Kroatien hat den Euro eingeführt: Was ändert sich?

Von Fanny Gauret
Kroatien hat den Euro eingeführt: Was ändert sich?
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Seit dem 1. Januar 2023 ist Kroatien das 20. Land, das zur Eurozone gehört. Vier Millionen Kroaten haben die alte Landeswährung Kuna mit dem Euro ersetzt. Mit der gemeinsamen europäischen Währung hofft das Land auf eine stärkere und stabilere Wirtschaft und will den Lebensstandard seiner Einwohner verbessern.

"Auf der 1-Euro-Münze ist der Kuna, ein Marder, abgebildet. So hieß die alte Währung in Kroatien. Wir sind von der Kuna auf den Euro umgestiegen, aber wir haben die Kuna immer noch auf einer der Münzen, das ist schön für die Menschen."
Boris Vujčić
Notenbankchef der kroatischen Zentralbank

Zusammen mit der Präsidentin des kroatischen Verbraucherschutzverbandes Ana Knežević ging die euronews-Reporterin Fanny Gauret über den Zagreber Markt, um die Meinung der Leute zur neuen Währung zu hören. 

"Mich freut der Wechsel, es ist etwas Neues", sagt eine Frau. _"_Die Preise sind nicht explodiert, vielleicht ein paar Cents, aber mehr nicht", meint ein Mann. Ein weiterer sagt: _"__Die Preise sind ein bisschen zu hoch. Ich habe kein Problem damit, sie neu zu berechnen. Man muss nur Geld haben!"_Eine Marktfrau ist enttäuscht: _"_Wir sind unzufrieden und trauern der Kuna hinterher. Ein Land, das keine eigene Währung hat, ist für mich kein Land."

45% der Kroaten hatten bereits ein Konto in Euro für die wichtigsten Ausgaben, aber alle müssen sich an die neue Währung für die täglichen Einkäufe gewöhnen. 

"Für die alten Leute ist die Umrechnung schwierig, wenn die Preise in Euro sind", meint Ana Knežević. "Die Preise haben sich verdoppelt, also ist es sehr einfach zu vergleichen."

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Die Präsidentin des kroatischen Verbraucherschutzverbandes Ana Kneževićeuronews

Auch wenn manche an der Kuna hängen, sind laut Eurobarometer 55 % der Kroaten für die Einführung des Euro, aber mehr als 80 % von ihnen befürchten einen Preisanstieg. 

"Die Kaffee- und Brot-Preise sind höher als vor dem Jahreswechsel", die Verbaucherschutzpräsidentin ist besorgt über die steigenden Lebenshaltungskosten, vor allem für die Schwächsten:

"Die Menschen haben nicht viel Geld zum Ausgeben, Lebensmittel sind sehr teuer, Heizung und Strom ebenfalls, so dass der Alltag sehr schwierig ist. Kroatien ist ein kleines Land, die Renten sind nicht hoch, es ist hart."

Wie bewältigt Kroatien die Umstellung auf den Euro?

Alle Produkte und Dienstleistungen in Kroatien werden jetzt in Euro gekauft und verkauft. Der Umrechnungskurs von der alten Kuna zum neuen Euro ist festgelegt: 1 Euro entspricht 7,53 Kuna. Kuna-Münzen und -Scheine können in kroatischen Banken gebührenfrei gewechselt werden. Unternehmen müssen die Preise bis Ende 2023 in beiden Währungen ausweisen. Ziel ist es, den Übergang transparenter zu gestalten. Es gibt Befürchtungen, dass niedrigpreisige Waren teurer werden könnten. Verbraucherschützer werden auf Preismanipulationen achten.

Vorteile für die Wirtschaft

Die Umstellung auf den Euro und der Beitritt zum Schengenraum stellen einen erheblichen Vorteil für Sektoren wie den Tourismus dar, der 24 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmacht, aber auch für die verarbeitende Industrie (12,1 % des BIP), einen wichtigen Exportsektor der kroatischen Wirtschaft.

Die Končar-Gruppe ist in den Bereichen Energie, Infrastruktur und elektrische Schienenfahrzeuge tätig. Das Unternehmen exportiert mehr als 60 % seiner Produktion, davon 70 % in die Länder der Eurozone. 

"Zurückblickend auf die vergangenen 21 Jahre, in denen wir unsere Währung, die Kuna, an den Euro gekoppelt haben, werden die Veränderungen nicht gewaltig sein, die Geschäftstätigkeit wird einfacher werden, weil unsere Kunden unsere Angebote leichter verstehen", so Končar-Geschäftsführer Gordan Kolak. _"_Für uns sind Bereiche wie Produktivität, die Modernisierung der Produktion oder die Digitalisierung viel wichtiger als der Euro als Währung."

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Končar-Geschäftsführer Gordan Kolakeuronews

2020 wurde für die Ausfuhr von Waren in mehr als 70 % der Fälle der Euro verwendet, nur 16 % der Waren wurden in US-Dollar gehandelt.

Was hält der kroatische Notenbankchef von der Umstellung auf den Euro?

Das kroatische BIP ist 2022 um 6 % gewachsen, aber die Prognosen für 2023 liegen bei nur 1 %, was teilweise auf die hohe Inflation zurückzuführen ist. Der Notenbankchef der kroatischen Zentralbank Boris Vujčić erklärt im Interview, was er von der Umstellung auf den Euro hält.

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Boris Vujčić, Notenbankchef der kroatischen Zentralbankeuronews

Boris Vujčić, Notenbankchef der kroatischen Zentralbank: Ich bin froh, dass wir ein Projekt abgeschlossen haben, das wir vor fünf Jahren begonnen haben. Das wird der Wirtschaft mehr Widerstandskraft verleihen. Die Umstellung wird die Attraktivität der kroatischen Wirtschaft für ausländische Direktinvestitionen erhöhen. Die Transaktionskosten werden niedriger sein. Das ist auch deshalb wichtig, weil wir ein Tourismusland sind, 70 % unserer Touristen kommen aus den Ländern der Eurozone. In vielerlei Hinsicht ist das also eine gute Sache für Kroatien. 

Euronews: Ist es angesichts der aktuellen Inflation in der Eurozone ein guter Zeitpunkt, zum Euro zu wechseln?

**Boris Vujčić:**Auf jeden Fall. Wenn wir früher hätten umstellen können, wäre es besser gewesen. Für eine kleine, offene Volkswirtschaft wie Kroatien ist es besonders wichtig, in Zeiten der Krise in der Eurozone zu sein. Einige unserer Nachbarn, die zwar Mitglieder der Europäischen Union, aber nicht der Eurozone sind, standen in diesem Jahr nach der Aggression gegen die Ukraine auf dem Devisenmarkt unter erheblichem Druck. Schaut man auf die Kreditkosten, so liegen diese für Unternehmen zwischen 8 und 11 % und für private Haushalte zwischen 6 und 9 %. Da es in Kroatien keinen Druck auf den Devisenmarkt gab, mussten wir auch nicht mit einem Anstieg der Zinssätze reagieren, wie es in diesen Ländern der Fall war. Im Moment sehen wir also schon die Vorteile, weil die Märkte eingepreist haben, dass wir zu Beginn dieses Jahres in die Eurozone aufgenommen wurden. 

Euronews: Was passiert, wenn Sie die Möglichkeit aufgeben, eigene Zinssätze festzulegen?

**Boris Vujčić:**Im Grunde war der Anker unserer Geldpolitik die Bindung des Wechselkurses an den Euro, und das war in den vergangenen 30 Jahren der Fall. Zuerst an die D-Mark und dann an den Euro. Wenn man seinen Wechselkurs an den Euro koppelt und einen freien Kapitalfluss hat, kann man keine wirklich unabhängige Zinspolitik betreiben. Es geht also darum, etwas zu verlieren, was wir gar nicht hatten. 

Euronews: Was sind die Herausforderungen, wenn es darum geht, große Geldmengen in die kroatische Wirtschaft zu bringen, wie zum Beispiel in den Immobilienmarkt?

**Boris Vujčić:**Wir sehen keine Probleme in Bezug auf eine Überhitzung der Wirtschaft. Wir beobachten, wie Sie richtig sagen, dass der Immobilienmarkt heiß ist, die Preise steigen jetzt an. Ich denke, dass wir in diesem Jahr, wenn die Zinssätze steigen, eine Abkühlung des Immobiliensektors erleben werden. Was sich jedoch nicht ändern wird, ist die Auslandsnachfrage, die voraussichtlich sogar noch zunehmen wird. Derzeit kommen etwa 20 % der Immobilienkäufe aus dem Ausland, wir werden noch attraktiver werden. 

Euronews: Abschließend die Frage: Welche Herausforderungen stehen bevor?

Boris Vujčić: Die Umstellung ist kein Zauber, der unsere bestehenden strukturellen wirtschaftlichen Probleme lösen wird. Wir müssen uns jetzt auf Strukturreformen konzentrieren, die wir noch durchführen müssen, und zwar mit Hilfe eines besseren wirtschaftlichen Umfelds, das durch den Euro-Beitritt und den Schengenraum geschaffen wurde.

Weitere Quellen • Produzentin/Autorin/Reporterin: Fanny Gauret; Video-Editor: Nicolas Coquet; Produktion: Louise Lehec; Kamerateam: Mathieu Rocher; Ton: Filip Ledinšćak; NEWIC https://www.agence-newic.com/