Wenn Warschau nicht gegensteuert, könnte Polens Schuldenquote laut EU-Kommission bis 2036 auf 107% des BIP steigen – und das Land in zehn Jahren in die EU-Spitzengruppe der Schuldner bringen. Anders als in vielen Staaten liegt der Haupttreiber nicht in der Alterung, sondern woanders.
Die Europäische Kommission prognostiziert in ihrem Schuldentragfähigkeitsmonitor 2025, dass Polens Staatsverschuldung von den aktuellen Werten weiter steigen könnte. Ohne spürbare Steuerreformen und Ausgabenkürzungen könnte die Schuldenquote bis 2036 auf rund 107 % des BIP klettern. Damit würde Polen in etwa zehn Jahren zu den am höchsten verschuldeten Ländern der EU gehören, gemessen am Verhältnis von Schulden zu Bruttoinlandsprodukt.
In diesem Szenario hätten 2036 nur Italien (149 % des BIP), Frankreich (144 %), Belgien (137 %) und Spanien (108 %) eine höhere Schuldenquote als Polen. Nach Eurostat-Daten lag Polens Schuldenstand im dritten Quartal 2025 bei 58 % des BIP. Damit liegt das Land aktuell unter dem Wert von 14 anderen EU-Staaten.
Die Kommission bewertet die Lage der polnischen Staatsfinanzen in drei Zeithorizonten. Kurzfristig, also in den nächsten zwei Jahren, gelten die Risiken als begrenzt. Polen wird von den Finanzmärkten weiterhin als verlässlicher Emittent von Staatsanleihen eingestuft. Mittel- und langfristig steigen die Risiken jedoch. Grund sind vor allem das anhaltende strukturelle Defizit und höhere Kosten für die Bedienung wachsender Schulden.
Nach Schätzungen der Kommission könnte der Bruttokreditbedarf Polens bis 2036 auf bis zu 20 % des BIP steigen. Das würde die Abhängigkeit von den Finanzmärkten erhöhen und die Schuldendienstkosten weiter treiben. Auch die strukturelle Defizitquote bleibt demnach positiv. Sie beschreibt die Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben ohne Zinskosten. Bleiben Haushaltsanpassungen aus, würde das den Schuldenaufbau weiter beschleunigen.
Die Analyse berücksichtigt zudem verschiedene Stressszenarien. Verschlechtert sich das Verhältnis zwischen Wachstum und Schuldendienstkosten, läge der Schuldenstand 2036 über dem Basisszenario. Umgekehrt könnte eine Verbesserung des Primärsaldos ab 2027 die Dynamik deutlich bremsen.
Droht Polen ein "griechisches Szenario"? Experte warnt vor Schuldenspirale
Die Prognosen der Kommission zur polnischen Verschuldung sorgen für Diskussionen. Ist eine Schuldenquote von über 100 % des BIP realistisch? Andrzej Sadowski, Ökonom und Präsident des Adam-Smith-Zentrums, verweist auf ein warnendes Beispiel. Die Geschichte zeige, dass selbst EU- und Eurozonen-Mitgliedschaft nicht vor einer Schuldenkrise schütze.
"Wir haben ein direktes Beispiel unter den Ländern der Europäischen Union: den Bankrott des griechischen Staates. Er wird euphemistisch als technischer Bankrott bezeichnet, aber in Wirklichkeit ist der Staat zahlungsunfähig geworden", sagt Sadowski.
Er erinnert an einen symbolischen Moment der Griechenland-Krise: Das öffentliche Fernsehen habe wegen Geldmangels mehrere Tage lang nicht gesendet. "Weder die Mitgliedschaft in der Europäischen Union noch der Euro schützen vor den Folgen einer schlechten Regierungsführung", betont er.
Schuldenaufbau und "angezogene Bremse"
Sadowski sieht Polen seit Jahren mit schlechteren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen konfrontiert. "Auf der einen Seite haben wir eine wachsende Verschuldung und auf der anderen Seite eine immer länger angezogene Bremse für die wirtschaftliche Entwicklung", sagt er.
Als Hinweise nennt er unter anderem Ergebnisse des Index of Economic Freedom des Fraser Institute sowie Rankings zum Steuersystem und zur regulatorischen Komplexität. "Selbst in der überregulierten Europäischen Union steht Polen in Bezug auf die wirtschaftliche Freiheit praktisch an letzter Stelle", sagt Sadowski.
Er ergänzt, eine schlechtere Korruptionswahrnehmung gehe häufig mit sinkender wirtschaftlicher Freiheit einher. "Je weniger wirtschaftliche Freiheit, desto mehr Korruption. Und Korruption ist nichts anderes als eine zusätzliche Steuer", so Sadowski.
Deregulierung statt weiterer Verschuldung
Einen Ausweg sieht Sadowski nicht in höheren Staatseinnahmen durch Steuererhöhungen. Entscheidend sei eine echte Deregulierung und die Senkung der laufenden Kosten des Staates.
"Wenn die Deregulierung nicht mit einer Verringerung der Zahl der Beamten einhergeht, haben wir es mit einer Schein-Deregulierung zu tun", sagt er.
Eine tiefgreifende Deregulierung könne den Kreditbedarf des Staates spürbar senken. "Der Weg aus dieser Spirale führt über eine echte Deregulierung. Dann werden wir feststellen, dass der Kreditbedarf des Staates nicht so hoch sein muss, wie er heute ist", schlussfolgert Sadowski.
Herausforderungen für die Finanzpolitik
Ökonomen betonen, dass Polen ohne ambitioniertere Schritte zur Haushaltskonsolidierung im nächsten Jahrzehnt vor größeren Problemen stehen könnte. Steigende Schuldendienstkosten und ein anhaltendes Defizit stellen die Tragfähigkeit der aktuellen Ausgabenpolitik infrage.
Die Euronews-Redaktion bat das polnische Finanzministerium um eine Stellungnahme zum jüngsten EU-Bericht. Bis zur Veröffentlichung des Artikels lag jedoch keine Antwort auf die Fragen vor.