Europäische Ermittler haben einen illegalen Export von 4.200 Tonnen Textilabfällen aus Italien in die Türkei aufgedeckt. Das mutmaßliche Betrugsnetz soll Umweltauflagen und hohe Recyclingkosten umgangen und Millionen verdient haben.
Europäische Betrugsermittler haben geholfen, ein groß angelegtes System aufzudecken, über das 4.200 Tonnen Textilabfälle illegal von Italien in die Türkei exportiert wurden. Die Behörden sprechen von einem lukrativen Geschäftsmodell, das Umweltauflagen und Recyclingkosten umgehen sollte.
Die Ermittlungen leitete das Europäische Amt für Betrugsbekämpfung (OLAF) in Zusammenarbeit mit den Carabinieri, der italienischen Gendarmerie, und den türkischen Zollbehörden. Im Fokus standen Textilabfälle mit hohem Anteil an Acrylfasern.
Diese synthetischen Fasern verbleiben bis zu 200 Jahre in der Umwelt und lassen sich nur mit aufwendigen Verfahren recyceln. Deshalb gelten für ihre Entsorgung strenge und teure Regeln.
Die Ermittler stellten fest, dass die Lieferungen offenbar falsch deklariert wurden, um diese Vorgaben zu umgehen.
"Solche Modelle, die es erlauben, die Kosten für das Recycling bestimmter Arten von Textilabfällen oder die Einhaltung von Umweltauflagen illegal zu umgehen, bieten organisierten Netzwerken die Chance auf hohe illegale Gewinne", sagte OLAF-Generaldirektor Petr Klement.
Klement sieht den Fall als Beleg dafür, wie wichtig internationale Zusammenarbeit im Kampf gegen Umweltkriminalität geworden ist – und für den Schutz von Wirtschaft und Umwelt.
Mithilfe von Handelsflussanalysen, Zolldaten und Einschätzungen zur Recyclingkapazität identifizierte OLAF verdächtige Sendungen und informierte die türkischen Behörden. Kontrollen nach Ankunft brachten rund 4.200 Tonnen Textilabfälle ans Licht, die illegal aus Italien verschifft worden waren.
Kleidung wird zunehmend zur Wegwerfware. Das setzt die Sammel-, Sortier- und Recyclingsysteme in Europa immer stärker unter Druck. Ein großer Teil der aussortierten Kleidung landet am Ende auf Deponien oder in Verbrennungsanlagen – in Europa ebenso wie in Ländern des Globalen Südens, die Altkleiderimporte erhalten.
Ermittlungen weiten sich aus
Die Ermittlungen vertieften sich bei einer gemeinsamen Kontrolle in der Türkei, an der OLAF-Beamte, italienische Umweltexperten und türkische Behördenvertreter teilnahmen.
Zusätzlich zu der ursprünglichen Ladung von 4.200 Tonnen fanden die Kontrolleure fast 2.100 Tonnen Textilabfälle in einem Lagerhaus. Dieses stand im Zusammenhang mit einer Recyclinganlage, die nach Angaben der Behörden die türkischen Umweltgesetze nicht einhielt. Außerdem stießen sie auf ein weiteres, separat angeliefertes Lager.
Doch damit war das Ausmaß der illegalen Abfallberge noch nicht erreicht.
"Weitere 768 Tonnen Textilabfälle aus Italien, die mit demselben Betrugssystem in Verbindung stehen, wurden im türkischen Hafen Mersin entdeckt. Sie waren ebenfalls falsch deklariert und zur illegalen Entsorgung bestimmt", heißt es in der Mitteilung von OLAF.
Die Aktion hatte auch in Italien spürbare Folgen für die Strafverfolgung.
In dieser Woche durchsuchten die Carabinieri nach OLAF-Angaben einen Gewerbekomplex in Brescia, der mit den mutmaßlichen Exporten in Verbindung steht. Die Behörden beschlagnahmten Betriebsanlagen, einen Fuhrpark von Lastwagen, die angeblich für die Transporte genutzt wurden, sowie Finanzvermögen in Höhe von rund zwölf Millionen Euro.
Textilabfälle in der EU
Die europäische Textil- und Bekleidungsbranche erzielte im Jahr 2023 einen Umsatz von 170 Milliarden Euro und beschäftigt rund 1,3 Millionen Menschen. Trotzdem bleibt das Recycling von Textilabfällen schwierig und teuer.
Im Jahr 2019 fielen in Europa schätzungsweise 12,6 Millionen Tonnen Textilabfälle an. Nur etwa ein Fünftel davon wurde getrennt gesammelt, um es wiederzuverwenden oder zu recyceln.
Als Reaktion darauf führte die Europäische Kommission im Jahr 2025 neue Regeln für den Umgang mit Textilabfällen ein. Sie sollen verhindern, dass Abfälle fälschlich als wiederverwendbare Ware deklariert und ins Ausland exportiert werden.
Die Vorschriften verschärfen die Kontrolle von Textillieferungen und stärken die Rolle von OLAF bei der Unterstützung von Ermittlungen gegen illegalen Abfallhandel.
Um die Kommission zu weitergehenden Schritten zu drängen, hat jüngst eine von Frankreich angeführte Koalition aus fünf EU-Mitgliedstaaten eine koordinierte Offensive gegen Ultra-Fast-Fashion gestartet.
In einem Euronews vorliegenden Papier warnt die Ländergruppe, das rasant wachsende Geschäftsmodell gefährde Umweltziele, überfordere Entsorgungssysteme und befeuere einen nicht nachhaltigen Konsumstil.
"Die Aufsicht und Kontrolle über Online-Plattformen stärken, die Marktüberwachung ausbauen und Vollzugslücken im Kreislaufwirtschaftsgesetz und in der Marktüberwachungsverordnung schließen", fordern die fünf Regierungen. Dahinter steht die Sorge über die Flut an Ultra-Fast-Fashion, die aus chinesischen Plattformen wie Shein und Temu nach Europa kommt.
Weitere Forderungen an die Kommission betreffen "zusätzliche Leistungsanforderungen" im Rahmen der EU-Vorschriften zu Textilabfällen. Sie sollen den Übergang zu einem geschlossenen Recyclingsystem fördern und Systeme der erweiterten Herstellerverantwortung stärken.
Die fünf Staaten argumentieren, diese Geschäftsmodelle trieben den Überkonsum voran und erzeugten gewaltige Mengen an Textilabfällen.
"In diesem Bereich sind wir relativ weit und freuen uns, unsere Erfahrungen zu teilen – und aufzuzeigen, wie Europa auch hier gemeinsam vorankommen kann", sagte die französische Ministerin für den ökologischen Wandel, Monique Barbut, am Rande eines Treffens der Umweltminister vergangene Woche.