Es wird erwartet, dass die USA beim Treffen der NATO-Verteidigungsminister am Donnerstag doch nur einen begrenzten Abzug ihrer Truppen aus Europa zusagen werden, wie Euronews aus informierten Kreisen erfuhr.
Die europäischen Verbündeten rechnen offenbar damit, dass der US-Unterstaatssekretär für Verteidigungspolitik Elbridge Colby beim Treffen der NATO-Verteidigungsminister am Donnerstag mitteilen wird, dass sein Land nur eine begrenzte Anzahl von Truppen aus Europa abziehen wird. Quellen, die mit der Situation vertraut sind, berichteten gegenüber Euronews, dass Colby das Treffen nutzen werde, um sich zu verpflichten, den Großteil der derzeit in Deutschland, Italien und an der Ostflanke Europas stationierten Truppen an Ort und Stelle zu belassen. Colby vertritt US-Verteidigungsminister Pete Hegseth, der an dem Treffen nicht teilnehmen wird.
Derzeit sind je nach Rotation etwa 80.000 - 90.000 US-Soldaten in Europa stationiert, das höchste Kontingent seit dem Kalten Krieg. Ihre Zahl wurde als Reaktion auf die russische Invasion in der Ukraine vor vier Jahren aufgestockt.
Wenn es zu dem nun erwarteten Schritt kommt, wäre dies eine willkommene Erleichterung. Denn die europäischen Verbündeten hatten sich auf einen beträchtlichen Abzug der US-Truppen eingestellt, da die Trump-Administration Sicherheitsthemen in anderen Teilen der Welt Priorität einräumt.
"Die USA sind der NATO verpflichtet, das haben sie mehr als deutlich gemacht", sagte Colonel Martin O'Donnell, Sprecher des Obersten NATO-Kommandos in Europa, gegenüber Euronews. Aber: "Sie haben auch noch deutlicher gemacht, dass Europa sich engagieren muss, und das tut es auch, aber es bleibt noch mehr zu tun, wie zum Beispiel die Erfüllung der Fähigkeitsziele, auf die sich alle Nationen geeinigt haben."
Colby drängte eigentlich weg von Europa
Die Ernennung von Colby zum Unterstaatssekretär für Verteidigungspolitik im vergangenen Jahr wurde als Vorbote von Plänen gesehen, möglicherweise tausende US-Soldaten abzuziehen. Er gilt weithin als Hardliner, der sich seit langem für den Abzug vieler US-Truppen aus dem NATO-Gebiet und eine Verlagerung der Politik auf das Südchinesische Meer einsetzt.
Die europäischen Verbündeten befürchteten eine plötzliche, dramatische Ankündigung, die den Kontinent zu einem Zeitpunkt verwundbar machen würde, an dem die russischen Hybridangriffe auf NATO-Gebiet zunehmen.
Unklar ist, ob die Entscheidung, einen großen Teil der Streitkräfte zu behalten, Teil einer erwarteten offiziellen Überprüfung der US-Streitkräfte wäre, die irgendwann in diesem Jahr stattfinden soll. Der Schritt fällt jedoch mit den Plänen zusammen, die Kommandostruktur der NATO zu überarbeiten und in den kommenden Jahren mehr Verantwortung auf Europa zu übertragen - ein Prozess, der bereits begonnen hat, da die europäischen Verbündeten bald das Kommando über die von den USA geführten Stützpunkte auf ihrem Gebiet übernehmen werden.
"Das Vereinigte Königreich wird das Kommando über das Gemeinsame Streitkräftekommando Norfolk übernehmen, und Italien wird dasselbe für das Gemeinsame Streitkräftekommando Neapel tun, die beide derzeit von den Vereinigten Staaten geführt werden", teilte die NATO in der vergangenen Woche in einer Erklärung mit. Deutschland und Polen werden sich demnach das Kommando über das Joint Force Command Brunssum in den Niederlanden auf Rotationsbasis teilen.
"Damit werden alle drei Joint Force Commands, die auf operativer Ebene in Krisen und Konflikten führen, von Europäern geleitet."
Arctic Sentry: Bewachung des Nordens
In der Zwischenzeit wird die NATO auch eine neue Mission zur Stärkung der Sicherheit im hohen Norden und in der Arktis auf den Weg bringen, wobei die militärische Planung bereits weit fortgeschritten ist.
Die Mission mit dem Namen Arctic Sentry wurde ins Leben gerufen, nachdem es Wochen zuvor im Bündnis wachsende Spannungen wegen der Ansprüche von US-Präsident Donald Trump auf Grönland gegeben hatte. Die NATO-Verbündeten treffen sich zum ersten Mal seit Trumps Forderungen, die das Bündnis stark belastet hatten. Es wird erwartet, dass sie die Konturen der neuen NATO-Mission bestätigen werden.
Eine von NATO-Generalsekretär Mark Rutte mit dänischen, nordischen und US-amerikanischen Partnern nach dem Weltwirtschaftsforum in Davos ausgehandelte Vereinbarung sieht vor, die Sicherheit in der Arktis deutlich zu erhöhen.
Arctic Sentry wird eine Aktivität in mehreren Bereichen sein, die Weltraum-, Cyber-, Land-, See- und Luftverteidigung umfasst. Sie solle die NATO-Präsenz in der Arktis gegen die wachsende russische Bedrohung und die anhaltenden chinesischen Bemühungen um Einfluss in der Region verstärken, so mehrere Verbündete.
"Die Arktis ist angesichts der wachsenden Konkurrenz durch China eine kritische Region", sagte der US-Botschafter bei der NATO, Mathew Whitaker, am Dienstag bei einem Briefing vor Journalisten. Das Bündnis müsse sich darüber im Klaren sein, "was in der Arktis passiert" und den gegenwärtigen und künftigen Bedarf an Fähigkeiten verstehen, die zur Sicherung der Region erforderlich sind, "da die Arktis immer mehr an Bedeutung gewinnt".
Whitaker fügte hinzu, dass "alle NATO-Mittel" für die Sicherung der Region benötigt würden und sagte, dass Grönland, falls es in Zukunft von Dänemark unabhängig werden sollte, außerhalb der NATO stehen könnte.
"Das müssten wir klären", bekräftigte er.
Mehr Präsenz gegen Russland und China
"Die Anforderungen an die Verteidigung steigen, und Russland stellt die größte Bedrohung für die Sicherheit der Arktis und des hohen Nordens dar, die wir seit dem Kalten Krieg erlebt haben", betonte der britische Verteidigungsminister John Healey in einer Erklärung vor dem Treffen am Donnerstag. "Wir sehen, dass Putin seine militärische Präsenz in der Region schnell wieder aufbaut und alte Stützpunkte aus dem Kalten Krieg wieder eröffnet."
Ein hochrangiger NATO-Diplomat erklärte, dass es zwar keine unmittelbare Krise gebe, die Bedrohungseinschätzung aber darauf hindeute, dass sowohl Russland als auch China Ambitionen in der Region gezeigt hätten. "Abschreckung erfordert frühzeitiges und sichtbares Handeln: Wir müssen unsere Präsenz, Wachsamkeit und Bereitschaft zur Verteidigung des Territoriums signalisieren, wann immer es nötig ist."
Der Grundgedanke der Mission ähnelt dem der NATO-Operation Baltic Sentry in der Ostsee. Diese wurde vor etwas gut einem Jahr ins Leben gerufen, um die Fähigkeit der Verbündeten zu verbessern, auf destabilisierende Aktionen in einem der am stärksten befahrenen Meere der Welt zu reagieren.