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Euronews Culture: Film der Woche „The Odyssey“ – epische, holprige Höllenreise

Film der Woche: Die Odyssee
Film der Woche: Die Odyssee Copyright  Universal Pictures
Copyright Universal Pictures
Von David Mouriquand
Zuerst veröffentlicht am
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Christopher Nolan nimmt sich nach seinem Oscar-Hit „Oppenheimer“ sein bislang kühnstes Projekt vor: Homers Epos fürs Kino. Beeindruckend, doch ein Funken fehlt.

Die meisten Regisseure schrecken vor dem Gedanken zurück, Homers „The Odyssey“ fürs Kino zu verfilmen.

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Das Epos der griechischen Mythologie erzählt im Kern die Geschichte eines vom Pech verfolgten Kriegers, der nur nach Hause will. Doch das 24 Bücher umfassende Gedicht aus dem 8. Jahrhundert v. Chr., in dem Menschen über Jahrzehnte hinweg auf ihrer gefährlichen Reise mit Göttern und Monstern aneinandergeraten, ist weit mehr: eine zeitlose Vorlage, deren Größe und Weite für die gesamte nachfolgende Literatur zum Maßstab wurde.

Christopher Nolan gehört nicht zu diesen Zauderern. Frisch ausgezeichnet für sein oscargekröntes, dreistündiges Biopic über die Geburt der Atombombe, wagt sich der Regisseur an sein wohl bislang ehrgeizigstes Projekt. Er wählt dafür dieselbe Strategie wie einst bei Batman: radikaler Realismus, weniger Mythos, mehr Mensch.

Diese geerdete Version der Geschichte spiegelt sich auch im handwerklichen Aufwand. Gedreht in sechs Ländern, komplett auf IMAX – als erster Film überhaupt, mit angeblich 2,1 Millionen Fuß belichtetem Material – und mit überwiegend praktischen Effekten statt eines CGI-Overkills. Für die Belagerung von Troja sollen rund 2.000 Statisten im Einsatz gewesen sein. In The Odyssey geht Nolan volles Risiko und setzt auf maximale Wirkung.

Doch die Entscheidung, ganz auf das Schicksal der Männer zu fokussieren, hat ihre Tücken.

The Odyssey
The Odyssey Universal Pictures

Die Handlung spielt in einer „Zeit scheinbarer Magie“, wie die erste Einblendung erklärt. Das Publikum stürzt direkt hinein in eine dichte Geschichte mit vielen Figuren. Nach seinem Sieg im Trojanischen Krieg ist Odysseus (Matt Damon) spurlos verschwunden. Seine Frau Penelope (Anne Hathaway) muss sich allein gegen eine Schar Freier behaupten, angeführt vom schmierig auftretenden Antinous (Robert Pattinson), der um die Hand der verlassenen Königin von Ithaka wirbt.

Ihr Sohn Telemachos (Tom Holland) will die Freier vertreiben. Er macht sich auf nach Sparta in der Hoffnung, dass König Menelaos (Jon Bernthal) etwas über den Verbleib seines Vaters weiß.

Inzwischen pflegt auf der Insel Ogygia die Nymphe Kalypso (Charlize Theron) einen an Amnesie leidenden Odysseus gesund. Mit der zurückkehrenden Erinnerung erfährt das Publikum, wie der gestrandete Krieger ohne seine Männer auf die Insel gelangt ist: ein blutrünstiger Zyklop, kannibalische Lästrygonen, der gefährliche Gesang der Sirenen und Kalypsos verführerische Eintöpfe …

Das alles in 173 Minuten zu erzählen, ist eine Herausforderung. Nolan schafft es mit hohem Tempo – bezahlt dafür aber einen Preis.

The Odyssey
The Odyssey Universal Pictures

Im ersten Teil von The Odyssey laufen mehrere Zeitebenen nebeneinander, wie man es von dem an Linearität wenig interessierten Nolan kennt. Der Film springt schnell zwischen den Erinnerungen des Odysseus und Telemachos’ Kampf, Ithaka unter der Herrschaft seines Vaters zu halten. Dadurch wirken die Abenteuer des Kriegers gehetzt und überraschend verkürzt.

Viele werden einwenden, dass die episodische Struktur von Odysseus’ Begegnungen mit den unterschiedlichsten Gefahren durchaus Sinn ergibt – schließlich ist auch Homers Gedicht in Episoden erzählt, und hier handelt es sich um Bruchstücke einer Erinnerung, die sich allmählich wieder zusammensetzt. Doch selbst wenn das Tempo keine Langeweile aufkommen lässt, wirkt der Schnitt von Jennifer Lame störend und grenzt stellenweise an einen erzählerischen Fehlgriff.

Kaum taucht der Zyklop auf oder ertönt der Gesang der Sirenen, zieht die Geschichte schon weiter. Es bleibt kaum Raum für Aufbau, für das Zurückschrecken vor der Bedrohung, geschweige denn dafür, die Tragweite zu spüren oder die Unruhe der Männer zu fühlen, die Gefahren gegenüberstehen, die nicht nur ihren Willen, sondern auch ihren Platz in einem Universum hinterfragen, das angeblich Launen göttlicher Mächte ausgeliefert ist.

The Odyssey
The Odyssey Universal Pictures

Dieser Abschnitt von The Odyssey wirkt, als sei er hastig zusammengeschnitten worden und finde kaum einen stimmigen Fluss. Besonders die schnell montierten Schlachten und abrupt abgebrochenen Abenteuer – strukturell bedingt, aber dennoch problematisch – verweilen nur selten bei den spannendsten, angespanntesten oder blutigsten Momenten der eindrucksvollen Schauplätze.

Sogar der herausragende Moment des Films, die Begegnung mit Samantha Mortons Circe, leidet unter rätselhaften Schnittentscheidungen. Nolan nähert sich hier so deutlich wie nie dem (Body-)Horror, Morton spielt hypnotisch – und doch ist alles viel zu schnell wieder vorbei. Warum bleibt der Film nicht länger in dieser zutiefst verstörenden Welt, damit das Publikum emotional einsteigen und wirklich um das Überleben der Figuren bangen kann, statt gleich zur nächsten Schau zu jagen?

Erst im letzten Akt, wenn die Handlung in der Gegenwart ankommt, fügt sich der Film wirklich zusammen.

Odysseus kehrt endlich nach Ithaka zurück, vereint sich mit Frau und Sohn und stellt die ungehobelten Freier zur Rede. In dieser Phase gewinnt The Odyssey an Klarheit. Damon überzeugt als traumatisierter Mann, gezeichnet nicht nur davon, wie der Irrsinn des Krieges die fragilen Bande zwischen Menschen zerstört hat, sondern auch von seiner eigenen Rolle beim Untergang. Hathaway, Pattinson und John Leguizamos blinder Diener Eumaios erhalten im letzten Drittel ebenfalls Raum, um zu glänzen – anders als die erstaunlich unterforderten Zendaya und Lupita Nyong’o.

Zendaya erscheint nur in einem kurzen Auftritt als von Odysseus’ Traumata heraufbeschworene Athena. Lupita Nyong’o hat als Helena von Troja und deren Schwester Klytaimnestra kaum sichtbar mehr Spielzeit.

The Odyssey
The Odyssey Universal Pictures

An Nolans gigantischem Unterfangen gibt es viel zu bewundern – auch daran, wie er sich vom homerischen Kosmos löst und lieber eine Geschichte erzählt, in der das Übernatürliche zurückgedrängt wird zugunsten einer modernistischen Deutung von Odysseus’ Psyche.

Manche Puristen werden diese Entscheidung und einige anachronistische Freiheiten in den Dialogen kritisieren – ein paar derbe Schimpfwörter klingen deutlich fehl am Platz. Doch The Odyssey wischt viele Bedenken als monumentale technische Leistung beiseite. Von einem Regisseur mit Nolans Detailversessenheit und seinem viermaligen Kameramann Hoyte van Hoytema ist das zu erwarten – genauso wie von Ludwig Göransson, der eine wuchtige, pulsierende Musik beisteuert. Erwartbar, aber keineswegs selbstverständlich.

Trotzdem fehlt etwas. Nicht die handwerkliche Eleganz, nicht der Ehrgeiz. Es fehlen Momente zum Durchatmen und Mitfühlen in einem Werk, das sich stellenweise wie eine pflichtbewusste α‑β‑γ‑Reise in die Unterwelt und zurück anfühlt.

Vielleicht ist es schlicht zu viel verlangt, Homers ausuferndes Epos in drei Stunden zu pressen. Nolan hat ihm jedenfalls seinen größten und engagiertesten Anlauf gewidmet, der mit „Meisterwerk“-Urteilen überhäuft werden dürfte. Gleichzeitig wirkt The Odyssey merkwürdig gehetzt: ein dreistündiges Spektakel, das Ehrfurcht erzeugt, aber nur selten echte Gefühle.

The Odyssey läuft jetzt im Kino.

Cutter • Amber Louise Bryce

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