Newsletter Newsletters Events Veranstaltungen Podcasts Videos Africanews
Loader
Finden Sie uns
Werbung

EU-Düngemittelplan: Brüssel kämpft gegen steigende Lebensmittelpreise

Eine Frau prüft in Essen den Preis einer Wassermelone; in Deutschland steigen die Lebensmittelpreise stark, Mai 2023.
Eine Frau prüft in Essen den Preis einer Wassermelone – inmitten hoher Lebensmittelinflation in Deutschland, Mai 2023. Copyright  AP Photo / Martin Meissner
Copyright AP Photo / Martin Meissner
Von Marta Pacheco
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare
Teilen Close Button

Die EU-Kommission will Landwirte gegen hohe Düngemittelpreise und geopolitische Risiken absichern. Doch Kritiker bemängeln: Für Verbraucher, die unter steigenden Lebensmittelpreisen leiden, bringt der Plan kaum schnelle Entlastung.

Die Europäische Kommission hat einen weitreichenden Plan für den Düngemittelsektor vorgelegt. Er soll Europas Lebensmittelpreise vor den Folgen der Energiekrise schützen. Verantwortliche in Brüssel warnen, dass starke Schwankungen auf den Düngemittelmärkten die Preise für Verbraucher in der gesamten EU direkt nach oben treiben könnten.

WERBUNG
WERBUNG

Im Zentrum des Plans steht der Versuch, die Kettenreaktion aus steigenden Gaspreisen, Düngemittelknappheit und höheren Lebensmittelkosten zu durchbrechen. Ausgelöst wurde sie durch den Konflikt im Nahen Osten und die Schließung der Straße von Hormus – einer zentralen Handelsroute, über die rund 30 Prozent der weltweiten Düngemittel und 20 Prozent der Erdgaslieferungen laufen.

Brüssel sieht Europas Ernährungssystem dadurch gefährlich anfällig für Schocks auf den fossilen Energiemärkten. Der Grund: Die Produktion von Düngemitteln, vor allem von Stickstoffdünger, ist in hohem Maß von Erdgas abhängig. Gleichzeitig liegen die Düngemittelpreise für Landwirte in der EU weiterhin deutlich über dem Vorkrisenniveau – nach einem weiteren starken Preissprung zu Beginn des Jahres 2026.

Gaspreise treiben Düngerkosten

Als Gründe für die hohe Volatilität nennt die Kommission den Krieg Russlands gegen die Ukraine, neue Handelsbeschränkungen und die Krise im Nahen Osten.

Eine ranghohe Kommissionsvertreterin betonte am 18. Mai, die Lebensmittelversorgung sei derzeit nicht gefährdet. Viele Betriebe hätten im vergangenen Jahr Düngemittel eingelagert, die Aussaat laufe wie gewohnt. Die jüngste Prognose der Europäischen Zentralbank geht jedoch davon aus, dass die Lebensmittelteuerung bis Ende 2026 leicht über dem Zielwert von zwei Prozent bleiben wird.

Preisschub könnte Verbraucher verzögert treffen

EU-Beamte warnen zudem, dass gute Ernten stark von Wetter und Klima abhängen. Für Verbraucher könnte sich ein deutlicherer Anstieg der Lebensmittelpreise innerhalb von sechs bis zwölf Monaten bemerkbar machen.

Ähnlich äußert sich die niederländische Rabobank. Sie rechnet damit, dass die Inflation bei Nahrungsmitteln die Geldbörsen der Europäer spätestens zu Weihnachten stärker belasten wird.

EU-Düngemittelproduktion: Brüssel will Ausbau

Mit Blick auf den von den USA geführten Krieg gegen den Iran verknüpft die EU-Kommission die steigenden Kosten für landwirtschaftliche Betriebsmittel ausdrücklich mit Europas Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen und Vorprodukten für Düngemittel.

Da die Herstellung von Düngemitteln stark von Erdgas abhängt, gerät auch die chemische Industrie unter Druck. Die Schwankungen auf den fossilen Märkten legen aus Sicht der Kommission eine strukturelle Schwäche der europäischen Agrar- und Ernährungswirtschaft offen.

Agrarkommissar Christophe Hansen betonte, Europa müsse mehr selbst produzieren und sich weniger auf andere verlassen, wenn es um die Nährstoffe gehe, auf denen die Landwirtschaft im Binnenmarkt beruhe.

Brüssel will Mittel aus dem EU-Haushalt mobilisieren, um Landwirte vor der nächsten Aussaat bei akut hohen Düngemittelkosten zu unterstützen. Gleichzeitig sollen die heimische Düngemittelproduktion und Alternativen wie biobasierte und recycelte Nährstoffe stärker gefördert werden.

Die Kommission prüft außerdem Maßnahmen zum Aufbau von Vorräten, gemeinsame Beschaffungsinstrumente und eine engere Kontrolle der Düngemittelpreise.

Nach dem EU-Plan sollen Landwirte Zugang zu Notfallgeldern aus dem Agrarfonds der EU sowie zu vorgezogenen Zahlungen erhalten. Im Gegenzug sollen sie stärker auf Nachhaltigkeit setzen, etwa den Einsatz synthetischer Dünger senken und biobasierte Düngemittel häufiger nutzen.

Vertreter der Landwirtschaft kritisieren jedoch, dass dem Plan dringend benötigte Finanzmittel fehlen.

Peter Meedendorp, Präsident des Europäischen Rats der Junglandwirte CEJA, sagte, die junge Generation auf den Höfen sei bereit, zur Widerstandsfähigkeit der europäischen Landwirtschaft beizutragen. Der Sektor könne steigende Betriebskosten, geopolitische Schocks und hohe Investitionsanforderungen aber nicht allein schultern.

"Die Diagnose wird immer klarer. Was die Landwirte erwarten, sind konkrete Instrumente, konkrete Finanzierung und konkrete Ergebnisse", betonte Meedendorp.

Der Branchenverband Copa Cogeca bezeichnete den Plan der Kommission als "tiefe Enttäuschung" und bemängelte, dass eine echte Antwort auf die Herausforderungen der Betriebe ausbleibe.

In einer Erklärung von Copa Cogeca heißt es: "Bleiben die Preise für die wichtigsten Düngemittelkategorien in den kommenden Wochen und Monaten auf dem aktuellen Niveau, wird aus der landwirtschaftlichen Krise rasch eine Lebensmittelinflation für die europäischen Verbraucher und eine weltweite Ernährungskrise."

Finanzielle Entlastung für Landwirte

Agrarkommissar Hansen verwies darauf, dass in der Krisenreserve des wichtigsten EU-Agrarfonds noch rund 200 Millionen Euro verfügbar seien. Er wolle diesen Betrag mindestens verdoppeln, um die Betriebe zu stützen.

Die Kommission werde zudem gezielte "außergewöhnliche Unterstützung" für die am stärksten betroffenen Landwirte bereitstellen, sagte Hansen am Dienstag. Weitere Mittel aus dem EU-Haushalt sollen die Agrarforschung stärken.

Zugleich machte Hansen deutlich, dass die genaue Summe noch verhandelt wird. Politische Gespräche zwischen den Mitgesetzgebern, also dem Europäischen Parlament und dem Rat, laufen bereits.

"Ziel ist ein konkretes Finanzinstrument noch vor dem Sommer, wenn die Bauern entscheiden müssen, welche Kulturen sie in der nächsten Saison anbauen", sagte Hansen.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare

Zum selben Thema

Geleakt: EU will CO2-Steuer in Agrarsubventionen für Düngemittel umwandeln

EU-Düngemittelplan: Brüssel kämpft gegen steigende Lebensmittelpreise

Exklusiv: Ungarn offen für Sanktionen gegen Russlands Patriarch Kirill