Werden Verstöße bestätigt, drohen Shein hohe Strafen. Die EU verschärft ihren digitalen Regelkatalog für große Tech-Konzerne.
Die Europäische Kommission hat ein förmliches Verfahren gegen den chinesischen Online-Modekonzern Shein nach dem Gesetz über digitale Dienste (Digital Services Act, DSA) eingeleitet.
In einer Mitteilung am Dienstag erklärte die Kommission, sie konzentriere sich auf drei Kernpunkte. Es geht um den Verkauf illegaler Produkte auf der Plattform von Shein – darunter Material zu sexueller Ausbeutung von Kindern wie kindlich wirkende Sexpuppen –, um suchtähnliche Designelemente, die Nutzerinnen und Nutzer auf der Seite halten sollen, sowie um mangelnde Transparenz bei den Empfehlungssystemen für Produkte.
Die Kommission prüft, ob das Unternehmen zentrale Pflichten des europäischen Grundgesetzes für Online-Inhalte verletzt hat. Die Regeln gelten für große Plattformen seit Ende 2023.
Worauf konzentriert sich die Untersuchung?
Die Untersuchung konzentriert sich auf drei Hauptbereiche.
Zunächst nimmt Brüssel suchterzeugende Gestaltungsmerkmale und den Schutz des Wohlbefindens der Nutzerinnen und Nutzer unter die Lupe. Gemeint sind Funktionen, die zu übermäßiger Nutzung anregen, etwa Belohnungssysteme mit Punkten oder anderen Anreizen.
Sehr große Online-Plattformen müssen nach dem DSA Risiken im Zusammenhang mit ihren Diensten bewerten und verringern.
Zweitens untersucht die Kommission, ob Shein ausreichende Systeme hat, um den Verkauf illegaler Produkte in der EU zu verhindern. Dazu zählt auch Inhalt, der als Material zu sexueller Ausbeutung von Kindern (CSAM) eingestuft werden kann.
Schon im November vergangenen Jahres geriet Shein ins Visier der Kommission, nachdem Berichte über kindlich wirkende Sexpuppen und andere illegale Produkte in Frankreich bekannt geworden waren.
Ein dritter Schwerpunkt betrifft die Empfehlungen von Shein für Produkte und Inhalte. Nach EU-Recht müssen Plattformen die wichtigsten Parameter ihrer Empfehlungssysteme klar erklären und mindestens eine Option anbieten, die nicht auf Profiling basiert.
Wie geht es jetzt weiter?
Die Kommission wird nun eine vertiefte Untersuchung durchführen. Sie kann weitere Auskunftsverlangen stellen, Anhörungen durchführen und die Plattform stärker überwachen.
Stellt Brüssel Verstöße fest, kann die Behörde einstweilige Maßnahmen verhängen, verbindliche Zusagen des Unternehmens akzeptieren oder einen Nichtbefolgungsbeschluss fassen, der zu hohen Geldstrafen führen kann.
Der DSA sieht keine feste Frist für den Abschluss solcher Verfahren vor.
„Der Digital Services Act schützt Käuferinnen und Käufer, stärkt ihr Wohlbefinden und gibt ihnen Informationen über die Algorithmen an die Hand, mit denen sie interagieren“, erklärte Henna Virkkunen, Exekutiv-Vizepräsidentin für technologische Souveränität, Sicherheit und Demokratie, in einer Mitteilung.
„Wir werden prüfen, ob Shein diese Regeln und seine Verantwortung einhält“, fügte sie hinzu.
Weitere Kontroversen
Die Untersuchung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Expansion des chinesischen Händlers in Europa immer mehr Kritik auslöst.
Im November vergangenen Jahres eröffnete Shein im traditionsreichen Kaufhaus BHV seinen ersten festen Store in Paris, einem der bekanntesten Warenhäuser der französischen Hauptstadt.
Der Start löste heftige Kritik aus. Eine Online-Petition gegen die Eröffnung sammelte mehr als 120 000 Unterschriften. Kinderschutz- und Umweltorganisationen kritisierten die Marke, Dutzende Demonstrierende versammelten sich vor dem Geschäft.
Shein wurde 2012 in China gegründet und hat seinen Hauptsitz inzwischen in Singapur. Das Unternehmen ist in kurzer Zeit zu einem globalen Schwergewicht der Fast-Fashion-Branche geworden.
Der Händler verkauft überwiegend in China gefertigte Kleidung und Produkte zu Niedrigpreisen. Kritikerinnen und Kritiker werfen dem Unternehmen vor, dass seine Lieferketten von Zwangsarbeit belastet sein könnten, unter anderem aus der westchinesischen Region Xinjiang, wo Menschenrechtsorganisationen von schweren Übergriffen der Behörden auf Angehörige der ethnischen Minderheit der Uigurinnen und Uiguren und andere muslimische Gruppen berichten.
Euronews Next bat Shein um eine Stellungnahme, erhielt bis zur Veröffentlichung jedoch keine Antwort.