Kurz vor dem Kinostart von Christopher Nolans starbesetztem Epos „The Odyssey“ meldet ein KI-Startup eine eigene Version von Homers Werk – Begeisterung bleibt aus.
Christopher Nolans neues Epos The Odyssey startet am Freitag in den Kinos. Und schon meldet sich ein Möchtegern-Konkurrent zu Wort.
Eine neu von KI erzeugte Adaption des homerischen Klassikers soll demnächst ebenfalls auf die Leinwand kommen. Das wirft Fragen auf wie: „Was ist das wieder für eine neue AI-slop-Hölle?“ und: „Sind wir da nicht inzwischen weiter?“
Odysseus: The Fall ist ein KI-Stunt des Content-Produzenten Ash Koosha. Dahinter steht Fountain O mit Sitz in London, ein Unternehmen, das sich selbst als „das führende KI-Filmstudio“ bezeichnet.
Wenn Ihnen der Name des „Regisseurs“ bekannt vorkommt: Koosha hat auch das Dokudrama Dreams Of Violets generiert. Der Film feierte vergangenen Monat beim Tribeca Film Festival Premiere und löste eine Debatte über die Ethik von KI aus, denn das 75-minütige Werk dramatisiert das Schicksal iranischer Zivilisten wenige Wochen bevor die USA und Israel das Land angreifen. Eine essenzielle menschliche Geschichte – erzählt ohne echte Menschlichkeit.
Jane Rosenthal, die das Tribeca-Festival mitgegründet hat, verteidigte die Aufnahme des Films ins Programm. Es sei „ein kraftvolles Beispiel dafür, wie neue Technologien wie KI nicht nur als Werkzeuge der Innovation, sondern als Vehikel zutiefst menschlicher Erzählkunst genutzt werden können“.
Nun legt Koosha nach – in einem ziemlich schamlosen, zynischen Versuch, auf der Nolan-Welle mitzureiten. Er liefert eine 135-minütige KI-Videodatei ab, die er als „Zusammenarbeit eines Mannes mit KI“ beschreibt.
„Wir hoffen sehr, dass Christopher Nolans Film, The Odyssey, ein großer Kassenerfolg wird“, erklärte Koosha. „Vielleicht trägt unsere Version von Odysseus’ Reise sogar dazu bei, indem sie Menschen ins Kino lockt, die sonst nicht kämen – einfach weil sie neugierig sind, das ultimative menschliche Kunstwerk zu sehen und es mit der Zusammenarbeit eines Mannes mit KI zu vergleichen.“
In seiner Erklärung argumentierte er weiter, Geschichtenerzähler sollten sich von KI-Werkzeugen nicht bedroht fühlen.
„Sie bedroht nichts außer der Distanz – der Distanz zwischen einem Menschen mit einer Geschichte und den Mitteln, sie zu erzählen. Es werden mehr Filme auf diese Weise entstehen; das scheint mir sicher, so wie einst sicher war, dass irgendwann jeder mit der Kamera in seiner Hosentasche drehen kann. Überstehen muss den Wandel nur das Einzige, was je zählte: die Geschichte und der Grund, warum man sie erzählt. Noch nie hat ein Werkzeug einen sehenswerten Film gemacht. Hinter jedem einzelnen stand ein Mensch, der etwas Dringendes sagen wollte – und das wird sich nicht ändern, egal was er in der Hand hält, wenn er es sagt.“
Wie das Branchenmagazin The Hollywood Reporter (Quelle auf Englisch) berichtet, kostete Odysseus: The Fall Koosha nur einen mittleren fünfstelligen Betrag. Zum Vergleich: Für Nolans Film ist ein Budget von 250 Millionen Dollar veranschlagt.
Filmfans, Freundinnen und Freunde handgemachter Kunst und Nutzer sozialer Medien zeigen sich wenig beeindruckt und kritisieren vor allem das Timing der Ankündigung von Fountain O.
„Das ist keine Kunst, das ist ranzige Pampe“, schrieb ein Nutzer auf X, während eine andere Person knapp kommentierte: „AI parasite“. Weitere Reaktionen sehen Sie unten:
Der Trailer verspricht vor allem: grotesk hölzerne Dialoge, einen eklatanten Mangel an Emotionen, Gesichter aus dem Uncanny Valley, die von Szene zu Szene wechseln, lachhaft schlecht animierte Pferde, eine Figur, die unverkennbar wie ein von KI geklauter Abklatsch von Emilia Clarkes Daenerys Targaryen aus „Game of Thrones“ wirkt, und blutende Schiffe. Denn anscheinend können Schiffe bluten.
Unsere Empfehlung: Verschwenden Sie Ihre Zeit nicht damit. Wer trotzdem wissen will, womit sich die Filmbranche derzeit herumschlagen muss, findet den Trailer hier:
Fountain O plant, die billige Odyssey-Kopie im Sommer kostenpflichtig über die eigene Website zu veröffentlichen. Wieder einmal perfektes Timing.
Stichwort Timing: Christopher Nolan hat kürzlich seine Gedanken zu KI und zur Zukunft des Kinos geteilt.
Wie wir bereits Anfang der Woche berichtet haben, zeigt sich der Oscar-prämierte Regisseur zuversichtlich, dass jüngere Generationen „AI slop“ weiter ablehnen und praktische Effekte zu schätzen wissen.
Nolan sagte, er beobachte bei jungen Filmschaffenden „eine schnelle, umfassende Zurückweisung eines angeblich grundlegenden Technologiesprungs“ und ergänzte, seine vier Kinder reagierten „sofort und sehr hart“ auf KI.
„Ihr Urteil über AI slop fällt sofort und sehr hart aus. Sie erkennen sehr schnell, was es ist – und für sie ist es noch leichter zu identifizieren, weil es aus einer Online-Welt stammt, die sie in- und auswendig kennen. Das heißt zwar nicht, dass jeder Aspekt der Technologie nutzlos oder bedeutungslos wäre. Im Film trifft sie aber zu einem völlig falschen Zeitpunkt auf die Branche.“
Er ist überzeugt: „Nach Jahren, in denen die Entwicklung immer stärker in Richtung virtueller Welten ging, erleben wir ein neues Interesse an greifbareren, realeren Formen des Erzählens.“
The Odyssey erzählt von Odysseus’ gefährlicher Heimreise nach dem Trojanischen Krieg. Das Epos gilt als Eckstein der westlichen Literatur und umfasst einige der bekanntesten Geschichten der antiken griechischen Mythologie, darunter die Sirenen, das Trojanische Pferd und den Kampf mit dem Zyklopen.
Im Film spielen unter anderem Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Zendaya, Charlize Theron, Robert Pattinson, Samantha Morton und Lupita Nyong’o. Schon vor dem Start sorgte die Produktion für mehrere Kontroversen.
Elon Musk und andere rechtsgerichtete Stimmen haben sich über die Besetzung von Nyong’o als Helena von Troja beklagt, einer mythischen Figur, die als schönste Frau der Welt gilt. Zudem gab es heftige Online-Kritik an der Verwendung moderner englischer Dialoge – etwas, worauf Nolan gelassen reagierte: „Diese Diskussionen, die stattfinden, bevor die Leute den Film gesehen haben, sind immer irrelevant, weil niemand, der sie führt, zu diesem Zeitpunkt weiß, wie der Film tatsächlich ist.“
The Odyssey startet am Freitag, 17. Juli, in den Kinos. Bei Euronews Culture lesen Sie dann unsere ausführliche Kritik.