Die Arktis wird zum strategischen Brennpunkt der NATO, doch Europas Streitkräfte sind für Eis, Kälte und riesige Distanzen nur begrenzt gerüstet. Während Russland seine Präsenz ausbaut, droht dem Westen in einem künftigen Militär- und Handelskorridor der Anschluss verloren zu gehen.
Mit dem Rückgang des arktischen Eises und zunehmenden geopolitischen Spannungen rückt die Nordflanke der NATO in den Fokus. Sie entwickelt sich zu einem der folgenreichsten, zugleich aber am meisten vernachlässigten Schauplätze des Bündnisses.
Europa steht dabei vor einer harten Wahrheit: Strategisch ist es nicht ausreichend vorbereitet, um in einer Region mitzuspielen, die zu einem wichtigen militärischen und wirtschaftlichen Korridor werden dürfte.
Viele europäische Verbündete waren mit der aggressiven Arktis-Politik von US-Präsident Donald Trump zwar nicht einverstanden. Mit der Kernbotschaft scheinen jedoch viele übereinzustimmen: Die Arktis braucht schnell besondere Aufmerksamkeit. Das Problem: Es fehlen sowohl klare Doktrinen als auch die militärischen Fähigkeiten, um diese Aufmerksamkeit praktisch umzusetzen.
Schlüsselraum für die Verteidigung
Auf militärischer Ebene ist die Arktis zentral für die Verteidigung des Nordatlantiks. Das gilt auch deshalb, weil Russlands Nordflotte die Kapazitäten der NATO in diesem Raum übertrifft.
"Wenn wir über die Verteidigung Großbritanniens sprechen, ist vor allem die Lücke zwischen Grönland, Island und Großbritannien sehr, sehr wichtig", sagte Anthony Heron, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arctic Institute, zu Euronews. "Alle gegnerischen Kräfte oder Militärs, die sich dem Vereinigten Königreich nähern, werden sehr wahrscheinlich aus der arktischen Region kommen."
Die Überwachung dieses Raums, so Heron, setzt dauerhaftes Lagebewusstsein voraus. Genau das ist in einer Region schwierig, die riesig, dünn besiedelt und extrem lebensfeindlich ist.
Dieses Lagebild hat nicht nur eine militärische Dimension. Unter dem Eis liegt Infrastruktur, die die moderne Wirtschaft trägt: Unterwasserkabel und Stromleitungen. Sie transportieren enorme Datenmengen zwischen Europa und Nordamerika. Zugleich gelten sie als attraktive Ziele für Spionage und Sabotage.
Gefahr unter dem Eis
Zu den geplanten Kabelprojekten in der Arktis gehören Far North Fiber, das Japan über die Nordwestpassage mit Europa verbinden soll, sowie Polar Connect. Letzteres will eine besonders sichere und widerstandsfähige Verbindung durch die Arktis nach Asien und Nordamerika schaffen.
"Um die Sicherheit dieser Unterwasserkabel und Stromleitungen zu gewährleisten, ist es von entscheidender Bedeutung, dass die U-Boote in der Arktis aufgespürt und verfolgt werden können", sagte Heron. "Wenn solche Leitungen gekappt würden, wäre das für die Wirtschaft katastrophal."
Der Klimawandel öffnet zudem neue Schifffahrtsrouten durch die Arktis. Sie könnten Transitzeiten im Vergleich zu Suez- und Panamakanal deutlich verkürzen. Gleichzeitig steigt damit der strategische Wettbewerb.
Russland werde seine militärische Präsenz vermutlich ausbauen, um diese Routen zu schützen, so Heron. Das erhöhe den Druck auf die NATO, falls sie nicht reagiere.
"Wenn wir uns zurücklehnen und den Anschluss verpassen", sagte Heron, "wird dies wirklich zu wirtschaftlichen Turbulenzen führen."
Das Fähigkeitsproblem
Trotz der wachsenden Bedeutung ist die NATO in der Arktis weiterhin uneinheitlich aufgestellt. Zudem bleibt sie stark abhängig von den USA. Ein Beispiel ist Grönland.
"Wenn wir von Grönland sprechen, dann ist es in erster Linie eine US-Präsenz in Form von Satelliten", sagte Heron. Gleichzeitig sei die Insel "sehr, sehr gut positioniert", um ein Lagebild zu schaffen und Bedrohungen früh zu erkennen. Das gilt besonders mit Blick auf die Überwachung russischer Bewegungen durch die GIUK-Lücke zwischen Grönland, Island und dem Vereinigten Königreich.
Diese Abhängigkeit verweist auf ein tieferes strukturelles Problem.
Dänemark, Schweden und Norwegen investieren seit langem in Kaltwettertruppen. Der Oberste Alliierte Befehlshaber der NATO in Europa bezeichnete ihre Fähigkeiten im vergangenen Monat als "enorm" und "einzigartig positioniert, um die Nordflanke der NATO und die Sicherheit in der Arktis zu stärken". Andere europäische Verbündete hingegen hinken hinterher.
"Den Nachbarstaaten der Arktis, zu denen auch das Vereinigte Königreich und Frankreich gehören, fehlt eine spezifische Arktis-Doktrin", sagte Heron.
Die jahrzehntelange Unterinvestition bedeutet außerdem: Nur wenige moderne Fähigkeiten sind dauerhaft in der Arktis stationiert. Mittel aus anderen Regionen lassen sich nicht einfach verlegen. Die rauen Bedingungen setzen engere Grenzen als in gemäßigten Gebieten.
Russland hingegen verfügt über eine dauerhafte Präsenz. Es unterhält etwa 30 bis 40 spezialisierte Stützpunkte und modernisierte Flugplätze, verteilt über sein arktisches Gebiet.
"Nicht jede Fähigkeit, die man anderswo hat, kann einfach in die Arktis übertragen werden und dort funktionieren", sagte Verineia Codrean, Leiterin der Strategieabteilung von Euroatlas, Euronews. Das Unternehmen, das mit mehreren europäischen Regierungen zusammenarbeitet, entwickelt autonome Unterwasserfahrzeuge. Sie können bis zu 16 Wochen im Einsatz bleiben.
Der Grund liegt in der Umgebung: Extreme Kälte, Eisdecke und Abgeschiedenheit beeinträchtigen Systeme, die anderswo zuverlässig laufen. Das betrifft Drohnen und Sensoren ebenso wie Kommunikationsgeräte, Navigation und Logistik.
Das Investitionsproblem
Die Arktis, die etwa 4 Prozent der Erdoberfläche umfasst, bringt große technische Hürden mit sich.
"Wenn man sich ein Gebiet wie Grönland oder den Nordpol anschaut, gibt es keine feste Infrastruktur", sagte James Campion, CEO und Mitbegründer des schwedischen 6G-Deeptech-Unternehmens TERASi, zu Euronews. "Jede Verteidigungstruppe, die in diesem Gebiet operiert, muss die gesamte Ausrüstung mitbringen."
Schon Kommunikation aufzubauen kann zu einer logistischen Mammutaufgabe werden. Der Aufbau klassischer Funktürme, wie sie das Militär nutzt, dauert oft Stunden. Dafür braucht es große Teams, die unter schwierigen Bedingungen arbeiten müssen.
Campions Unternehmen setzt auf ein anderes Konzept: leichte Funkgeräte, kombiniert mit Drohnenplattformen. Für den Einsatz soll eine Person genügen. Das System ist allerdings noch experimentell und hat bisher nur begrenzte Reichweite. Im März soll es erstmals eingesetzt werden, um die Reichweite anschließend schrittweise zu erhöhen.
Kälte reduziert zudem die Einsatzdauer. Frost kann Drohnen innerhalb von Minuten lahmlegen. Batterien entladen sich schneller, und selbst Kabel können spröde werden und reißen.
Als Alternative gelten satellitengestützte Dienste. Sie bieten größere Reichweiten, haben aber eigene Schwachstellen. "Diese Systeme sind bedroht", sagte Campion. Zudem stünden sie "unter der Kontrolle von Dritten, die mit unseren Interessen übereinstimmen können oder auch nicht".
Das ist jedoch nur ein Teil der Herausforderung. Besonders anspruchsvoll sind Fähigkeiten unter der Eisdecke. Navigation nahe des magnetischen Pols ist schwierig. Kommunikation ist eingeschränkt, und Auftauchen kann wegen der geschlossenen Eisdecke über lange Zeit unmöglich sein, so Codrean.
"In der Arktis kommt man in 24 Stunden nicht sehr weit", sagte sie.
Systeme, die anderswo als weitreichend gelten, reichen in der Arktis oft nicht aus. Häufig müssen Drohnen zur Oberfläche zurückkehren oder an Empfangspunkten vorbeifahren, um Daten zu übertragen.
"Wenn das Gerät nicht sehr weit fliegen kann und alle zwei Tage aufgeladen werden muss, dann muss man es zurückrufen", sagte Codrean. "Und wohin soll man es zurückrufen, wenn um einen herum nur Eis ist? Wenn man es zum Ausgangspunkt zurückrufen muss, kann es nicht so weit fahren."
Neue Plattformen wie autonome Unterwasserfahrzeuge, die mit Wasserstoff-Brennstoffzellen betrieben werden, könnten wochen- oder sogar monatelang unter dem Eis operieren. Diese Technologien stehen aber noch am Anfang.
Gerade unter dem Eis werden neue Fähigkeiten wohl am dringendsten gebraucht, sagt Codrean. Denn neue Kabelprojekte erfordern zuerst eine grundlegende Kartierung des Meeresbodens.
"Die Zukunft der arktischen Sicherheit wird unter Wasser entschieden werden, nicht in der Luft oder auf dem Eis", sagte sie Euronews. Europäische strategische Autonomie entstehe, so Codrean, "nicht allein durch Diplomatie, sondern durch anhaltende Unterwasserfähigkeiten".
Es gibt Hinweise, dass europäische Regierungen die Arktis inzwischen strategischer betrachten. Frankreich veröffentlichte im vergangenen Jahr eine Verteidigungsstrategie für die Arktis. Sie spiegelt die wachsende Erkenntnis, dass die Region langfristig militärische und wirtschaftliche Vorteile bietet.
Das wird jedoch schwierige Entscheidungen erzwingen.
"Die brutale Realität ist, dass dies erhebliche Investitionen erfordert", sagte Heron. "Das wird natürlich Mittel aus anderen Bereichen abziehen, mit denen die NATO-Öffentlichkeit möglicherweise nicht zufrieden ist."