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Deutsche Soldaten aus Donau geborgen: Einheiten der „Schlacht um Budapest“ identifiziert

Das aus der Donau geborgene Wehrmacht-Motorrad bei Konservierungsarbeiten, 13.08.2026
Das aus der Donau geborgene Wehrmacht-Motorrad bei Konservierungsarbeiten, 13.08.2026 Copyright  (Fotó: Illés András/HM HIM)
Copyright (Fotó: Illés András/HM HIM)
Von Nóti-Nagy Attila Péter
Zuerst veröffentlicht am
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Zu welcher Einheit gehörte das bei Budapest in der Donau gefundene Wehrmacht-Motorrad – und wie kam es dorthin? Euronews befragte Norbert Számvéber vom Militärhistorischen Museum zu dem seltenen Fund. Der Experte hat Symbole am Motorrad gefunden, die zeigen, zu welcher Einheit es gehörte.

Anfang August ist mitten in der ungarischen Hauptstadt BUdapest, auf Höhe des Batthyány-Platzes, ein deutsches Motorrad vom Typ DKW NZ-350-1 aus dem Zweiten Weltkrieg aus der Donau geborgen worden. Der Fund fasziniert seither Archäologen, Historiker und Liebhaber der Militärgeschichte. Weltweit kommt es selten vor, dass ein Objekt aus der Vergangenheit in einem so guten Zustand auftaucht. Das Motorrad lenkt den Blick auf jene Zeit, in der in Budapest deutsche und ungarische Soldaten die Stadt gemeinsam verteidigten und fast 50.000 kamen nach Schätzungen ums Leben, der Rest ging in Kriegsgefangenschaft. Das nationalsozialistische Dritte Reich versuchte damals, im Kampf gegen die Sowjetunion Zeit zu gewinnen.

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Bis zum Frühjahr 1944 galt Ungarn nicht als Kriegsschauplatz. Zum einen hatte der Krieg die Grenzen des Landes noch nicht erreicht, zum anderen hatten die Alliierten die systematischen Bombardierungen noch nicht begonnen. Das änderte sich am 19. März 1944, als Truppen des Dritten Reiches Ungarn besetzten. Die Besatzung wurde zur Tragödie – für die ungarischen Jüdinnen und Juden, für die Zivilbevölkerung insgesamt, aber auch für die Soldaten, die in Ungarn im Dienst von Hitlers Größenwahn eingesetzt wurden.

Oberstleutnant Norbert Számvéber, 13. August 2026
Oberstleutnant Norbert Számvéber, 13. August 2026 (Fotó: Illés András/HM HIM)

Soldaten in der Donau: Zusammenhang mit dem Motorrad unklar

Nach Einschätzung von Oberstleutnant Norbert Számvéber, Direktor des Militärhistorischen Archivs am Militärhistorischen Museum (Hadtörténeti Intézet és Múzeum), gehörte das Motorrad zu einem der wichtigsten Verbände der in Budapest eingeschlossenen deutschen Truppen.

"Das war die Panzerdivision ‚Feldherrnhalle‘, kurz FHH. Zu ihr gehörte ein Pionierbataillon mit gleichem Namen", erläutert der Oberstleutnant gegenüber Euronews. "Das Motorrad dürfte im September 1944 zum Bestand des neu aufgestellten Verbandes gekommen sein. Zunächst trug er die Bezeichnung Pionier-Bataillon. Ende des Monats, spätestens Anfang Oktober 1944, wurde er in Panzer-Pionier-Bataillon Feldherrnhalle umbenannt. Das Motorrad und die bereits mit Verbandszeichen versehenen Fahrzeuge wurden vermutlich aus Zeitgründen nicht einzeln neu lackiert."

In unmittelbarer Nähe des Motorrads stießen die Experten auch auf Panzerabwehrminen, Munition und die sterblichen Überreste zweier deutscher Soldaten. Der Militärhistoriker erinnert daran, dass nach dem Verlust des Brückenkopfes auf der Pester Seite am 18. Januar 1945 Teile der stark dezimierten 22. SS-Freiwilligen-Kavalleriedivision das Donauufer auf der Budaer Seite verteidigten. Einer der beiden Soldaten, die man neben dem Motorrad fand, gehörte seiner Erkennungsmarke zufolge vielleicht zu diesem SS-Verband. Der andere war, laut Erkennungsmarke, vermutlich Wehrmachtsoldat. Wahrscheinlich hatten beide keinen direkten Bezug zu dem Fahrzeug.

"Sie sind vermutlich hier gefallen, im Gefecht, oder sie wurden an Ort und Stelle von sowjetischen Soldaten erschossen. Letzteres war gegenüber Mitgliedern der SS keineswegs ungewöhnlich. Da die Sowjets vor Exekutionen jedoch meist die Erkennungsmarken abnahmen, erscheint die erste Variante wahrscheinlicher", erklärt Számvéber.

Das Motorrad während der konservatorischen Arbeiten, teilweise zerlegt, auf dem Gelände des Militärhistorischen Museums, 13. August 2026
Das Motorrad während der konservatorischen Arbeiten, teilweise zerlegt, auf dem Gelände des Militärhistorischen Museums, 13. August 2026 (Fotó: Illés András/HM HIM)

Trümmerräumung: Motorrad wohl erst nach dem Kampf in die Donau gelangt

Bei der Untersuchung des Fahrzeugs zeigte sich, dass das Getriebe im zweiten Gang stand oder dort blockiert war. Die Fachleute des Museums stellten außerdem fest, dass der Fahrer des Motorrads vor 81 Jahren sicher gestürzt ist. Ob dies bereits beim Sturz in die Donau geschah, lässt sich nicht mehr klären.

"Im Moment lässt sich nicht verlässlich rekonstruieren, wie das Fahrzeug und die beiden neben ihm gefundenen Soldaten an diese Stelle gelangten", räumt der Historiker ein. "Ein Fährboot, das die Donau überquert und von sowjetischen Truppen versenkt worden wäre, schließe ich aus. Die Lage an der Front und der damals stark vereiste Fluss hätten eine solche Überfahrt während der Belagerung Budapests ausgeschlossen. Motorräder dieses Typs dienten vor allem zur Verbindung, etwa zum Transport von Meldungen und Befehlen. Ich vermute, dass das Motorrad bei einem solchen Einsatz in der Nähe des Donauufers verloren ging und auf der Verlustliste landete. In den Fluss selbst dürfte es erst nach dem Ende der Kämpfe geraten sein, im Zuge der Trümmerräumung", so Számvéber.

Ungarischer Filmklassiker über Weltkrieg zeigt anderes Motorrad

Fest steht immerhin: Im Kultfilm "A tizedes meg a többiek" (The Corporal and the Others) von 1965 – eine der legendären Komödien des ungarischen Kinos über einfache Soldaten, die zwischen deutscher und sowjetischer Armee hin- und her wechseln – sitzt Imre Sinkovits nicht auf einem solchen Motorrad. Im Film fährt er eine sowjetische BMW-Kopie. Vom nun aus der Donau geborgenen DKW-Typ wurden 1944 und 1945 rund 12.000 Maschinen gebaut, wegen des Aluminium-Mangels bereits mit Motorblöcken aus Grauguss. Nach Kriegsende demontierten die Sowjets die komplette Produktionslinie als Reparation und brachten sie nach Ischewsk. Dort entstanden bis 1951 weitere 127.000 Exemplare unter der Bezeichnung Izs-350.

Von den deutschen Originalmaschinen haben Schätzungen zufolge nur einige Dutzend überlebt, etwa 30 bis 50 Stück, teils im ursprünglichen Zustand.

Die deutschen motorisierten Pionierkompanien waren nicht nur technische Unterstützungseinheiten, sie hatten auch erheblichen Kampfwert. Jede dieser Kompanien verfügte über zwei schwere und 18 leichte Maschinengewehre, zwei 8-Zentimeter-Granatwerfer und sechs tragbare Flammenwerfer. In den gepanzerten Kompanien montierte man die Flammenwerfer meist auf Schützenpanzerwagen. "Das waren hervorragend ausgerüstete Stoßtrupp-Bataillone für Angriffe auf Befestigungen und für Kämpfe im bebauten Gebiet. In einer Großstadt wie Budapest waren solche Einheiten besonders wichtig", erklärt Számvéber.

Name der Panzerdivision "Feldherrnhalle" und taktisches Zeichen des Pionierbataillons auf der Gepäckbox des Motorrads
Name der Panzerdivision "Feldherrnhalle" und taktisches Zeichen des Pionierbataillons auf der Gepäckbox des Motorrads (Fotó: Illés András/HM HIM)

Eliteverband: ursprünglich ein Regiment der "Sturmabteilung" (SA)

Die Geschichte der Panzerdivision Feldherrnhalle reicht bis 1935 zurück. Damals wollte Viktor Lutze, Leiter der paramilitärischen NSDAP-Organisation Sturmabteilung (SA), ein bewaffnetes Regiment aufbauen, das dem SS-Verband "Leibstandarte" entsprach. Im September 1936 verlieh Hitler diesem SA-Wachregiment den Namen "Feldherrnhalle". Die Soldaten trugen ihn von da an auf ihren Uniformen, auf der linken unteren Seite des Rockärmels. Während des Zweiten Weltkriegs pendelte die Einheit zwischen West- und Ostfront, erlitt hohe Verluste und war auch an der Besetzung Ungarns beteiligt.

"Ein Teil der Soldaten der Feldherrnhalle-Division kam direkt aus der SA", sagt Számvéber Norbert. "Die Organisation hatte eine breite Massenbasis, deshalb blieb sie überhaupt bestehen. Sie verfügte jedoch nicht über eigene schwere Bewaffnung und spielte im Krieg kaum eine Rolle – mit Ausnahme der Feldherrnhalle-Einheiten, zu denen auch der Verband gehörte, dem das am Batthyány-Platz gefundene Motorrad zuzuordnen ist."

Als Beispiel nennt der Historiker einen Kommandeur der Feldherrnhalle-Truppen, der als Reserveoffizier aus seiner Zahnarztpraxis einberufen und schließlich als Panzer-General hochdekoriert wurde.

Die zerstörte Kettenbrücke im Jahr 1945
Die zerstörte Kettenbrücke im Jahr 1945 (Fortepan)

Belagerung von Budapest: Verluste im Überblick

Zwischen Weihnachten 1944 und Mitte Februar 1945 verteidigten rund 100.000 deutsche und ungarische Soldaten die ungarische Hauptstadt. Diese Truppenstärke ging praktisch vollständig verloren: Wer nicht im Kampf fiel, geriet in Kriegsgefangenschaft. Beim Ausbruchsversuch erreichten lediglich 705 deutsche und 36 ungarische Soldaten die eigenen Linien, zusammen mit 44 Zivilpersonen.

Die Gesamtverluste der sowjetischen Truppen und der mit ihnen kämpfenden rumänischen Einheiten lagen bei bis zu 80.000 Menschen.

Wegen der erbitterten Kämpfe suchten die Bewohner der Hauptstadt, die damals rund eine Million Einwohner zählte, Schutz in Kellern und Luftschutzräumen. Wie heftig die Gefechte waren, zeigt eine Szene, die Zeitzeugen schildern: In manchen Kellern durchbrachen sowjetische Soldaten die eine Wand, deutsche Truppen die gegenüberliegende – und schossen über die Köpfe verängstigter Zivilisten hinweg aufeinander. Die Zahl der zivilen Toten wird auf etwa 23.000 bis 38.000 geschätzt.

Die Belagerung endete auch für die noch lebenden Jüdinnen und Juden Ungarns tragisch. Während die sowjetischen Truppen die Stadt einkesselten, terrorisierten die Pfeilkreuzler, die ungarischen Nationalsozialisten, das letzte Ghetto Europas. Bis zum Ende der Kämpfe starben in Budapest rund 15.000 Jüdinnen und Juden.

Pfeilkreuzler führen Jüdinnen und Juden ab. Die ungarische Pfeilkreuzler-Partei war das Pendant zur NSDAP in Deutschland
Pfeilkreuzler führen Jüdinnen und Juden ab. Die ungarische Pfeilkreuzler-Partei war das Pendant zur NSDAP in Deutschland Fortepan

Belagerung von Budapest: Bedeutung der Kämpfe in Ungarn

"Es war ein überflüssiges, grausames Blutopfer", sagt Számvéber. "Ungarn wurde zum Opfer der deutschen Verzögerungstaktik."

Nach Ansicht des Militärhistorikers führte der völlig missglückte, schlecht vorbereitete und noch schlechter durchgeführte Versuch Ungarns, aus dem Bündnis mit Deutschland auszuscheren, dazu, dass sich die Kämpfe im Land in die Länge zogen. Deshalb konnte es passieren, dass die deutsche Führung nahezu alle Panzerreserven aus dem Raum Warschau–Berlin nach Ungarn verlegte, obwohl die Rote Armee mit hohem Tempo auf die deutsche Hauptstadt vorrückte. Die Operationen in Ungarn dienten teilweise auch dem Schutz der Ölfelder in der Region Zala, denn die dortige Förderung deckte den Treibstoffbedarf der eingesetzten deutschen Verbände weitgehend.

Das war jedoch nicht der entscheidende Grund, fasst Számvéber zusammen:

"Hitler ließ Budapest nicht räumen, weil er von der Pester Seite aus nach Nordosten angreifen wollte. Dabei sollte auch die Feldherrnhalle-Division eine Rolle spielen. Zugleich diente Budapest als Köder zum Schutz der Rüstungszentren im Raum Wien. Wenn die Sowjets den Köder schlucken und an der ungarischen Hauptstadt hängenbleiben, kann die deutsche Führung das Wiener Becken besser verteidigen und Zeit für den Aufbau der sogenannten Alpenfestung gewinnen. Es war ein groß angelegter Plan zur Verzögerung. Man ließ Budapest bewusst einkesseln – die eigenen Truppen ebenso wie die unschuldige Zivilbevölkerung – und zwang den Sowjets so den eigenen Willen auf."

Sowjetische Truppen versuchten am 29. Oktober 1944, Budapest im sogenannten Angriff aus dem Marsch heraus zu nehmen. Das heißt, sie griffen ohne längere Vorbereitung und ohne operative Pause an – und erlitten blutige Verluste. Danach versuchten sie, die Stadt einzuschließen. Nach dem Eintreffen der 3. Ukrainischen Front begann die systematische Belagerung Budapests. Diese dauerte vor allem wegen der deutschen Entsatzversuche, der Bemühungen, die Stadt aus der Umzingelung zu befreien, bis zum 13. Februar 1945. Hitlers Verzögerungsplan ging damit auf.

Zwei deutsche Soldaten: Aussicht auf letzte Ehre

Der Archiv-Direktor sieht in dem aus der Donau geborgenen Motorrad ein Sinnbild für diesen langen Kampf und das damit verbundene Leid. "Wie eine Zeitkapsel konfrontiert es uns unmittelbar mit unserer Vergangenheit. Aus militärhistorischer Sicht haben das Fahrzeug und die Begleitfunde jene Daten bestätigt, die die Forschung in den vergangenen Jahrzehnten aus anderen Quellen gewonnen hat – und zwar nun auch aus der Perspektive der Konfliktarchäologie. Die beiden deutschen Soldaten lassen sich im Prinzip namentlich identifizieren. Für ihre Familien sind sie damit nicht länger spurlos verschwundene Angehörige. Nach 81 Jahren könnten sie nun eine würdige letzte Ruhestätte und die ihnen zustehende letzte Ehre erhalten", sagt Számvéber.

Die extrem heftigen Kämpfe auf dem ungarischen Kriegsschauplatz haben viele Spuren hinterlassen. Aufgrund der geografischen Gegebenheiten – etwa des fehlenden ausgedehnten Moorlands – und wegen der umfangreichen Metallsammelaktionen nach dem Krieg sind vollständige Kampfpanzer oder Flugzeuge heute jedoch eine große Seltenheit. Vor diesem Hintergrund ist es besonders bemerkenswert, dass nun ein vollständig erhaltenes Motorrad aufgetaucht ist.

(Über die Belagerung von Budapest entstand 2015 der erste umfassende Dokumentarfilm, der hier zu sehen ist.)

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