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NATO-Ostflanke: Wie sich Litauen auf die Bedrohung durch Russland vorbereitet

Litauische Streitkräfte
Litauische Streitkräfte Copyright  provided by the Lithuanian Armed Forces
Copyright provided by the Lithuanian Armed Forces
Von Johanna Urbancik
Zuerst veröffentlicht am
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Litauens Generalstabschef Premeneckas erklärt im Euronews-Interview, warum militärische Abschreckung für sein Land der beste Schutz vor Russland ist.

Der Boden bebt: Leopard-Panzer feuern auf ihre Ziele, Drohnen schwirren über den Übungsplatz, Tiger-Kampfhubschrauber donnern in geringer Höhe vorbei. Weniger als eine Autostunde von Vilnius entfernt üben fast 3.000 Soldaten die Verteidigung Litauens gegen einen möglichen russischen Angriff.

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Rund sechs Wochen lang haben knapp 2.900 NATO-Soldaten, darunter etwa 2.300 Angehörige der Bundeswehr, im Rahmen der Übung "Freedom Shield I" die Verteidigung der NATO-Ostflanke trainiert. Seit dem russischen Großangriff auf die Ukraine wächst in Europa die Sorge vor einem möglichen Angriff Russlands auf NATO-Gebiet.

Staats- und Regierungschefs des Bündnisses sowie westliche Nachrichtendienste warnen immer wieder, Moskau könne seine militärischen Fähigkeiten in den kommenden Jahren wiederaufbauen. Das erhöht den Druck, die Ostflanke der Allianz weiter zu stärken.

Ein Panzer bei der Übung „Freedom Shield“, 22.06.2026
Ein Panzer bei der Übung „Freedom Shield“, 22.06.2026 Johanna Urbancik/ Euronews

Abschreckung stärken

Im Gespräch mit Euronews betont der Chef des litauischen Generalstabs und stellvertretende Verteidigungschef, Konteradmiral Giedrius Premeneckas: "Wir können kein konkretes Datum oder eine bestimmte Zahl von Jahren nennen und dann mit einem russischen Angriff auf Litauen, die baltischen Staaten oder die NATO rechnen."

Gleichzeitig beobachte das litauische Militär jedoch deutlich, wie Russland seine Streitkräfte wieder aufbaue. Wie schnell dieser Wiederaufbau voranschreite, hänge maßgeblich vom Ausgang des Krieges gegen die Ukraine ab. "Deshalb müssen wir jederzeit bereit sein", sagt Premeneckas. Dafür brauche es höhere Verteidigungsausgaben, eine bessere Interoperabilität und Investitionen in Feuerkraft. "Mit diesen Mitteln können unsere Staaten glaubwürdig abschrecken", so Premeneckas. "Russland greift kein Land an, das vorbereitet und stark ist."

Moskau suche "immer nach Schwachstellen, nach den schwachen Teilen des Bündnisses". Sicherheit entstehe durch den konsequenten Ausbau militärischer Fähigkeiten und dadurch, "dass wir diese Bedrohung ernst nehmen".

Chef des litauischen Generalstabs und stellvertretender Verteidigungschef, Konteradmiral Giedrius Premeneckas
Chef des litauischen Generalstabs und stellvertretender Verteidigungschef, Konteradmiral Giedrius Premeneckas Provided by the Lithuanian Armed Forces

Um dieser Bedrohung entgegenzuwirken, stationiert Deutschland erstmals dauerhaft eine Panzerbrigade in Litauen – nahe der Grenze zu Belarus. Im Juni 2023 erklärte Verteidigungsminister Boris Pistorius: "Deutschland ist bereit, eine robuste Brigade dauerhaft in Litauen zu stationieren."

Die Brigade "Litauen" soll künftig rund 5.000 Angehörige umfassen, darunter etwa 4.800 Soldaten. Bei einem Besuch in Pabradė während der Übung "Freedom Shield", bei der deutsche Truppen gemeinsam mit den litauischen Streitkräften und einem multinationalen NATO-Gefechtsverband trainierten, bekräftigte Pistorius, dass der Aufbau der Brigade nach Plan verläuft.

Bis Ende 2027 soll sie ihre volle Einsatzbereitschaft erreichen. Für die dauerhafte Stationierung sind bislang zwei Bataillone vorgesehen: das Panzerbataillon 203 aus Augustdorf in Nordrhein-Westfalen sowie das Panzergrenadierbataillon 122 aus Oberviechtach in Bayern.

Ein herzlicher Empfang

Der Großteil der Soldaten soll künftig in Rūdninkai stationiert werden, rund 40 Kilometer südlich von Vilnius. Der Standort ist aus militärischer Sicht von besonderer Bedeutung: Er liegt in der Nähe der polnischen Grenze und der sogenannten Suwałki-Lücke – einem rund 65 Kilometer langen Korridor zwischen Belarus und der russischen Exklave Königsberg (russisch Kaliningrad).

Militärplaner betrachten dieses Gebiet seit Langem als eine der verwundbarsten Regionen der NATO. Zudem befindet sich das Trainingsgelände nur rund 15 Kilometer von der belarussischen Grenze und dem Übungsplatz Hozhsky entfernt. Neben Pistorius betont auch der litauische Verteidigungsminister Robertas Kaunas immer wieder die Bedeutung der deutschen Truppen in Litauen – eine Einschätzung, die Konteradmiral Premeneckas teilt.

"In Litauen wird die Stationierung der deutschen Truppen durchweg positiv wahrgenommen", sagt er. Viele Soldaten der Bundeswehr hätten ihm von freundlichen und offenen Reaktionen auf ihre Anwesenheit berichtet. Auch Euronews sprach mit mehreren deutschen Soldaten, die angaben, sich von den Menschen in Litauen herzlich aufgenommen zu fühlen. Diese persönlichen Eindrücke lassen sich allerdings nicht ohne Weiteres auf die gesamte Bevölkerung, sowie die Soldaten, übertragen.

Premeneckas ist dennoch überzeugt, dass die deutsche Präsenz vielen Menschen Sicherheit vermittelt: "Die Menschen sind Deutschland und der Bundeswehr eindeutig dankbar, dass ein so großer Verband dauerhaft nach Litauen verlegt wird. Das gibt ihnen ein Gefühl von Sicherheit – das Gefühl, Teil des stärksten Verteidigungsbündnisses zu sein, zu einer großen Familie zu gehören und in dieser schwierigen geopolitischen Lage nicht vergessen zu werden."

Premeneckas und General Christoph Huber
Premeneckas und General Christoph Huber Provided by the Lithuanian Armed Forces

Eine von Besatzung geprägte Nation

Im 20. Jahrhundert, noch bevor Litauen seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion zurückerlangte, war das Land sowohl von Nazi-Deutschland als auch von der Sowjetunion besetzt. Einige Litauerinnen und Litauer sahen den Einmarsch der deutschen Wehrmacht zunächst als Befreiung von der ersten sowjetischen Besatzung. Diese Hoffnung zerschlug sich jedoch schnell: Die nationalsozialistische Herrschaft war geprägt von Terror, Zwangsarbeit und dem Holocaust. Zwischen 90 und 95 Prozent der jüdischen Bevölkerung Litauens wurden ermordet – einer der höchsten Anteile in Europa. Bis heute prägt aber dennoch vor allem die Erfahrung der sowjetischen Besatzung das litauische Sicherheitsverständnis.

Nach dem Molotow-Ribbentrop-Pakt annektierte die Sowjetunion Litauen 1940. Es folgten zwei Phasen sowjetischer Herrschaft: zunächst von 1940 bis 1941 und erneut von 1944 bis zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit im Jahr 1990. Auf einer Pressekonferenz im Jahr 2005 bestritt der russische Präsident Wladimir Putin, dass die baltischen Staaten jemals von der Sowjetunion besetzt worden seien. „1939 hat Deutschland sie an uns zurückgegeben, und diese Gebiete sind der Sowjetunion beigetreten. […] Wir konnten sie gar nicht besetzen, denn sie gehörten bereits zur UdSSR“, erklärte Putin.

Nach Angaben des Genozid- und Widerstandsforschungszentrums Litauens war zwischen 1940 und 1958 etwa jeder dritte Bürger direkt von sowjetischer Repression betroffen. Zehntausende wurden hingerichtet oder kamen ums Leben, darunter rund 20.000 antisowjetische Partisanen. Mehr als 130.000 Zivilisten wurden in Arbeitslager und entlegene Siedlungen in Sibirien und der Arktis verschleppt. Dort starben rund 28.000 Menschen – viele von ihnen Kinder und ältere Menschen. Hunderttausende flohen in den folgenden Jahrzehnten aus dem Land. Selbst als Litauen seine Unabhängigkeit wiederherstellen wollte, blieb die Gewalt: Am 13. Januar 1991 töteten sowjetische Truppen 14 Zivilisten bei einem Angriff auf unbewaffnete Demonstrierende in Vilnius.

Gegenüber Euronews räumt Konteradmiral Premeneckas ein, dass Litauen historisch ein "schwieriges Verhältnis zu Deutschland" gehabt habe. Er erinnert jedoch daran, dass Deutschland mit weiten Teilen Europas eine belastete Vergangenheit teile.

Heute sehe die Lage jedoch grundlegend anders aus: "Deutschland ist heute ein unabhängiger, demokratischer Staat, der zur Sicherheit Europas beiträgt. Russland hingegen verfolgt weiterhin imperialistische und hegemoniale Ziele und versucht, andere Territorien unter seine Kontrolle zu bringen. Das ist der entscheidende Unterschied. Historisch haben viele Länder Kolonialpolitik betrieben oder imperiale Ambitionen verfolgt. Manche haben sich verändert – andere handeln noch immer nach denselben Mustern", so Premeneckas.

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