Polens Wohnungsmarkt boomt – auch dank deutscher Investoren. Doch steigende Preise und knapper Wohnraum sorgen für Kritik. Experten warnen vor langfristigen Folgen für die Bevölkerung.
Ein deutsches Unternehmen mischt am polnischen Wohnungsmarkt mit – in einem Ausmaß, das inzwischen auch von Experten und Politiker kritisch gesehen wird. Der Markt gilt als attraktiv: vergleichsweise niedrige Preise, weniger Regulierung und steigende Nachfrage.
Der Hamburger Konzern TAG Immobilien expandiert seit Jahren gezielt auf dem polnischen Wohnungsmarkt. Vor allem über seine polnische Tochterfirma Robyg. Inzwischen besitzt das Unternehmen nach eigenen Angaben etwa 3.500 Neubau-Mietwohnungen in Polen, zusätzlich zu rund 83.500 Wohneinheiten in Deutschland.
Mit dieser Strategie macht sich das Unternehmen derzeit allerdings keine Freunde bei den polnischen Nachbarn. Denn die Attraktivität des polnischen Wohnungsmarkts für deutsche Firmen wird zunehmend als Problem wahrgenommen.
Experte fürchtet Übernahme des polnischen Wohnungsmarktes
Kritiker in Polen warnen, dass der Einstieg ausländischer Konzerne die Immobilienpreise in die Höhe treiben könnte und Wohnraum stärker zur Kapitalanlage macht. Für viele Einheimische wird es dadurch schwieriger, bezahlbare Wohnungen zu finden.
"Während sich immer weniger Polen den Kauf einer eigenen Wohnung leisten können, wird der institutionelle Mietmarkt zunehmend von… den Deutschen übernommen", kommentiert Sebastian Meitz auf der Plattform X. Er ist Experte für Sicherheitspolitik und Staatsunternehmen am Sobieski-Institut in Warschau.
Hinzu komme ihm zufolge der mögliche Börsengang der TAG Immobilien in Warschau. Eine mögliche Notierung an der Warschauer Börse steht als Option im Raum. Ein solcher Börsengang könnte frisches Kapital generieren und die finanzielle Flexibilität für weiteres Mietwachstum erhöhen.
Den möglichen Gang an die Warschauer Börse begründet das Unternehmen damit, "die Chancen des polnischen Wohnungsmarktes weiter zu nutzen und das Wachstum zu beschleunigen", wie aus einer Mitteilung über das Geschäftsjahr 2025 hervorgeht.
"Das kommt einem bekannt vor", kommentiert Meitz. "In der Praxis bedeutet dies mehr Wohnungen in den Portfolios der Fonds und eine geringere Verfügbarkeit für Polen", sagt der Experte des Sobieski-Instituts. Billiger werde es nicht. "Dafür wird es rentabler. Für deutsche Investoren", schließt er seinen Beitrag auf X ab.
Denn der polnische Immobilienmarkt gilt als stabil. Auch 2026 dürfte er weiter wachsen. In einem Ausblick auf das Jahr 2026 der US-Consulting-Firma CBRE prognostizieren die Autoren, dass Investoren künftig nicht nur bei Gewerbeimmobilien, sondern auch den Wohnimmobilienmakrt und Vermietungen an Institutionen aktiv werden könnten.
Im Jahr 2025 hatte der Wohnimmobilienmarkt in Polen laut Statista ein Volumen von umgerechnet 2,7 Milliarden Euro (3,2 Billionen US-Dollar). Bis zum Jahr 2029 ist mit einem Wachstum von rund sechs Prozent pro Jahr zu rechnen.
Kritik an der Regierung: Förderprogramme für Polen fehlen
Politisch wächst der Druck, auf diese Entwicklung zu reagieren. Debatten über strengere Regeln für den Wohnungsmarkt nehmen zu – auch mit Blick auf den Einfluss internationaler Investoren. "Wir sehen derzeit einen völligen Mangel an Maßnahmen der Regierung im Bereich der Wohnungspolitik", sagte Piotr Uściński, Abgeordneter der Partei für Recht und Gerechtigkeit (PiS) laut der Frankfurter Rundschau. Die Zeitung berichtete zuerst.
Polen würden sich den Kauf einer Wohnung nicht mehr leisten können und es gebe keinerlei Förderprogramme, so Uściński demzufolge. Davon würden ausländische Fonds profitieren. Es gebe zu wenig Schutzmechanismen gegen eine starke Marktpräsenz internationaler Fonds, so die Kritik.
Denn gleichzeitig mit dem Trend zunehmender ausländischer Unternehmen auf dem polnischen Wohnungsmarkt verändern sich auch die Alltagsumstände der Polen und Polinnen. Noch verfügt Polen über einen hohe Eigentumsquote von etwa 87 Prozent, doch immer öfter steht weniger Kapital für den Kauf von Eigentum zur Verfügung. Die Immobilienpreise steigen 2024 um einen Spitzenwert von 18 Prozent, langfristig ist mit einer Preissteigerung ovn fünf Prozent jährlich zu rechnen. In Deutschland wohnt nach Angaben des Mieterbundes etwas mehr als die Hälfte zur Miete.
TAG Immobilien rechnet weiter mit Wachstum
Das Modell von der TAG Immobilien, "die Chancen des polnischen Wohnungsmarktes weiter zu nutzen", geht in diesem Szenario auf. In einer Prognose für das Geschäftsjahr 2026 erwartet das Unternehmen weiter wachsende Ergebnisse und Dividenden. Für Pole rechnet TAG Immobilien gemeinsam mit der Tochtergesellschaft von einem Verkaufsergebnis in Höhe von 92 bis 98 Millionen Euro.
Im August 2025 hat die TAG Immobilien in Polen einen Vertrag zum Erwerb von circa 5.300 neu gebauten Mieteinheiten unterzeichnet. Wird das Vorhaben kartellrechtlich bewilligt, plant der Konzern einen Vollzug im zweiten Quartal 2026.
Den polnischen Wohnungsentwickler Robyg hat die TAG Immobilien aus Hamburg im Jahr 2021 vollständig aufgekauft, um seinen "Wachstumskurs zum führenden Anbieter von Mietwohnungen in Polen zu beschleunigen", wie das Unternehmen selbst schreibt. Bezahlt hat das Unternehmen dafür 550 Millionen Euro. Einen Fuß in der Tür des polnischen Wohnungsmarktes hat TAG Immobilien jedoch bereits seit Ende 2019, als es den polnischen Entwickler Vantage Development übernommen hatte.