China und die USA stecken Milliarden in selbstfahrende Autos, Europa zaudert noch und sucht weiter nach einer gemeinsamen Strategie.
Ein autonomer Shuttlebus, der komplett in der Europäischen Union entwickelt und gebaut wurde, findet seine größten Absatzmärkte in Japan, im Nahen Osten und in den Vereinigten Staaten, nicht in Europa.
Der MiCa bietet Platz für acht Fahrgäste und fährt im Selbstfahrmodus bis zu zwanzig Stunden täglich mit Geschwindigkeiten von bis zu 25 km/h. Er steht damit für ein Paradox: Europäische Spitzentechnologie setzt sich weltweit durch, nur nicht auf dem eigenen Kontinent.
Der Shuttle ist mit modernster Technik voll ausgestattet: Sensoren, LiDAR, Kameras und neuerdings verbesserte Software. Sie ermöglicht KI-gestützte dynamische Reaktionen, etwa auf Hindernisse, überholende Fahrzeuge oder Objekte an der Seite der Strecke.
„Wenn das Fahrzeug seine Umgebung versteht, erkennt es, wo die Fahrbahn verläuft, wo sich mögliche Hindernisse bewegen, wo sich der Zebrastreifen befindet und wo eine Kreuzung liegt“, erläuterte Kristjan Vilipõld, Produktmanager bei AuVe Tech OÜ, dem estnischen Unternehmen hinter dem Shuttle.
„Darauf und auf dem nächsten geplanten Halt basiert dann die Routenplanung des Systems“, fügte er hinzu.
Bei einer europäischen Premiere durften die Entwickler im vergangenen Monat erstmals Tests am Flughafen Tallinn durchführen.
Das Fahrzeug könnte Wartungsteams rund um die Uhr kostengünstig und klimafreundlich zwischen den Flugzeughangars befördern, heißt es vonseiten des Managements. Während der Tests legten die autonomen Prototypen 2.150 Kilometer zurück und transportierten 215 Passagiere über die Rollwege des Flughafens.
Das Unternehmen entstand 2018 in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Tallinn.
Zu wenig Geld und keine klare Strategie
Seine selbstfahrenden Fahrzeuge waren bislang in 17 Ländern im Einsatz, darunter mehrere europäische Staaten sowie Japan, die Vereinigten Staaten, Israel, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate.
Die ambitioniertesten Projekte laufen derzeit jedoch nicht in Europa, sondern im Nahen Osten und in Asien, vor allem in Japan.
Das Management macht vor allem fehlende staatliche Fördermittel und eine insgesamt fehlende Strategie der EU für autonome Fahrzeuge verantwortlich.
„In Japan gibt es zum Beispiel ein sehr klares Ziel: Bis 2027 sollen autonome Fahrzeuge an fünfzig bis sechzig Standorten fahren. China investiert massiv. In Europa sind wir ein wenig konservativer“, sagte Johannes Mossov, Mitglied des Vorstands von AuVe Tech.
In Japan existieren bereits Städte, in denen autonome Busse das einzige öffentliche Verkehrsmittel sind, und die Regierung unterstützt diesen Ansatz aktiv, sagte Mossov.
Die Entwickler betonen, dass die europäische Technologie für selbstfahrende Fahrzeuge bereit ist und sich im großen Maßstab einsetzen ließe. In letzter Zeit fließt jedoch zu wenig Kapital.
„Das größte Problem in Europa ist tatsächlich der Mangel an Investitionen in die Technologie, aus privatem wie aus öffentlichem Sektor, besonders im Vergleich zu dem, was in den USA oder China geschieht“, sagte Mossov.
Hinzu kommt die „regulatorische Situation“, wie die Entwickler sagen.
„Theoretisch haben wir eine Europäische Union, aber wenn es um den Bereich des autonomen Fahrens geht, haben wir in der Praxis 27 unterschiedliche Regelwerke“, erklärte Taavi Rõivas, Vorsitzender des Aufsichtsrats des Unternehmens.
„Manche Regulierungsbehörden sind sehr offen für Innovation, andere sehr vorsichtig. In einigen Ländern betreffen strenge Vorschriften nicht einmal die Autonomie selbst, sondern die Fahrzeuge an sich.“
Ohne rasche Änderungen riskiert die EU, den Anschluss zu verlieren und einer Branche die Flügel zu stutzen, die Innovation vorantreiben und Arbeitsplätze schaffen könnte, warnen die Entwickler.
Als Beispiel nennen sie ihr eigenes Unternehmen: Die Fahrzeuge werden vollständig in Estland gefertigt, einem der digitalen Zentren Europas.
Zu wenig Fahrerinnen und Fahrer in Europa
Ein Shuttle entsteht innerhalb einer Woche. Die Verantwortlichen betonen, dass die nicht ausgelagerte Produktion helfe, die Qualität zu sichern, alle Abläufe zu kontrollieren und Fertigungsrisiken zu beherrschen.
Die Lage ist dringlich, insistieren die Entwickler. Europa steuert auf einen massiven Fahrermangel zu. Autonome Shuttles könnten dieses Problem entschärfen – aber nur, wenn der Kontinent schnell handelt.
„Wir zeigen hier nicht nur schicke Technologie. Es geht um eine praktische Lösung. In Europa werden wir bald nicht mehr genug Fahrerinnen und Fahrer haben“, sagte Rõivas und verwies auf Daten, nach denen autonome Shuttles bereits heute sicherer fahren als die meisten Menschen. Japan, der Nahe Osten und die USA setzen darauf schon, Europa zögert noch.
Ohne einheitliche Regeln und zusätzliche Investitionen könnte der Vorteil des Labels „Made in Europe“ jedoch verpuffen. Die Zersplitterung zwingt Unternehmen, Ressourcen darauf zu verwenden, sich durch 27 verschiedene Regulierungssysteme zu arbeiten, statt die Technologie selbst voranzubringen.
„Der größte Teil der Investitionen muss in die Technologie fließen, nicht in die Arbeit mit den Behörden, nur um das Fahrzeug überhaupt auf die Straße zu bringen“, sagte Mossov.
Die Auswirkungen reichen weit über ein einzelnes Unternehmen hinaus: Regulierungslähmung und Finanzierungslücken könnten die EU Arbeitsplätze, Produktionskapazitäten und ihre Wettbewerbsfähigkeit in einem Markt kosten, der vor starkem Wachstum steht.
Rõivas sieht darin auch eine Frage der europäischen Souveränität: „Vielleicht könnte Europa strategische Autonomie wirklich ernst nehmen und europäische Lösungen bevorzugen. Als stolzer Europäer finde ich, wir sollten in diesem Spiel nicht zu spät dran sein.“
Diese Botschaft scheint Gehör zu finden. Bei einer jüngsten Veranstaltung des Europäischen Parlaments zu autonomen Fahrzeugen warnte die vom EU-Programm Connected and Automated Driving finanzierte Plattform, 2026 werde ein „entscheidendes Jahr“ für die Entwicklung europäischer Technologie sein – „bevor die Lücke zu den USA und China nicht mehr zu schließen ist“.