Newsletter Newsletters Events Veranstaltungen Podcasts Videos Africanews
Loader
Finden Sie uns
Werbung

EU-Agrarkommissar: Langfristige Düngerstrategie soll Engpässe verhindern

EU-Kommissar für Landwirtschaft und Ernährung Christophe Hansen im Euronews-Interview in der EU-Kommission am neunten Juni 2026.
Christophe Hansen, EU-Kommissar für Landwirtschaft und Ernährung, im Gespräch mit Euronews in der EU-Kommission am neunten Juni 2026. Copyright  Euronews
Copyright Euronews
Von Lauren Walker & Stefan Grobe
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen
Teilen Close Button
Den Link zum Einbetten des Videos kopieren Copy to clipboard Link kopiert!

Der EU-Kommissar für Landwirtschaft und Ernährung warnte: Um drohende Versorgungsengpässe zu verhindern, braucht die EU nachhaltige Düngemittel statt nur kurzfristiger Finanzhilfen.

Ohne langfristige Lösungen zur Sicherung der Düngemittelversorgung droht der Europäischen Union nach Ansicht von Landwirtschafts- und Ernährungskommissar Christophe Hansen Nahrungsmittelknappheit. Das sagte er im Gespräch mit Euronews.

WERBUNG
WERBUNG

Hintergrund seiner Warnung ist der anhaltende Konflikt im Nahen Osten, der die Düngemittelpreise in die Höhe getrieben hat. Die EU-Kommission reagiert darauf mit einem Düngemittel-Aktionsplan. Sie will mit Finanzhilfen verhindern, dass hohe Düngemittelpreise die Ernteerträge drücken und die Lebensmittelproduktion sinkt.

Hansen betont jedoch, dass Europa über Soforthilfen hinaus die strukturellen Schwächen in der Düngemittel-Lieferkette angehen muss.

„Wir müssen auch unsere Hausaufgaben machen und die Probleme so lösen, dass Düngemittel nicht nur verfügbar, sondern auch bezahlbar sind. Sonst wird es Nahrungsmittelengpässe in der Europäischen Union geben“, sagte der Kommissar in der Euronews-Sendung The Europe Conversation.

Viele Landwirte in Europa überlegen nach seinen Worten, bestimmte Kulturen gar nicht mehr anzubauen. „Es ist einfach zu teuer geworden, und sie können die Kosten nicht so leicht weitergeben, weil sie im Wettbewerb stehen.“

Der Düngemittelplan wurde im Mai vorgestellt. Hansen will an diesem Freitag die genaue Summe bekanntgeben, die zur Verfügung steht. Euronews sagte er bereits, dass „mehr als eine halbe Milliarde Euro den Haushaltsbehörden vorgeschlagen wird, um den Landwirten sofort zu helfen“.

Von diesen 500 Millionen Euro stammen 200 Millionen aus der Krisenreserve der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP), dem EU-System für Agrarsubventionen und Förderprogramme. Hinzu kommen 300 Millionen Euro an zusätzlicher Unterstützung.

Dieses Geld könnten die Mitgliedstaaten nach seinen Angaben um bis zu 200 % aufstocken. Das Budget könnte damit auf bis zu 1,5 Milliarden Euro wachsen.

Hansen, dessen Bruder und Vater Landwirte sind, erinnert daran, dass die jüngsten geopolitischen Spannungen eine bereits seit Jahren eskalierende Düngemittelkrise verschärfen. Für ihn ist das ein weiterer Beleg, dass Europa seine langfristige Widerstandskraft stärken muss.

„Die Düngemittelkrise hatte lange vor der Krise im Nahen Osten begonnen“, sagte er. Die Preise seien zwischen 2020 und 2024 infolge der Energiekrise nach Russlands Großangriff auf die Ukraine um 60 % gestiegen.

„Wir haben nun zwei aufeinanderfolgende Krisen erlebt, und solche Schocks werden wiederkommen, wenn wir keinen stabileren, verlässlicheren Produktionskreislauf und bessere Verfügbarkeit sicherstellen.“

Eigenständige Lösungen und verlässliche Partnerschaften

Nach Hansens Analyse treiben vor allem die starke Abhängigkeit Europas von importierter Energie und von Düngemittelimporten die Knappheit und die explodierenden Kosten. Die Produktion von Düngemitteln, besonders von Stickstoffdünger, hängt in hohem Maß von Erdgas ab.

„Der Hauptbestandteil chemischer Düngemittel ist Energie, und Europa ist weiterhin stark abhängig von Energie, die von außerhalb der Europäischen Union importiert wird.“

Zugleich importieren die Mitgliedstaaten zwischen 40 % und 45 % der verwendeten Düngemittel aus Drittstaaten. Das macht die Landwirte anfällig für Störungen auf den Weltmärkten und für geopolitische Schocks.

Diese Importabhängigkeit hat Folgen weit über die Landwirtschaft hinaus.

„Lebensmittel brauchen wir alle, Sie und ich, zwei- bis dreimal am Tag. Wir brauchen gutes Essen, um leistungsfähig und gesund zu bleiben. Das darf nicht vom Wohlwollen von Importen oder instabilen Partnern abhängen, die am Ende nur geringfügig billiger produzieren als wir.“

Nach Hansens Vorstellung muss Europa die eigene Produktion deutlich stärken, um Düngemittelversorgung zu sichern und die Abhängigkeit von anderen Ländern zu beenden.

Die Kommission will den Einsatz organischer Düngemittel ausweiten, die Nährstoffkreisläufe verbessern und Präzisionslandwirtschaft fördern. So soll die Abhängigkeit von importierten Ausgangsstoffen sinken.

„Durch mehr Effizienz und bessere Nährstoffnutzung lässt sich sehr viel erreichen“, sagte er.

Europa braucht nach seinen Worten jedoch auch verlässliche internationale Partnerschaften, weil einige Rohstoffe für die Düngemittelproduktion in Europa nicht verfügbar sind.

„Das ist nicht nur ein europäisches Problem, sondern ein globales Problem. Deshalb sind internationale Partnerschaften von größter Bedeutung“, sagte er und verwies auf das Treffen der G7-Agrarminister am Montag, bei dem die explodierenden Düngemittelkosten im Mittelpunkt standen.

Solche Maßnahmen verursachen zunächst Kosten, räumte Hansen ein. Mittel- und langfristig werde „das aber günstiger sein, als übermäßig abhängig zu bleiben“.

Europäische Verwundbarkeit

Hansens Aussagen fallen in eine Phase, in der die Politik in ganz Europa die breite Abhängigkeit von Importen und die anhaltende Verwundbarkeit der EU gegenüber globalen Engpässen und Preisschocks neu bewertet – Schwächen, die der Konflikt mit Iran deutlich vor Augen geführt hat.

„Diese Abhängigkeiten sehen wir in vielen anderen Bereichen, bei Halbleitern, bei medizinischen Produkten und so weiter. Das macht uns verwundbar. Dagegen müssen wir entschieden vorgehen, damit wir nicht erpressbar sind“, so der Kommissar.

„Genau das geschieht derzeit im Bereich Lebensmittel. Es gibt Nahrungsmittel-Diplomatie, es gibt Düngemittel-Diplomatie oder sogar eine Art Düngemittelkrieg – nennen Sie es, wie Sie wollen. Aber das passiert gerade, und wir müssen deutlich nachlegen.“

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen

Zum selben Thema

EU-Düngemittelplan: Brüssel kämpft gegen steigende Lebensmittelpreise

EU-Agrarkommissar: Langfristige Düngerstrategie soll Engpässe verhindern

Kommissarin Roswall: EU-Umweltpolitik muss Teil der Verteidigungsstrategie sein