Newsletter Newsletters Events Veranstaltungen Podcasts Videos Africanews
Loader
Finden Sie uns
Werbung

Von Mango bis Minze: Der umstrittene Boom der Nikotinbeutel

Jede Packung enthält 20 Nikotinbeutel.
Jede Packung enthält 20 Nikotinbeutel. Copyright  AP Photo
Copyright AP Photo
Von Joana Mourão Carvalho
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare
Teilen Close Button
Den Link zum Einbetten des Videos kopieren Copy to clipboard Link kopiert!

Trotz Warnungen der WHO vor Suchtgefahren und möglichen Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung boomen Nikotinbeutel in Portugal. Während der Markt rasant wächst, diskutieren Politik, Behörden und Gesundheitsexperten über strengere Regeln.

Klein, unauffällig und ohne Rauch: Nikotinbeutel gewinnen in Portugal zunehmend an Beliebtheit, bevor ein umfassender rechtlicher Rahmen für ihren Verkauf und ihre Vermarktung geschaffen wurde.

WERBUNG
WERBUNG

Die Beutel werden zwischen Lippe und Zahnfleisch platziert und geben dort Nikotin ab, ohne dass Tabak verbrannt wird. Genau dieser Unterschied zur klassischen Zigarette steht im Mittelpunkt einer wachsenden Debatte zwischen Herstellern, Behörden und Gesundheitsexperten.

Monatelang wurden die Produkte in Tabakläden und Kiosken in einer rechtlichen Grauzone verkauft. Erst in diesem Jahr begann sich die Situation zu ändern: Nikotinbeutel wurden in Portugal in die Liste der Tabak- und Nikotinprodukte aufgenommen, die einer besonderen Verbrauchssteuer unterliegen. Vor diesem Hintergrund hat Tabaqueira, die portugiesische Tochter des Tabakkonzerns Philip Morris International, den offiziellen Vertrieb der Produkte im Land aufgenommen.

"Diese Produkte waren bereits auf dem portugiesischen Markt erhältlich, allerdings ohne Regulierung. Seit Anfang dieses Jahres gibt es eine eigene steuerliche Regelung, und sie unterliegen nun der Verbrauchssteuer. Zuvor befanden sie sich rechtlich in einer Grauzone. Deshalb sind wir erst Anfang des Jahres in diesen Markt eingestiegen", sagte Marcelo Nico, Generaldirektor von Tabaqueira, im Gespräch mit Euronews.

Der gebürtige Argentinier sieht die Einführung der Nikotinbeutel als Teil einer langfristigen Strategie, herkömmliche Zigaretten zu ersetzen. "Unsere Vision ist eine rauchfreie Welt, in der weniger schädliche Alternativen ohne Verbrennung die klassische Zigarette ablösen", sagte er.

Die Produkte richteten sich an erwachsene Raucherinnen und Raucher, die nach einer Alternative suchten. Gleichzeitig betont Nico, dass Nikotin eine süchtig machende Substanz sei und deshalb klare Regeln notwendig seien. "Alle Nikotinprodukte müssen reguliert werden, weil Nikotin abhängig macht. Entscheidend ist eine Regulierung, die erwachsenen Rauchern Zugang zu diesen Produkten ermöglicht und gleichzeitig verhindert, dass Minderjährige sie kaufen oder attraktiv finden. Sie sind nicht die Zielgruppe dieser Produkte", sagte er.

Marketing, Aromen und Sorge um Jugendliche

Geschmacksrichtungen wie Minze, rote Beeren oder Mango sorgen bei Gesundheitsexperten für wachsende Besorgnis. Kritiker warnen, dass die Produkte dadurch besonders attraktiv für Jugendliche und Nichtraucher werden könnten. Sofia Belo Ravara, Pneumologin bei der lokalen Gesundheitseinheit Cova da Beira und Professorin für Präventivmedizin an der Universität Beira Interior, sieht vor allem das Marketing der Branche kritisch.

Im Gespräch mit Euronews verweist sie auf die auffällige Vermarktung der Produkte und die lange Zeit fehlende Regulierung. "Diese Produkte wurden mit einem äußerst aggressiven Marketing eingeführt: mit auffälligen Verpackungen und einer starken Präsenz in den sozialen Medien. Das hat den Konsum gefördert, insbesondere unter Jugendlichen", sagte sie.

Nach Ansicht der Medizinerin spielen auch die verschiedenen Geschmacksrichtungen eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Abhängigkeit. Ein wirksamer Schutz junger Menschen sei ihrer Ansicht nach nur durch ein Verbot solcher Aromen möglich. "Aromen machen den Konsum angenehmer, fördern die Aufnahme von Nikotin und verstärken die Abhängigkeit. Das ist einer der Gründe, warum diese Produkte für junge Menschen besonders attraktiv sind", erklärte Ravara.

Zugleich warnt sie davor, die Beutel als risikofreie Alternative zu betrachten. Nikotin werde sowohl über die Mundschleimhaut als auch über den Speichel aufgenommen und gelange dadurch kontinuierlich in den Körper. "Dadurch entstehen dauerhaft erhöhte Nikotinspiegel im Organismus, was das Risiko einer Abhängigkeit zusätzlich erhöht", sagte die Lungenfachärztin.

Gesundheitsrisiken und Folgen für das Gehirn

Derzeit darf ein Nikotinbeutel in Portugal bis zu zwölf Milligramm Nikotin enthalten. Zum Vergleich: Eine Zigarette enthält etwa acht Milligramm Nikotin, von denen beim Rauchen jedoch nur rund ein Milligramm aufgenommen wird.

Auch ohne Tabak bleibt das Abhängigkeitspotenzial hoch. Zudem bestehen weiterhin Gesundheitsrisiken, insbesondere mit Blick auf die Auswirkungen von Nikotin auf das zentrale Nervensystem.

Eine Zigarette enthält etwa acht mg Nikotin, beim Rauchen wird jedoch nur rund ein mg aufgenommen
Eine Zigarette enthält etwa acht mg Nikotin, beim Rauchen wird jedoch nur rund ein mg aufgenommen AP Photo

"Die Auswirkungen auf das Gehirn gehören möglicherweise zu den größten Sorgen, vor allem, weil diese Produkte häufig von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen genutzt werden. Nikotin beeinträchtigt die Entwicklung des Gehirns, wirkt sich auf kognitive Fähigkeiten aus und verändert das Verhalten. Es kann Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Impulskontrolle beeinträchtigen und erhöht zudem das Risiko für Angstzustände und Depressionen", warnt Sofia Belo Ravara.

Die Medizinerin betont zudem, dass die Debatte nicht allein über den Vergleich mit herkömmlichen Zigaretten geführt werden sollte. "Die entscheidende Frage ist nicht, ob diese Produkte weniger schädlich sind als Tabak, sondern ob sie sicher sind. Und das sind sie nicht. Es handelt sich um toxische Produkte mit einem hohen Suchtpotenzial", sagt sie.

Beispiel Dänemark: rasches Wachstum, späte Reaktion

Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, wie schnell der Markt für Nikotinbeutel wachsen kann – und wie schwierig es ist, ihn später wieder einzudämmen. Die dänische Ärztin Charlotta Pisinger verweist dabei auf die Entwicklung in Dänemark. "In Dänemark begann die Vermarktung von Nikotinbeuteln etwa 2018 oder 2019, als es noch keine spezifische Regulierung gab. Sie waren überall präsent – insbesondere in den sozialen Medien und auf Festivals –, oft wurden sie sogar kostenlos verteilt", sagte sie Euronews.

Die Folge sei ein rascher Anstieg des Konsums unter jungen Menschen gewesen. "Innerhalb weniger Jahre wurden die Produkte sehr populär. Im Jahr 2025 nutzten etwa 14 Prozent der 15- bis 29-Jährigen in Dänemark Nikotinbeutel." Nach Ansicht Pisingers kam die Regulierung zu spät. "Als wir strengere Vorschriften einführen konnten, waren die Produkte bereits weit verbreitet. Sobald eine Abhängigkeit entstanden ist, wird es deutlich schwieriger, die Entwicklung wieder unter Kontrolle zu bringen", sagte sie.

Dänemark führte inzwischen verschiedene Maßnahmen ein, darunter Beschränkungen für Aromen, neutrale Verpackungen, Werbebeschränkungen sowie Obergrenzen für den Nikotingehalt. Ein Beutel darf dort höchstens neun Milligramm Nikotin enthalten, eine Dose maximal 20 Beutel. Dennoch bestehen laut Pisinger weiterhin Probleme, insbesondere beim Online-Verkauf, wo das Alter der Käufer nicht immer zuverlässig überprüft werde. Die Expertin warnt die portugiesischen Behörden davor, zu lange mit weiteren Maßnahmen zu warten.

"Es ist entscheidend, schnell zu handeln. Je länger man wartet, desto schwieriger wird es, dieses Phänomen zu kontrollieren. Die Industrie sagt, diese Produkte seien für Raucher bestimmt. In der Praxis richtet sich das Marketing jedoch aggressiv an neue, junge Konsumenten." Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erneuerte in diesem Monat ihre Warnungen zu Nikotinbeuteln.

Die WHO betont, dass die Produkte nicht als risikofrei betrachtet werden dürften. Nikotin sei "hochgradig abhängig machend und schädlich", insbesondere für Kinder und Jugendliche, deren Gehirnentwicklung beeinträchtigt werden könne. Nach Angaben der WHO kann ein früher Kontakt mit Nikotin Aufmerksamkeit und Lernfähigkeit beeinträchtigen, das Risiko einer späteren Abhängigkeit erhöhen und die Wahrscheinlichkeit steigern, später Tabakprodukte zu konsumieren. Zudem verweist die Organisation auf mögliche kardiovaskuläre Risiken.

WHO und Fachleute der öffentlichen Gesundheit werfen der Tabakindustrie vor, aggressive Taktiken einzusetzen, um neue Konsumenten zu gewinnen
WHO und Fachleute der öffentlichen Gesundheit werfen der Tabakindustrie vor, aggressive Taktiken einzusetzen, um neue Konsumenten zu gewinnen AP Photo

In einem Bericht über die Vermarktungsstrategien von Nikotinbeuteln, den die WHO anlässlich des Weltnichtrauchertags am 31. Mai veröffentlicht hat, warnt die Organisation vor einer gezielten Ansprache junger Menschen. Dem Bericht zufolge werden die Produkte "aggressiv an Jugendliche und junge Erwachsene vermarktet".

Die eingesetzten Marketingstrategien seien darauf ausgerichtet, den Konsum von Nikotin zu normalisieren und die Wahrnehmung möglicher Risiken zu verringern. Als Beispiele nennt die WHO Verpackungen, die an Süßigkeiten erinnern, Aromen wie Kaugummi sowie Werbung in sozialen Netzwerken. Darüber hinaus verweist die Organisation auf Sponsoring bei Konzerten, Festivals und Sportveranstaltungen – darunter auch in der Formel 1.

Kommt jetzt eine strengere Regulierung?

Die WHO fordert Regierungen dazu auf, den Markt für Nikotinbeutel stärker zu regulieren. Hintergrund sind Anfragen verschiedener Staaten, die nach Orientierung im Umgang mit den Produkten suchen. Zu den Empfehlungen der WHO gehören Verbote oder weitreichende Beschränkungen von Aromastoffen, Werbe-, Promotions- und Sponsoringverbote – auch in sozialen Netzwerken und durch Influencer. Zudem spricht sich die Organisation für strenge Alterskontrollen, deutliche Gesundheitshinweise und einheitliche Verpackungen aus.

Weitere Vorschläge sind Höchstgrenzen für den Nikotingehalt, eine Besteuerung der Produkte sowie eine engmaschige Beobachtung von Konsumtrends und Marketingstrategien der Hersteller. Auch in Portugal könnte die Regulierung verschärft werden. Die Regierung hat Anfang des Monats einen Gesetzentwurf verabschiedet, der erstmals einen rechtlichen Rahmen für Nikotinbeutel schaffen soll. Zudem werden weitere Maßnahmen diskutiert, darunter Werbebeschränkungen, eine Begrenzung der Verkaufsstellen sowie mögliche Verbote bestimmter Aromen und Verpackungsdesigns.

Marcelo Nico, Generaldirektor von Tabaqueira, hält Regulierung grundsätzlich für notwendig. "Wichtig ist ein klarer Rahmen, der erwachsenen Rauchern den Zugang zu Alternativen ermöglicht und gleichzeitig Minderjährige schützt", sagte er.

Die Lungenfachärztin Sofia Belo Ravara fordert hingegen ein deutlich härteres Vorgehen. "Wir müssen das Vorsorgeprinzip anwenden. Wir wissen, dass Nikotin schädlich ist und dass diese Produkte junge Menschen erreichen. Das sollte ausreichen, um zu handeln", sagte sie. Der Schritt vom Ausprobieren zum regelmäßigen Konsum sei ihrer Ansicht nach "extrem kurz".

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare

Zum selben Thema

WHO: Nikotinbeutel werden massiv an junge Menschen vermarktet

Trend im Netz: Wie Influencer Nikotin zum fragwürdigen Gesundheitshype machen

UK beschließt historisches Anti-Tabak-Gesetz für rauchfreie Generation