Starkes El Niño-Jahr bedroht Ernährung, Energieversorgung, Wirtschaft, Ökosysteme und die Gesundheit von Millionen Menschen.
Klimaforscherinnen und Klimaforscher warnen: El Niño hat offiziell begonnen. Die Welt stellt sich auf ein Jahr mit extremem, regelrecht aufgeladenem Wetter ein.
Das natürliche Phänomen tritt unregelmäßig alle zwei bis sieben Jahre auf. Es entsteht, wenn sich die Meeresoberflächentemperaturen im östlichen Pazifik ungewöhnlich stark erwärmen.
Dadurch steigen die globalen Temperaturen und extreme Wetterereignisse nehmen zu. Das letzte El Niño zog sich von Mai 2023 bis März 2024 hin und trug zu Rekordhitze bei, die weltweit eine Reihe tödlicher Hitzewellen, Waldbrände und Überschwemmungen befeuerte.
Für 2026 sagen Meteorologinnen und Meteorologen bereits eines der wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen voraus. Die jüngste Saisonprognose des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage (ECMWF) warnt, dass für Sommer und frühen Herbst mit hoher Wahrscheinlichkeit überdurchschnittliche Temperaturen zu erwarten sind.
Europa hat bereits eine tödliche Hitzewelle im Mai erlebt. Vorhersagen gehen davon aus, dass Temperaturen von 40 °C und „tropische Nächte“ in den kommenden Tagen im Mittelmeerraum wahrscheinlich sind.
Doch El Niño, Spanisch für „der Junge“, verändert nicht nur die Temperaturen.
Fachleute am IHE Delft Institute for Water Education in den Niederlanden warnen, dass das Klimaphänomen schwere Folgewirkungen haben kann und Dürren, Ernährungsunsicherheit und sogar Stromknappheit auslöst.
El Niño: Auswirkungen auf saubere Energie
Bleibt der Regen aus und führen Flüsse wenig Wasser, kann es zu weitreichenden Stromengpässen kommen – vor allem in Regionen, in denen Wasserkraft einen wichtigen Teil des Energiemixes ausmacht. Versorger greifen dann verstärkt auf fossile Alternativen wie Öl und Kohle zurück. Das treibt die Kosten und die CO₂-Emissionen in die Höhe.
Der Klimawandel allein hat dieses Szenario bereits Realität werden lassen, noch bevor sich El Niño ausgebildet hat. Norwegen, oft als „größte Batterie Europas“ bezeichnet, weil es über ein dichtes Netz an Staudämmen verfügt, verzeichnete nach einem warmen, trockenen Winter die niedrigsten Schneereserven seit zwei Jahrzehnten.
Nach Einschätzung von Fachleuten entstand dadurch ein Defizit von rund 25 TWh – genug Energie, um etwa 2,5 Millionen Haushalte ein Jahr lang zu versorgen, und fast ein Fünftel der gesamten norwegischen Wasserkraftproduktion des vergangenen Jahres.
Extreme Hitze dämpft zudem die Stromproduktion aus Photovoltaik, ein Effekt, der als Solarparadox bekannt ist.
„Es ist ein verbreitetes Missverständnis, dass mehr Sonne automatisch mehr Strom bedeutet“, sagt Ioanna Vergini, Gründerin von [wfy24.com](http://wfy24.com %28Quelle auf Englisch%29/), einer Plattform, die Wetterdaten und Trends der Klimavolatilität analysiert, gegenüber Euronews Earth.
„Photovoltaikzellen sind Halbleiter und verlieren wie jede Elektronik an Effizienz, je höher die Temperatur steigt.“
Pro Grad über 25 °C sinkt der Wirkungsgrad von Solarmodulen um etwa 0,4 bis 0,5 Prozent.
El Niño: Wie stark leidet die Ernährungssicherheit?
IHE Delft (Quelle auf Englisch) arbeitet in Regionen, die direkt von El Niño betroffen sind, und warnt, dass sich Nahrungsmittelknappheit in den kommenden zwei Jahren verschärfen könnte.
In Nicaragua könnten etwa wichtige Grundnahrungsmittel wie Mais und Bohnen in ohnehin schon fragilen Gebieten ausfallen. Das würde die Ernährungssicherheit weiter schwächen und Einkommen vernichten.
Bleibt der Regen aus und führen Flüsse wenig Wasser, geraten auch bewässerte Kulturen in Kolumbien, im Nordosten Brasiliens und in Indien unter Druck. Sie müssen mit starken Einschränkungen rechnen oder stärker auf Grundwasser zurückgreifen, was zu Übernutzung führen kann.
Auch für die EU ist das eine Sorge. Sie importiert jedes Jahr Lebensmittel im Wert von rund 188,6 Milliarden Euro aus anderen Ländern. Grundnahrungsmittel wie Weizen, Mais und Kakao sind in extremen Klimaten besonders ausfallgefährdet.
El Niño könnte Europa schwere Dürren bringen
Gestern, am 17. Juni, wurde der Welttag zur Bekämpfung von Wüstenbildung und Dürre begangen. Er soll eindringlich daran erinnern, die Landdegradation zu verringern und die Widerstandskraft gegen Dürre zu stärken.
Fachleute warnen, dass El Niño in den Jahren 2026 und 2027 voraussichtlich schwere globale Dürren auslösen wird – und Europa ist davon nicht ausgenommen.
„Die wärmeren und trockeneren Wetterprognosen für die Niederlande und ganz Europa erhöhen das Risiko von Hitzewellen und Waldbränden“, warnt IHE Delft. „Ereignisse wie die Dürren 2018 und 2022 haben gezeigt, dass dies erhebliche Folgen für Ökosysteme und die menschliche Gesundheit hat.“
Niedrige Abflüsse in europäischen Flüssen verringern zudem die Verfügbarkeit von Süßwasser. Das kann zu Einschränkungen für die Landwirtschaft und für die Nutzung von Kühlwasser in Kraftwerken führen.
„Das kommende El-Niño-Ereignis erinnert daran, dass Dürre nicht nur ein Umweltproblem ist“, sagt Micha Werner, Professor für Dürre-Resilienz im Fachbereich Wasserressourcen und Ökosysteme am IHE Delft.
„Sie betrifft Ernährungssysteme, Energieproduktion, Wirtschaft, Ökosysteme und das menschliche Wohlergehen. Resilienz aufzubauen erfordert entschlossenes Handeln, bevor eine Krise ausbricht.“
Rückt El Niño die Klimakrise in den Hintergrund?
Die Ankunft von El Niño sorgt weltweit für Schlagzeilen. Viele Medien warnen vor einem angeblich „superstarken“ El Niño. Eine solche Kategorie gibt es in der Wissenschaft jedoch nicht, und die US-Behörde NOAA verwendet den Begriff nicht.
Klimaforschende kritisieren zudem, dass Kommentatorinnen und Kommentatoren lieber auf den „Super-El-Niño-Zug“ aufspringen, statt sich auf den Zusammenhang mit dem Klimawandel zu konzentrieren.
Forschende der Columbia University (Quelle auf Englisch) schreiben in einer aktuellen Studie, die Stärke und Häufigkeit von El Niño seien zwar wichtig – insbesondere die Frage, ob sie sich durch die globale Erwärmung verändern. Noch wichtiger sei jedoch „die anhaltende, außergewöhnliche Beschleunigung der Erwärmung der Ozeanoberflächen“.
Ein typisches El-Niño-Ereignis erhöht nach Einschätzung mancher Meteorologinnen und Meteorologen die globale Durchschnittstemperatur vorübergehend um etwa 0,1 bis 0,2 Grad Celsius. Das ist deutlich weniger als die Erwärmung durch menschengemachten Klimawandel, der die globale Oberflächentemperatur im Vergleich zur vorindustriellen Zeit bereits um ungefähr 1,3 bis 1,5 Grad angehoben hat.
„El Niño ist ein natürliches Phänomen“, sagt die Klimawissenschaftlerin Friederike Otto vom Imperial College London.
„Es kommt und geht. Der Klimawandel dagegen wird so lange schlimmer, wie wir fossile Brennstoffe verbrennen. Der Klimawandel ist also der wirkliche Grund zur Sorge.“