Euronews Health beleuchtet sinkende Geburtenraten in Europa. Fachleute sehen viele Ursachen – und das Problem betrifft nicht nur die Menschen in der EU.
Die Fruchtbarkeitsrate in der Europäischen Union, also die Zahl der Lebendgeburten pro Frau, ist auf den niedrigsten Stand seit mehr als sechs Jahrzehnten gesunken. Seit den 60er Jahren, in denen die Babyboomer geboren wurden, hat sich diese Zahl fast halbiert: von 2,62 Babys pro Frau im Jahr 1964 auf 1,34 im Jahr 2024.
Die Gesamtfruchtbarkeitsrate variiert 2024 in Europa stark. Innerhalb der EU reicht sie von 1,01 in Malta bis 1,72 in Bulgarien.
Welche Länder verzeichnen derzeit die höchste und niedrigste Gesamtfruchtbarkeitsrate (Total fertility rate, TFR) in Europa? Wo sind die Rückgänge am stärksten? Und von welchen Faktoren ist diese Entwicklung abhängig?
Nach Angaben der Weltbank liegt die TFR in der EU seit Mitte der 70er Jahre unter der Bestandserhaltungsgrenze von 2,1 Lebendgeburten pro Frau.
Nicht nur die EU: Weltweiter Rückgang der Geburtenraten
„Was wir in der EU an sinkender TFR beobachten, entspricht im Wesentlichen dem, was die Theorie des demografischen Wandels erwarten lässt. Zugang zu Bildung, Verhütung und weiteren Einflussfaktoren verändern langfristig Fruchtbarkeitstrends und Bevölkerungsstruktur“, erklärt ein Sprecher von WHO Europa im Gespräch mit Euronews Health.
Der Sprecher betonte, die EU sei kein Sonderfall.
Die Zahl der Länder mit einer TFR unterhalb der Bestandserhaltungsgrenze von 2,1 soll weltweit Prognosen zufolge von rund der Hälfte im Jahr 2018 (103 von 204) auf 155 im Jahr 2050 steigen und bis 2100 auf 198. Damit läge der Anteil bei über 97 Prozent.
Unter den rund 40 europäischen Ländern auf der Liste liegt derzeit keines mehr über dieser Grenze.
Montenegro weist mit 1,75 die höchste Geburtenziffer auf, gefolgt von Bulgarien (1,72), Georgien (1,69) sowie Albanien und Serbien (jeweils 1,64).
Große Volkswirtschaften: Frankreich mit den meisten Babys
Frankreich hat unter Europas großen Volkswirtschaften die höchste Gesamtfruchtbarkeitsrate: 1,61 Kinder pro Frau. Allerdings gab es - von Emmanuel Macron beklagt - 2025 erstmals weniger Geburten als Todesfälle.
Im Vereinigten Königreich liegt der Wert mit 1,56 ähnlich hoch. Die aktuellsten verfügbaren Daten stammen jedoch aus dem Jahr 2023; für 2024 könnte der Wert niedriger ausfallen. Für England und Wales weist das Statistikamt ONS sogar nur 1,41 aus.
Deutschland liegt mit 1,36 knapp über dem EU-Schnitt.
Spanien hat mit 1,10 die niedrigste Geburtenrate nicht nur unter den großen Volkswirtschaften, sondern auch die zweittiefste insgesamt, dicht gefolgt von Italien mit 1,18.
In der Türkei, dem bevölkerungsreichsten Land unter den EU-Mitgliedern und Beitrittskandidaten, liegt die Geburtenziffer nach einem deutlichen Rückgang im vergangenen Jahrzehnt bei 1,48.
In Nordeuropa steht Island mit 1,56 an der Spitze, dahinter folgen Dänemark (1,47), Norwegen (1,45) und Schweden (1,43). Finnland liegt mit 1,25 inzwischen unter dem EU-Durchschnitt.
In Irland bringt eine Frau im Schnitt 1,47 Kinder zur Welt, in Belgien 1,44, in Ungarn 1,41, in Österreich 1,31, in Griechenland 1,24 und in Polen 1,14.
Warum unterscheiden sich die Geburtenraten in Europa?
„Die Erklärung länderübergreifender Unterschiede in der Fruchtbarkeit ist nach wie vor schwierig. Viele Faktoren, die früher die Unterschiede zwischen Staaten erklärten, haben in den vergangenen Jahren offenbar an Gewicht verloren“, sagt Dr. Julia Hellstrand von der Universität Helsinki.
„So haben auch die nordischen Länder mit ihren vergleichsweise großzügigen Familienpolitiken sehr starke Rückgänge erlebt. Das deutet darauf hin, dass politische Unterstützung allein die aktuellen Trends nicht erklären kann.“
Familienpolitik: Hilft sie, die Geburtenrate stabil zu halten?
Der WHO-Europa-Sprecher verweist neben Bildung und Zugang zu Verhütung auf weitere Faktoren. Bezahlbarer Wohnraum, Wohnungsgröße, Hypotheken, die Kosten von Geburt und Kindererziehung oder die Möglichkeit, Arbeit und Kinderwunsch zu vereinbaren – all das beeinflusst demnach die Entscheidung, ob und wann Menschen Kinder bekommen.
Viele Regierungen haben deshalb breit angelegte Maßnahmen aufgelegt, um Menschen ihre Wunschkinderzahl zu ermöglichen. Dazu gehören Direktzahlungen bei Geburt eines Kindes, steuerliche Vorteile, subventionierte frühkindliche Betreuung und Elternzeit.
„Wie stark und wie verlässlich sich solche Instrumente insgesamt auf die TFR in Europa auswirken, ist allerdings unklar“, so der Sprecher.
Erstes Kind: Große Altersunterschiede in Europa
Hellstrand weist zudem darauf hin, dass der Rückgang unter das Bestandserhaltungsniveau und die spätere Familiengründung in Nord- und Westeuropa früher einsetzten, schon in den 60er Jahren. In diesen Ländern sind Mütter beim ersten Kind heute im Durchschnitt vergleichsweise alt.
In vielen osteuropäischen Staaten kamen diese Veränderungen später. Dort liegt das Durchschnittsalter beim ersten Kind noch etwas niedriger.
Geburtenraten im Vergleich: Entwicklung der vergangenen zehn Jahre
Ein Blick auf die Entwicklung von 2014 bis 2024 zeigt: Nur wenige Länder verzeichneten Anstiege, viele dagegen deutliche Rückgänge. In der EU sank die Geburtenziffer von 1,54 auf 1,34 – ein Rückgang um 0,20 Punkte.
Besonders stark ist der Einbruch in der Türkei. Dort fiel die Geburtenrate von 2,17 auf 1,48, also um 0,69 Punkte oder 32 Prozent. Ein aktueller Euronews-Health-Beitrag, „Warum verzeichnet die Türkei in Europa den stärksten Rückgang der Geburtenrate im vergangenen Jahrzehnt?“, beleuchtet diese Entwicklung genauer.
Auch in mehreren anderen Staaten ging die Geburtenrate um mehr als 0,35 Punkte zurück, darunter in Finnland und Litauen (jeweils 0,46), Schweden (0,45), Irland (0,42), Lettland (0,41), Frankreich (0,39), Island und Malta (jeweils 0,37) sowie Estland (0,36).
„In Finnland gehört der Rückgang zu den stärksten in Europa – ein Befund, der viele überrascht, weil das Land ein relativ starkes familienpolitisches System hat“, sagt Hellstrand.
„Kinderfrei“ als Ideal verbreitet sich
Zwischen 2010 und 2024 gehe der Rückgang der Geburten in erster Linie auf weniger Erstgeburten zurück, erklärt sie. Diese machten rund 82 Prozent des gesamten Minus aus.
„Gleichzeitig haben sich kinderfreie Lebensentwürfe verbreitet. Umfragen zeigen aber, dass viele Menschen am Ende oft weniger Kinder bekommen, als sie sich eigentlich wünschen“, fügt sie hinzu.
Der absolute Rückgang betrug im Vereinigten Königreich 0,27, in Spanien 0,22, in Italien 0,20 und in Deutschland 0,15 Punkte.
„In manchen Ländern, etwa in Südeuropa, sind die Geburtenraten bereits so niedrig, dass sie kaum noch weiter fallen können“, erklärt Prof. Eva Beaujouan von der Universität Wien im Gespräch mit Euronews Health.
Im selben Zeitraum verzeichneten Bosnien und Herzegowina mit plus 0,21 den stärksten Anstieg, gefolgt von Serbien (plus 0,18), Portugal (plus 0,17) und Bulgarien (plus 0,10).
Beaujouan erinnert daran, dass die Geburtenraten in europäischen Ländern seit dem 20. Jahrhundert immer wieder phasenweise sehr niedrig waren. „Auffällig ist jedoch die Geschwindigkeit des aktuellen Einbruchs in vormals ‚hohen‘ Fruchtbarkeitsländern wie den nordischen Staaten oder Frankreich“, sagt sie.
Elternschaft: Ansprüche steigen
Sie sieht dafür mehrere Gründe. Erstens haben sich Menschen daran gewöhnt, ihren Kindern gute Lebensbedingungen und eine solide Ausbildung zu bieten. Die Ansprüche an Elternschaft sind gestiegen – emotional und finanziell.
„Wenn die Unsicherheit über die Zukunft wächst – etwa durch Kriege und Inflation – und die eigene finanzielle Lage wackelt, haben werdende Eltern oft das Gefühl, mehr als einem Kind nicht die besten Chancen geben zu können. Viele entscheiden sich dann zu warten“, sagt Beaujouan.
Zweitens bleibt es in vielen Gesellschaften schwierig, eine anspruchsvolle Berufstätigkeit mit der Betreuung von Kindern zu vereinbaren. Drittens bekommen Menschen ihre Kinder immer später. Diese Verzögerung drückt die Geburtenraten zumindest vorübergehend nach unten.
Der Sprecher von WHO Europa warnt jedoch davor, Trends der Gesamtfruchtbarkeitsrate nur über kurze Zeiträume wie zehn Jahre zu betrachten. Vorübergehende Schocks – etwa die COVID-19-Pandemie und die damit verbundene wirtschaftliche Unsicherheit – können die zeitliche Verteilung von Geburten stark beeinflussen, ohne die letztendliche Kinderzahl pro Frau wesentlich zu verändern.