Die Weichsel führt in Warschau so wenig Wasser wie noch nie. Am Pegel Warszawa-Bulwary wurden zuletzt nur rund 100 Zentimeter gemessen. Unser Video zeigt die Lage.
Ende August zeigt sich die Weichsel völlig verändert. Aus dem Flussbett ragen immer deutlicher Sandbänke, Steine und Teile des Grundes heraus, die Schifffahrt wird zunehmend schwieriger. Die beunruhigendsten Daten kommen aus Warschau.
An der hydrologischen Messstation Warszawa-Bulwary wurde am 29. August ein Pegelstand von 100 cm gemessen. Das ist ein neuer Negativ-Rekord für diesen Standort. Der Pegel war 2017 aus dem Prager Hafen in den Bereich der heutigen Weichselboulevards verlegt worden.
Anfang August lag der Pegel noch bei 102 cm, im September 2025 bei 104 cm. In nur gut einem Jahr hat die Weichsel in Warschau damit mehrfach neue Tiefststände an der heutigen Messstelle erreicht.
Der Rekordtiefstand bedeutet nicht, dass die Weichsel gleich versiegen wird oder Warschau unmittelbar Wasser aus den Leitungen ausgeht.
Der Pegelwert gibt an, wie hoch die Wasseroberfläche im Verhältnis zu einem festgelegten Referenzniveau liegt. Ende 2025 wurde diese Bezugshöhe für den Warschauer Pegel zudem geändert. Ein direkter Vergleich aktueller mit früheren Messwerten kann deshalb in die Irre führen.
Problem reicht weit über Warschau hinaus
Der niedrige Pegel der Weichsel ist Teil eines größeren Phänomens: einer hydrologischen Dürre, die weite Teile Polens erfasst.
Das Institut für Meteorologie und Wasserwirtschaft (IMGW) definiert hydrologische Dürre unter anderem so, dass der Abfluss über längere Zeit unter dem sogenannten mittleren langjährigen Niederwasserabfluss (SNQ) liegt. Es geht also nicht nur darum, wie der Fluss vom Ufer aus aussieht. Ein dauerhaft zu geringer Durchfluss wirkt sich auf das gesamte Gewässersystem aus.
In den vergangenen Wochen haben Warnungen vor hydrologischer Dürre weitere Abschnitte der Weichsel erfasst. Zwischen der Mündung der Przemsza und der Mündung der Raba meldete das IMGW zum Beispiel anhaltende Abflüsse unterhalb des SNQ.
Das Ausmaß zeigt sich auch an anderen Flüssen. Medien berichteten zuletzt von Hunderten hydrologischen Messstationen, an denen die Abflussmengen unter den für die vergangenen Jahrzehnte typischen Durchschnittswerten lagen.
Schifffahrt gerät zunehmend in Schwierigkeiten
Einer der sichtbarsten Folgen des Niedrigwassers ist die Lage auf den Schifffahrtswegen.
Das seichte Flussbett zwingt Schiffe dazu, ihren Tiefgang zu verringern, sorgfältig zu navigieren und Sandbänke zu umfahren. Auf dem Warschauer Abschnitt der Weichsel ist die Lage inzwischen so angespannt, dass Medien sogar von Problemen selbst für kleinere Boote berichten.
Für die Binnenschifffahrt bedeuten niedrige Wasserstände nicht nur technische Hürden. Sie schränken auch die Transportkapazitäten ein und treiben die Kosten für Unternehmen in die Höhe, die die Flüsse nutzen.
Dürre trifft auch die Wirtschaft
Die Folgen der hydrologischen Dürre reichen weit über Einschränkungen bei Ausflugsfahrten auf der Weichsel hinaus.
Niedrige Pegelstände wirken sich auf Energieversorgung, Industrie, Landwirtschaft und Wasserwirtschaft aus. Zum Problem wird nicht nur die Menge des verfügbaren Wassers, sondern auch die zunehmende Unbeständigkeit der hydrologischen Lage.
Für die Wirtschaft ist besonders schwierig, dass sich die Kapazität der europäischen Wasserstraßen in kurzer Zeit stark ändern kann: Nach Regenfällen entspannt sich die Lage oft nur vorübergehend, um sich danach wieder zu verschärfen.
Sinkt die Weichsel weiter?
Das ist derzeit eine der zentralen Fragen. Nach Angaben des IMGW wird der Wasserstand in den kommenden Tagen voraussichtlich noch weiter fallen.
Entscheidend bleiben zugleich die Niederschläge im Einzugsgebiet der Weichsel. Kurzzeitiger Regen kann den Pegel anheben, doch einzelne Schauer beenden eine lang anhaltende hydrologische Dürre meist nicht. Für eine nachhaltige Entspannung wären ergiebigere und regelmäßige Niederschläge nötig, die einen großen Teil des Einzugsgebiets erfassen.
Selbst wenn der Pegel in den nächsten Tagen etwas steigt, wäre das daher noch kein automatisches Signal für das Ende der Probleme.
Weichsel wird zum Warnsignal
Der Rekordniedrigstand der Weichsel ist vor allem ein Warnsignal. Er macht deutlich, wie stark Polens Flüsse von der Witterung abhängen und wie rasch ein länger andauerndes Niederschlagsdefizit die hydrologische Situation verändern kann.
In Warschau fällt der Unterschied besonders ins Auge, denn die Weichsel prägt das Stadtbild. Sinkt der Pegel auf etwa 100 cm, verändert sich nicht nur das Erscheinungsbild des Flusses. Es ändern sich auch die Bedingungen für die Schifffahrt, die Funktionsweise der Ökosysteme und der Umgang mit der Ressource Wasser.
Der Rekordniedrigstand der Weichsel ist eines der immer deutlicheren Zeichen des Klimawandels. Er erhöht das Risiko lang anhaltender Dürreperioden.
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