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Süßigkeiten-klauende Kapitalisten und Kuss-Definition: Ig-Nobelpreise 2026 vergeben

Pilze standen im Mittelpunkt der diesjährigen Veranstaltung in Zürich in der Schweiz.
Das diesjährige Event in Zürich in der Schweiz stand ganz im Zeichen der Pilze. Copyright  Eric Workman/Improbable Research - Canva
Copyright Eric Workman/Improbable Research - Canva
Von David Mouriquand
Zuerst veröffentlicht am
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Die jährlichen Preise würdigen ungewöhnliche, witzige und nachdenklich stimmende Forschung. Die diesjährige Gala fand in Europa statt, Motto: „Pilze“ bei der sechsunddreißigsten Ausgabe.

Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger bekommen Ansehen, eine Goldmedaille und ein wenig mehr als eine Million Dollar. Ig-Nobelpreisträgerinnen und -träger haben es da weniger luxuriös.

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Sie ernten zwar Ruhm, doch statt all der Nobel-Privilegien prasseln Papierflieger auf sie nieder – und sie erhalten zehn Billionen Simbabwe-Dollar.

Der Haken: Die Währung ist vor Jahren kollabiert, zehn Billionen Simbabwe-Dollar sind so gut wie nichts wert. Immerhin: Im vergangenen Jahr gingen die Gewinnerinnen und Gewinner mit genau einem einzeln verpackten Feuchttuch nach Hause – es gibt also Höhen und Tiefen. Dieses Mal gab es zusätzlich eine kleine Statue in Form eines Blauschimmelkäse-Blocks, auf den ein Fuß tritt, aus dem Pilze sprießen. Motto des Jahres: „Pilze“. Was will man mehr?

Der 1991 ins Leben gerufene Ig-Nobelpreis ist die satirische Schwester des Nobelpreises. Er will die Öffentlichkeit für wissenschaftliche und kulturell relevante Forschung begeistern und zeichnet „Leistungen aus, die Menschen zuerst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringen“.

Die diesjährigen Ig-Nobelpreise wurden gestern in Zürich in der Schweiz verliehen – zum ersten Mal, denn normalerweise findet die Gala in den USA statt. Der Grund sei das zunehmend feindliche Klima gegenüber der Wissenschaft in den Vereinigten Staaten, sagen die Organisatoren. Zudem zögerten internationale Gäste immer stärker, dorthin zu reisen.

Ein völlig normaler, in keiner Weise beunruhigender englischer Satz.

„Im vergangenen Jahr ist es für unsere Gäste unsicher geworden, in das Land zu reisen“, sagte Zeremonienmeister Marc Abrahams, Chefredakteur des Magazins The Annals of Improbable Research, der Agentur AP. „Wir können die neuen Preisträgerinnen und Preisträger und die internationalen Journalistinnen und Journalisten, die über das Ereignis berichten, in diesem Jahr nicht guten Gewissens in die USA bitten.“

Zurück zur Forschung und zu den diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträgern. Sie haben herausgefunden, dass Angehörige der Oberschicht öfter aus der Reihe tanzen, dass man Küssen neu definieren kann – und dass Kakerlaken die Erde auf mehr als eine Weise erben könnten.

Ein Überblick über einige Gewinnerinnen und Gewinner:

Biomechanik: Evolutionäre Küsse

Evolutionäre Küsse
Evolutionäre Küsse Canva

Preisträgerinnen und Preisträger: Matilda Brindle, Catherine Talbot, Stuart West (Vereinigtes Königreich, USA).

Begründung: „Entwicklung einer präziseren Definition des Küssens – nicht-aggressive Interaktionen mit gezieltem, innerartlichem Mund-zu-Mund-Kontakt, bei denen sich Lippen oder Mundteile bewegen und kein Essen übertragen wird“ – bei Ameisen, Eisbären und Menschen.

Forschung: Vergleichende Ansätze zur Evolution des Küssens. Dr. Matilda Brindle und ihr Team entwickelten eine strenge Definition des Küssens, indem sie verschiedene Tierarten untersuchten. Sie fanden heraus, dass die meisten heute lebenden Großen Menschenaffen küssen – vermutlich auch Neandertaler. Die Forschenden argumentieren, dass frühe Menschen und Neandertaler sich sogar gegenseitig geküsst haben könnten. „Beim nächsten Kuss können Sie sich denken: ‚Ich ehre hier eine 21,5 Millionen Jahre alte Tradition‘“, sagt Dr. Brindle. „Küssen ist nicht bloß ein modernes menschliches Verhalten. Es ist tief verankert. Für uns deutet das darauf hin, dass Küssen vermutlich eine wichtige evolutive Funktion erfüllt.“

Wirtschaft: Reiche Menschen benehmen sich am schlechtesten

Warum nur?
Warum nur? Canva

Preisträgerinnen und Preisträger: Paul Piff, Daniel Stancato, Stéphane Côté, Rodolfo Mendoza-Denton und Dacher Keltner (USA, Mexiko, Kanada).

Begründung: „Sammlung von Belegen dafür, dass Angehörige der Oberschicht eher Süßigkeiten von Kindern stibitzen und sich auch sonst häufiger unethisch verhalten.“

Forschung: Höhere soziale Schicht sagt häufiger unethisches Verhalten voraus. Die Forschenden sammelten in sieben Studien Belege dafür, dass Reiche sich öfter daneben benehmen. Sie greifen eher zur Bonbon-Schale von Kindern, schummeln beim Würfeln, indem sie ihre Ergebnisse schönreden, drängeln sich in Kreuzungen vor andere Autos und sehen Gier als positive Eigenschaft. „Das Muster scheint zu sein: Mit wachsendem Reichtum und mehr Macht sinkt die Bereitschaft, sich um die Bedürfnisse anderer zu kümmern. Gleichzeitig werden soziale Verpflichtungen als weniger belastend empfunden“, sagt Piff. „Süßigkeiten von Kindern zu nehmen, ist vielleicht noch unser kleinstes Problem – es steht stellvertretend dafür, die eigenen Bedürfnisse konsequent über die der anderen zu stellen.“

Offenbar hatte Dorothy Parker recht: „Wenn du wissen willst, was Gott über Geld denkt, schau dir einfach die Leute an, denen er es gegeben hat.“

Chemie: Cockroach-Milch, bitte schön

Haben Sie Milch?
Haben Sie Milch? Canva

Preisträgerinnen und Preisträger: Sanchari Banerjeee, Nathan Coussens, Francois-Xavier Gallat, Nitish Sathyanarayanan, Jandhyam Srikanth, Koichiro Yagi, James Gray, Steven Tobe, Barbara Stay, Leonard Chavas, Sumabramanian Ramaswamy (Indien, Frankreich, Japan, USA).

Begründung: „Entdeckung, dass Milchproteine von lebendgebärenden Kakerlaken etwa drei Mal so viel Energie enthalten wie Milchproteine von Kühen.“

Forschung: Struktur eines heterogenen, glykosylierten, lipidgebundenen, in vivo gewachsenen Proteinkristalls in atomarer Auflösung aus der lebendgebärenden Kakerlake Diploptera punctata. Wer bei diesem Titel Kopfschmerzen bekommt: Vereinfacht gesagt extrahierten die Autorinnen und Autoren Milchkristalle aus den Därmen von Diploptera-punctata-Embryonen, die sie aus einem Brutsack entnahmen. So bestimmten sie die Proteinstruktur dieser Kristalle. Kurz gesagt: Kakerlakenmilch hat es in sich.

Physik: Die Optimierung des Urinierens

Kein Spritznebel mehr
Kein Spritznebel mehr Canva

Preisträger: Randy Hurd, Zhao Pan, Tadd Truscott, Kaveeshan Thurairajah (Kanada, USA, China, Saudi-Arabien).

Begründung: „Theoretische und experimentelle Versuche, ein spritzfreies Urinal zu entwerfen.“

Forschung: Spritzfreie Urinale für globale Nachhaltigkeit und Barrierefreiheit. Ein Studierendenteam der University of Waterloo in Kanada fand heraus: Spritzflecken lassen sich fast vollständig vermeiden, wenn der Urinstrahl das Urinal in einem Winkel von weniger als 30 Grad trifft. Das Team entwarf sogar ein Urinal, dessen Form unabhängig vom Zielvermögen der Nutzerinnen und Nutzer für minimale Spritzer sorgt. „Ich bin sehr stolz“, sagt Dr. Zhao Pan – zu Recht.

Medizin: Kraftvolles Schnäuzen

Kultur und Wissenschaft des Schnäuzens
Kultur und Wissenschaft des Schnäuzens Canva

Preisträger: Takuji Unno (Japan).

Begründung: „How to Blow the Nose – An Aerodynamic Study of the Nose Blowing.“

Forschung: Unno untersuchte kulturelle Unterschiede zwischen Europäerinnen, Europäern und Japanerinnen, Japanern beim „richtigen“ Naseputzen. Er quantifizierte zentrale Aspekte dieser Praxis, „um Menschen, die nicht wissen, wie man sich die Nase putzt, gute Anweisungen geben zu können“. Sein Fazit: Je schneller der „Ausatmungsschub“, desto effizienter lässt sich Schleim loswerden. „Ein kräftiges und längeres Schnäuzen ist daher zu empfehlen, um Erkrankungen der oberen und unteren Atemwege vorzubeugen.“

Frieden: Die Vorteile gemeiner Freundinnen und Freunde

Die Vorteile gemeiner Freundinnen und Freunde
Die Vorteile gemeiner Freundinnen und Freunde Canva

Preisträgerinnen und Preisträger: Jaimie Arona Krems, Rebecka Hahnel-Peeters, Laureon Merrie, Keelah Williams und Daniel Sznycer (USA, Argentinien, Australien).

Begründung: „Wir schätzen Freundinnen und Freunde, die sich gegenüber Menschen, die wir nicht mögen, gemein verhalten.“

Forschung: Menschen haben feine Vorstellungen davon, wie sich Freundinnen und Freunde ihnen selbst gegenüber verhalten sollen – und wie gegenüber anderen. Niemand möchte eine Freundin oder einen Freund, die oder der einen schlecht behandelt. In größeren sozialen Netzwerken verschieben sich die Erwartungen jedoch. Die Autorinnen und Autoren untersuchten, wie sich die Wünsche verändern, wenn es um den Umgang von Freundinnen und Freunden mit erklärten Feindinnen und Feinden geht. In solchen Fällen bevorzugen manche Menschen, dass ihre Freundinnen und Freunde besonders gemein oder gleichgültig auftreten. „Manchmal wünschen wir uns, dass unsere Freundinnen und Freunde härter und kälter sind, wenn sie auf unsere Feinde treffen“, sagt Dr. Jaimie Krems. „Ich habe mich oft unglaublich geliebt gefühlt, wenn andere meinen Hass mitgetragen haben und bereit waren, für mich einzustehen.“

Geruchssinn: Wohlriechende Kinder – bis zur Pubertät

Verdammte Hormone
Verdammte Hormone Canva

Preisträgerinnen und Preisträger: Ilona Croy, Tomasz Frackowiak, Thomas Hummel und Agnieszka Sorokowska (Polen, Deutschland, Schweden).

Begründung: „Sammlung von Belegen, dass Babys für ihre Eltern wunderbar riechen, Teenager dagegen nicht.“

Forschung: „Babies Smell Wonderful to Their Parents, Teenagers Do Not: an Exploratory Questionnaire Study on Children’s Age and Personal Odor Ratings in a Polish Sample.“ Kurzfassung: Eltern empfinden den Körpergeruch ihrer Babys meist als sehr angenehm, weil er Belohnungszentren im Gehirn aktiviert. Sobald die Pubertät einsetzt, ist es mit dem Wohlgeruch allerdings vorbei. Verdammte Hormone.

Andere Forscherinnen und Forscher wurden ausgezeichnet, weil sie Stechmückenrüssel in 3D-Druckdüsen verwandelt, Baumwollunterwäsche vergraben haben, um die Bodenqualität zu messen, und weil sie vorsichtig auf verschiedene Körperpartien von Schlangen getreten sind, um herauszufinden, was giftige Schlangen zu einem Biss gegen Menschen verleitet. Ergebnis: Schlangen beißen eher tagsüber, in wärmeren Klimazonen und wenn man ihnen auf den Kopf tritt. Und ja, sie trugen Sicherheitsschuhe.

Die Ig-Nobel-Preisverleihung im kommenden Jahr findet in Antwerpen in Flandern statt.

Weitere Quellen • Improbable Research

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