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Was denken die Menschen in Russland über Putins Krieg in der Ukraine?

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Von Anastasia Trofimova
Vier Russ:innen erzählen uns, was sie von Putins Krieg in der Ukraine denken.
Vier Russ:innen erzählen uns, was sie von Putins Krieg in der Ukraine denken.   -   Copyright  Anastasia Trofimova

"Leute, wo ist der Hauptprotest?", fragt die 28-jährige Ksenia, die zum ersten Mal in ihrem Leben an einer Demonstration teilnimmt.

Es ist 21 Uhr in Moskau, und die Polizei hat den größten Teil der Proteste bereits aufgelöst. Da jeder, der ein Anti-Kriegs-Schild bei sich trägt, sofort verhaftet wird, schlendern die Demonstrant:innen einfach weiter, bis sich eine ausreichend große Menschenmenge versammelt hat, um ihren Widerstand gegen die Geschehnisse in der Ukraine zu bekunden.

Zwei Frauen mittleren Alters zischen der Polizei "Kein Krieg!" zu, bevor sie nervös lachend davonlaufen.

Neue Entwicklungen zum Krieg Russlands in der Ukraine gibt es in unserem Liveblog 

"Lasst uns arbeiten, los!", befiehlt der Polizist. Eine Gruppe von drei jungen Polizisten geht die Straße hinunter, findet aber keine geeigneten Ziele. Schließlich entdecken sie einen Mann, der sich, als er zum Polizeiwagen gezerrt wird, als stark betrunken herausstellt. Er wird freigelassen.

Die Demonstrant:innen ziehen durch kleinere Straßen und folgen den Positionsmeldungen über spezielle Telegram-Kanäle. Konvois von Polizeifahrzeugen folgen. Es ist ein gewaltiges Katz-und-Maus-Spiel. Die Nacht endet damit, dass ein 39-jähriger Mann mit einem Auto in die Polizeiabsperrungen am Puschkin-Platz fährt mit "Das ist Krieg"-Schildern und "Erhebt euch, Leute!". Das Auto fängt Feuer, der Mann wird verhaftet.

Nach nicht einmal einer Woche Krieg in der Ukraine gab es in ganz Russland mehr als 6.000 Festnahmen bei Anti-Kriegs-Protesten.

Anastasia Trofimova
Ksenia nimmt zum ersten Mal an Demonstrationen gegen die Regierung teilAnastasia Trofimova

"In der Nacht (der Invasion) war ich in bester Stimmung", erinnert sich Ksenia. "Meine Freundin und ich feierten den 23. Februar (den Tag des Vaterlandsverteidigers oder besser bekannt als Männertag).

"Wir waren draußen, tranken Wein und sangen auf einer Schaukel. Um 6:05 Uhr verkündete Forbes, dass Putin den Beginn der Militäroperation verkündet. Und das war's. Meine Welt teilte sich in ein Vorher und Nachher."

Ksenia arbeitet in der PR-Branche und spricht unverblümt.

"Putin ist verrückt. Kein vernünftiger Mensch würde so etwas tun. Die Ukraine wird durchhalten. In der Zwischenzeit werden wir in der Scheiße stecken."

"Das war schon lange abzusehen"

"Sie sind doch nicht einer dieser Liberalen, oder?", fragt der 49-jährige Yuri. Er ist kein Fan von Antikriegsdemonstranten wie Ksenia.

Anastasia Trofimova
Yuri findet den Krieg zwar nicht richtig aber überrascht ist er auch nichtAnastasia Trofimova

"Ich bin gegen den Krieg. Aber um ehrlich zu sein, war das schon lange abzusehen. Das Problem liegt nicht bei der Ukraine, sondern bei diesen Angelsachsen, die sich an uns heranschleichen. Sehen Sie sich nur an, was mit Ländern wie Syrien passiert ist, in die sie eingedrungen sind. Und jetzt versuchen sie, über die Ukraine an uns heranzukommen (innere Unruhen zu verursachen). Deshalb halte ich das alles für gerechtfertigt und richtig."

Die Liberalen, die Yuri hasst, würden ihn daraufhin als "Opfer der Zombiekiste" oder des staatlichen Fernsehens bezeichnen. Diese ideologische Spaltung zieht sich durch viele russische Familien. Yuris Meinung ist jedoch zu verbreitet, um sie als verrücktes Gerede von Randgruppen abzutun.

Die Angst vor der NATO war und ist hier sehr real. Beispiele wie Jugoslawien und Libyen, zwei Staaten, die von NATO-Streitkräften bombardiert wurden, werden herangezogen, um die Angst zu schüren, dass Russland als nächstes dran sein könnte. Am Tag vor dem Ausbruch des Krieges erinnerte Putin die Nation an die Versprechen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, die NATO nicht nach Osten zu erweitern, und sagte, diese Versprechen seien fünfmal gebrochen worden. Gespräche von einer NATO-Mitgliedschaft der Ukraine hat diese Befürchtungen noch verstärkt.

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Nikita empfindet die NATO als Bedrohung und findet, dass Russland sich verteidigen mussAnastasia Trofimova

Yuri ist einer von vielen, die die Ereignisse durch eine Brille der Angst sehen.

"Wenn ich einberufen werde, gehe ich", sagt er. "Die Russen haben keine Angst vor der Armee. Wir alle haben Kinder. Zumindest werden meine Kinder beschützt."

Was hält er von den Sanktionen gegen Russland?

"Unser Volk war schon immer von irgendwelchen Sanktionen betroffen. Wir sind daran gewöhnt. Wenn wir während des Hungers und der Belagerungen überlebt haben, werden wir es auch schaffen.

Es ist sonnig in Moskau, die Menschen machen Selfies auf dem Roten Platz, während ein langer Konvoi von Bussen der Nationalgarde an den Kremlmauern vorbeifährt. Weitere Proteste werden erwartet.

Nikita, 20, sagt gegenüber Euronews: "Ich bin hauptsächlich gegen den Krieg. Aber ich weiß nicht, was ich an der Stelle der Regierung getan hätte. Wenn der Krieg jetzt nicht begonnen hätte, wäre die Ukraine vielleicht in fünf oder sechs Jahren der NATO beigetreten, und die Folgen wären für unser Land ganz anders gewesen. Natürlich tun mir die einfachen Leute leid, die keinen Einfluss auf die Entscheidungen ihrer Regierung haben." Meinen Sie Russen oder Ukrainer, wird Nikita gefragt. "Alle von uns. Unsere Leute sterben da drüben und die Ukrainer auch."

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Olesya hat einen Großteil ihrer Familie im Donbass. Sie fragt: "Wo war der Westen als Russland den Donbass bombardiert hat?"Anastasia Trofimova

Ich bin gegen den Krieg", sagte Olesya, 45, deren meisten Verwandten in der Separatistenregion Donbass leben. "Aber ich denke, das hätte man schon 2014 tun sollen, dann hätten wir heute keinen Krieg. Wo war der Westen mit all seinen humanitären Bedenken, als die Ukrainer die Menschen im Donbass beschossen?"

Der Krieg in der Ostukraine brach 2014 aus, nachdem Russland die Krim annektiert hatte. Anschließend erklärten zwei separatistische Regionen im Donbass, Donezk und Luhansk, ihre Unabhängigkeit von Kiew. Dies löste einen Konflikt zwischen den ukrainischen Streitkräften und den von Russland unterstützten Separatisten aus, bei dem es auf beiden Seiten Tote gab.

Obwohl einige Russen die Invasion der Ukraine rechtfertigen, gibt es keine Demonstrationen, um diese Unterstützung zu zeigen.

Im Gegenteil, die Menschen, die auf die Straße gehen, sind gegen den Einmarsch. Sie demonstrieren, obwohl ihnen Verhaftungen drohen. Die meisten Russen haben Familie und Freunde in der Ukraine.

"Krieg ist immer schrecklich. Krieg führt nie zu etwas Gutem und wird es auch dieses Mal nicht tun", sagt die 18-jährige Tonya, die eine Tasche mit einem handgestickten "Kein Krieg"-Schild trägt.

"Ich habe Angst und leide mit meinen Freunden in der Ukraine, die mir schreiben: 'Wir gehen in den Luftschutzkeller'. Wir scherzen: 'Es war ein explosiver Morgen, nicht wahr?' und sie sagt: 'Es war einfach bombastisch'. In den letzten drei Tagen habe ich insgesamt 10 Stunden geschlafen. Den Rest der Zeit habe ich geweint".

Ein Krieg mit einem Land, das die stärksten historischen und kulturellen Bindungen zu Russland hat, klang immer lächerlich und absurd. Bis zum 24. Februar 2022. Putins Angriff auf die Ukraine kam für die meisten Russen überraschend.