
Gold hat im laufenden August rund 15 Prozent gewonnen und steuert bei nur noch wenigen Handelstagen auf den stärksten Monat seit 1999 zu. Am Dienstag kostete eine Feinunze etwa 4.713 Dollar, ein Drei-Monats-Hoch.
Bitcoin liegt im Monatsverlauf mehr als 25 Prozent im Plus – der beste Wert seit rund zwei Jahren – und ist über die Marke von 80.000 Dollar gestiegen.
Der Dollar hat sich dagegen abgeschwächt. Ein Index, der die US-Währung gegenüber sechs wichtigen Handelspartnern misst, steuert auf den dritten monatlichen Rückgang in Folge zu.
Steigende Sachwerte, fallende Währung und hartnäckig hohe langfristige Zinsen weisen in dieselbe Richtung. Wenn Warsh Marktpreise als Informationsquelle liest – wie er selbst betont –, lautet die Botschaft, dass die Geldpolitik zu locker ist.
Europas Interesse an Wyoming
Auch die Europäische Zentralbank ist in Jackson Hole präsent.
Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel nimmt am Freitag um 17.55 Uhr MEZ an einer Podiumsdiskussion des Symposiums teil. Im Mittelpunkt steht das Thema Zahlungsverkehr und Finanzinnovation, nicht der kurzfristige Ausblick für die Geldpolitik.
Wichtiger als das Panel ist jedoch die transatlantische Taktung.
Die EZB veröffentlicht am Donnerstag das Protokoll ihrer Sitzung vom 22. und 23. Juli. Die nächste Zinsentscheidung steht am 10. September an – wenige Tage vor der September-Sitzung der Fed.
Ein klar strafferes Signal von Warsh würde den Dollar stärken und die globalen Finanzierungsbedingungen verschärfen. Das erschwert die Lage in Frankfurt, wo die Entscheidungsträger bereits mit energiegetriebener Inflation ringen und nun mit einem wachsenden Druck durch Lebensmittelpreise bis ins Jahr 2027 rechnen müssen.
So oder so ist der Freitag keine Routineveranstaltung mehr. Warsh muss zeigen, ob die Fed die Märkte davon überzeugen kann, dass die 2-Prozent-Marke weiterhin ein echtes Ziel bleibt – und dass sie einen glaubwürdigen Weg dorthin hat.