Merz reist nach China – eine Bewährungsprobe. Schafft er es, einen Draht zu Staatspräsident Xi aufzubauen? Und den Handel mit China zugunsten der deutschen Wirtschaft voranzubringen? Euronews hat die Top-Tipps eines China-Experten und Merz-Beraters eingeholt.
Bundeskanzler Friedrich Merz ist auf Staatsbesuch in China. Dabei will er vor allem eines erreichen: Ein verbesserter Handel zwischen einem starken wettbewerbsfähigen Deutschland und der wirtschaftlichen Großmacht China. Das Land feiert das Jahr des Feuerpferdes. "In China sagt man: Seine Stärke spielt ein Pferd nicht allein aus, sondern nur, indem es den Wagen gemeinsam mit anderen zieht. - Das ist ein passendes Bild", sagt Merz in einem Pressestatement noch vor seiner Abreise am 24. Februar 2026.
Doch, wie wird die Reise zu einem Erfolg? Euronews hat den China-Experten Jörg Wuttke und das Vorstandsmitglied der Deutschen Handelskammer in Nordchina, Oliver Oehms, gefragt. Wuttke war erst letzte Woche im Kanzleramt und hat Merz beraten, schließlich ist das die erste China-Reise von Merz als Bundeskanzler.
1. Empathie, Wirtschaftskompetenz und Dialogbereitschaft betonen
Das Wichtigste sei zunächst, eine menschliche Beziehung zu Xi Jinping herzustellen, so Wuttke. "Es liegen lauter schwierige Themen auf dem Tisch und um die zu besprechen, müssten wir eine gewisse Empathie haben."
Neben Empathie ist Wirtschaftskompetenz wichtig. Merz war Rechtsanwalt und hat Anfang der 2000er Jahre in Aufsichtsräten und Gremien der Privatwirtschaft gearbeitet. "Er ist ein Geschäftsmann. Das schätzen die Chinesen", sagt Wuttke.
Oliver Oehms, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Handelskammer in Nordchina, betont die Wichtigkeit der China-Reise für Deutschland: "Politische Beziehungen wirken sich unmittelbar auf den Geschäftserfolg deutscher Unternehmen in China aus. Umso wichtiger ist es, dass der Kanzler Dialogbereitschaft signalisiert und einfordert - und zugleich Themen wie fairen Wettbewerb und Marktzugang deutlich zur Sprache bringt."
Der Austausch zu diesen sensiblen Themen solle fachlich fundiert, aber mit offenem Visier erfolgen, so Oehms.
Den ersten Schritt in die richtige Richtung habe der Bundeskanzler bereits getan. "Der Wunsch unserer Mitglieder nach politisch hochrangigen Besuchen aus Deutschland wird mit der ersten China-Reise des Bundeskanzlers erfüllt. Begleitet von einer großen cross-sektoralen Wirtschaftsdelegation, die übrigens auch zahlreiche Mittelständler umfasst, setzt das aus unserer Sicht bereits vorab ein positives Signal."
2. Offensichtliche Probleme ansprechen
Laut Wuttke, sollte sich Merz nicht davor scheuen, offensichtliche Probleme anzusprechen. Nämlich das Handelsdefizit zwischen Deutschland und China.
2024 betrug das Handelsdefizit 20 Milliarden Euro und ist jetzt auf 87 Milliarden Euro gestiegen. Der Grund sei nicht nur, dass die Chinesen viel produzieren und die Deutschen billige chinesische Produkte kaufen. Das Problem sei auch der Euro-Wechselkurs, so Wuttke. Das sei der Grund, weshalb die Europäer wettbewerbsmäßig zurückgefallen sind.
"Trump hat den Euro jetzt um 15 bis 16 Prozent teurer gemacht zum US-Dollar und der chinesische Yuan ist an den US-Dollar geknüpft", so der China-Experte. Trump habe es dadurch geschafft, dass die chinesischen Exporte 15 bis 20 Prozent wettbewerbsfähiger seien, so Wuttge. Dieses Handelsdefizit müsse man ansprechen wie auch den Wechselkurs.
Auch Oehms spricht über den Exportüberschuss Chinas. Sein Appell deshalb: "Unsere Mitgliedsunternehmen erwarten, dass der Bundeskanzler das drängende Thema der Exportkontrollen deutlich adressiert", sagt Oehms. Es bestünden weiterhin erhebliche Unsicherheiten, mangelnde Transparenz und lange Bearbeitungszeiten bei der Lizenzvergabe. "Jeder Fortschritt bei den Exportkontrollen wäre eine gute Nachricht für deutsche Unternehmen", so Oehms.
3. Über Investitionen sprechen
Die deutsche Wirtschaft braucht neuen Schwung. 2025 betrugen die Importe aus China 170,6 Milliarden Euro. Der Export nach China belief sich hingegen auf magere 91,3 Milliarden Euro.
Eine der Antworten darauf könnten Investitionen chinesischer Unternehmen in Deutschland sein. Insbesondere, da zu erwarten sei, dass sich chinesische Firmen stärker globalisieren, als zuvor. Wuttke zieht eine Parallele zu Japan: "In den 80er- und 90er-Jahren sind Nissan, Honda, Sony und so weiter global gegangen, weil der eigene Markt nicht mehr so profitabel war. Ich sehe genau dasselbe auf uns zukommen", so der China-Experte.
"Die chinesischen Firmen werden stärker globalisiert als jemals. Das heißt, wir haben chinesische Lieferanten, wir haben chinesische Kunden und wir haben chinesische Konkurrenz außerhalb von China. Und deswegen sollten wir in Europa sagen: 'Dann kommt doch zu uns'." Wenn chinesische Unternehmen Arbeitsplätze schaffen, seien sie in Deutschland herzlich willkommen, so Wuttke.
Auch China kann von Investitionen in Deutschland profitieren, sagt Oehms. Das Land strebt ein qualitativ hochwertiges Wachstum an. "Genau dabei können deutsche Unternehmen Geschäftsmöglichkeiten finden. Insbesondere in Nischen heben sie sich durch Qualität, Zuverlässigkeit und Produktsicherheit von ihrem lokalen Wettbewerb ab", so Oehms zu Euronews. Die Fähigkeiten des europäischen und deutschen Marktes sollten nicht unterschätzt werden: "Als Absatzmarkt, aber auch weiterhin als Quelle von Innovation.“
Seit Jahren schwächelt Chinas Binnennachfrage. Die Folge: Chinesische Unternehmen engagieren sich verstärkt international. Europa sei dabei ein hochattraktiver Markt, auch mit Blick auf die dort zu erzielenden Margen. Außerdem besitzen deutsche Unternehmen nach wie vor fortschrittliche und innovative Technologien, die auch in China gebraucht werden. "Wir sollten uns nicht kleiner machen als wir sind“, findet Oehms.
4. Top-Arbeitskräfte ins Land holen
Zur Stärkung der deutschen Wirtschaft gehört es auch, Top-Arbeitskräfte ins Land zu holen, sagt Wuttke. Deutschland hat genau das bereits mit Indien geschafft. "Das ist eine Erfolgsgeschichte, wie viele Inder wir in unsere Volkswirtschaft integriert haben. Das kann man mit den Chinesen auch machen", sagt Wuttke.
Doch es gibt ein Problem. Wuttge hat beobachtet, wie seine erfolgreichen Nachbarn in China nach Tokio und Dubai gegangen seien. Doch keiner wollte nach Deutschland.
Deutschland müsse es schaffen, Ingenieure oder Digitalexperten aus China, in unsere Wirtschaft zu holen, so der China-Experte.
Doch chinesische Investoren und Top-Fachkräfte nach Deutschland zu bringen, sei nicht so einfach - wegen des schlechten Investitionsklimas, sagt Wuttke. Um die Chinesen nach Deutschland zu locken, müssten wir den Draghi-Report ( 2024 von Mario Draghi im Auftrag der Europäische Kommission vorgelegter Bericht zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit, Innovationskraft und strategischen Autonomie der Europäischen Union) umsetzen, so der China-Experte.
5. Was Merz auf keinen Fall tun sollte
Die Ampel-Regierung von Ex-Bundeskanzler Olaf Scholz wurde häufig dafür kritisiert, dass sie China bevormundend behandelt habe. Dementsprechend war auch das Verhältnis zu China durch Distanz geprägt.
"Oberlehrerhaft auftreten", so Wuttke, sollte Merz dringend vermeiden. Der Vorteil sei bei dieser Reise, dass für Merz weniger ideologische sondern vor allem wirtschaftliche Themen im Mittelpunkt stünden.
Wuttke lebt seit 30 Jahren in China. Seine Erkenntnis: "Den Chinesen können wir nichts beibringen. Die ändern sich nicht, da kann man, mit zwei erhobenen Zeigefingern hingehen (...) es es tut sich nichts", erklärt Wuttge. Sein abschließender Rat: "Das Sprichwort ist: "Der Mensch hat zwei Ohren und einen Mund. Besser zuhören als reden."