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Søren Hermansen: Dänischer Vordenker für den Klimaschutz

Søren Hermansen: Dänischer Vordenker für den Klimaschutz
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Wie kann man die globale Erwärmung verlangsamen? Wie kann man Klimaschutzmaßnahmen vor Ort umsetzen? Wie können lokale Energielösungen entwickelt werden, die weltweit ausgebaut werden können? Die dänische Insel Samsø entwickelte sich zu einem Mekka für Entscheidungsträger, die an einem nachhaltigen Energiewandel interessiert sind. Viele Hundert Öko-VIPs kommen jedes Jahr bei der Samsø Energie-Akademie vorbei. Die Schlüsselfigur, die für die Koordination der Energierevolution von Samsø verantwortlich ist, heißt Søren Hermansen, ein einheimischer ehemaliger Gemüsebauer, der zum Vordenker für die Umwelt wurde.

Samsø gelang es, von einer Insel, die fossile Brennstoffe importiert, zu einem Exporteur erneuerbarer Energien zu werden. Samsø produziert heute mehr "grüne Energie", als es fossile Energieträger verbraucht, indem es ein dichtes Netz von kleinen und großen Windturbinen, Solarmodulen, Wärmepumpen, nachhaltigen Fernwärmesystemen und Energiesparmaßnahmen sowohl in öffentlichen als auch privaten Gebäuden entwickelt hat, die Insel ist klimaneutral.

Søren auf Samsø ist ein "Influencer", der die globale Erwärmung nach dem Motto "act local, go global" bekämpft. Euronews-Reporter Hans von der Brelie traf ihn im futuristisch anmutenden Gebäude der Samsø Energie-Akademie, einem Niedrigenergiehaus mit dicker Isolierung und Solarzellen auf dem Dach. Søren ist gerade aus Australien zurückgekehrt und wir haben Glück, ihn zum Interviewgespräch zu erwischen, bevor er ins südafrikanische Johannesburg aufbricht. Als wir ihn zum ersten Mal anrufen, ist er auf dem Weg zu einem ehemaligen dänischen Premierminister, um ein gründliches Brainstorming über weitere Maßnahmen zum Schutz des Klimas durchzuführen.

Samsø - Vorreiter im Klimaschutz

Das erfolgreiche "Samsø-Modell" in Teilen kopierend kündigte Dänemark 2018 einen ehrgeizigen Klimaaktionsplan an. Aber während Samsø heute schon klimaneutral ist, versucht Dänemark, bis 2050 dort anzukommen. Auch die Europäische Kommission fordert ein klimaneutrales Europa bis 2050, und das Europäische Parlament hat dieses ehrgeizige Ziel mit überwältigender Mehrheit unterstützt. Aber die Forderung beruht auf einer nicht verbindlichen Resolution und die Entscheidung treffenden Staats- und Regierungschefs - zwischen West und Ost gespalten -, haben es bisher vermieden, einen rechtsverbindlichen Zeitplan aufzustellen, um Europa wieder grün zu machen. Das Thema ist verschoben auf später im Jahr, irgendwann nach den EU-Wahlen...

Samsø ist Dänemarks Vorzeigeprojekt, die Insel zeigt, dass es noch Hoffnung gibt, den Klimawandel zu verlangsamen und den CO2-Fußabdruck in wenigen Jahren massiv zu reduzieren. Aber eine Frage bleibt offen: Werden europäische Entscheidungsträger anderswo bereit sein, von Samsø zu lernen? Sicher ist das nicht.

Euronews: "Sie haben sehr ehrgeizige Ziele veröffentlicht. Warum werden sie nicht vollständig erfüllt?"

Søren Hermansen:"Unser erstes Ziel am Anfang war es, ein 100%iger Selbstversorger mit erneuerbaren Energien zu werden. In den ersten zehn Jahren haben wir einen sehr ambitionierten Plan aufgestellt - und wir haben dieses Ziel tatsächlich erfolgreich erreicht. Nach zehn Jahren produzierten wir mehr Energie, als wir verbrauchten. (....) Unser nächstes Ziel ist noch ehrgeiziger: Bis 2030 wollen wir zu 100 Prozent frei von fossilen Energieträgern sein, also 20 Jahre vor dem dänischen Ziel von fossilen Brennstoffen unabhängig zu sein und eine Gesellschaft zu schaffen, die auf erneuerbare Ernergien baut."

Für eine grüne Zukunft müssen alles mitmachen

Euronews: "Wie kann man die Mehrheit der Bürger an Bord holen, wenn es darum geht, eine nachhaltige Energiewende zu verwirklichen?

Søren Hermansen: "Wir haben diesen Ansatz, dass, wenn die Gemeinschaft nicht als Ganzes teilnimmt, wir viel Widerstand gegen neue Technologien schaffen würden. Also haben wir sichergestellt, dass alle, ob reich oder arm, an dieser (Energiewende) teilnehmen können, indem wir die Banken auffordern, Eigentumsunterlagen bereitzustellen. Die Banken gaben jedem, der sich an sie wandte, Kredit, sie mussten nur das Eigentumsdokument unterschreiben. Die Banken bewahren das Eigentumsdokument auf, bis die Windturbine oder das Solarmodul die Kosten des Bankkredits zurückgezahlt hat. (....) Es ist eine Art Gemeinschaftsgefühl des Eigentums."

Euronews: "Aber es gibt immer noch große Probleme, mit denen man kämpfen muss."

Søren Hermansen:"Die Herausforderung von heute besteht darin, sich den Zahlen zu stellen. In puncto Energieeinsparung haben wir bereits 20 bis 30 Prozent Energieeinsparung in Häusern erreicht, der niedrigsten hängenden Frucht am Baum. Wenn wir etwas höher klettern, wird es teurer pro eingesparte kWh, noch mehr Isolierung, noch bessere Fenster. Da sind zusätzliche Investitionen zu tätigen. (....) Zum Thema Transport: Wir sind nach wie vor auf Fähren und Lastwagen angewiesen, um Waren zu liefern und zu verteilen, und die Menschen wollen reisen. Wir haben eine neue Fähre gekauft, eine 200 Millionen dänische Kronen (etwa 30 Millionen Euro) teure Hybridfähre zum Festland, die mit LNG-Gas betrieben wird - eine Art Vorläufer unserer eigenen Produktion von noch umweltfreundlicherem Kraftstoff der Zukunft, Biogas, Methan. Aber der Marktpreis, der Weltmarktpreis für Erdgas ist (zu) niedrig, was bedeutet, dass unser Produktionspreis (für lokal produziertes Biogas) im Vergleich zu hoch ist (....). Bei Elektroautos zögert die Bevölkerung wegen der geringen Kapazität, die Reichweite der meisten Elektroautos liegt noch unter 200 Kilometern und Elektroautos sind teurer als vergleichbare Autos mit Verbrennungsmotor. Für mich ist es sehr schwer, Menschen davon zu überzeugen, ein Elektroauto statt eines Autos mit Verbrennungsmotor mit hohem Wirkungsgrad zu kaufen. (....) Was die Windkraft betrifft, so ist die Kapazität der Windkraft gestiegen. Jetzt haben wir eine 1-MW-Windturbine, die die Leute mögen, sie sind gut. Die nächste Generation von Windturbinen, wenn wir repowern wollen, wird dreimal größer oder noch mehr sein. Und dann steigen wir wieder ein, und die Investitionen werden enorm sein, und wir müssen viele andere Investoren finden, denn so viel Geld können wir nicht allein hier auf der Insel auftreiben. (....) In Bezug auf Solarmodule hatten wir eine Zeit, in der die Leute schöne Solarmodule auf ihre eigenen Dächer setzten, aber wenn man die Entwicklungsziele der UNO erreichen will, muss man die Kapazität erhöhen, was bedeutet, dass wir riesige Solarmodule auf dem Feld brauchen, die viele Hektar Land bedecken. Und noch einmal: Wir mögen die kleinen PV-Anlagen, aber die größeren PV-Anlagen sind schwieriger durchzusetzen, weil sie optisch die Landschaft verschandeln. (....) Das sind einige der Probleme, mit denen wir kämpfen, um die Ziele von 2030 zu erreichen."

Rechtsrahmen im europäischen Kontext

Euronews: "Was ist mit dem erforderlichen Rechtsrahmen, sei es auf europäischer, sei es auf nationaler Ebene?"

Søren Hermansen:"Damit dies funktioniert, brauchen wir einen europäischen Kontext, wir brauchen einen sehr klaren Rechtsrahmen, wir müssen die guten Dinge belohnen und die schlechten Dinge bestrafen. In Dänemark hatten wir eine hohe Kohlenstoffsteuer für die Nutzung fossiler Brennstoffe. (....) Dieses Geld wurde in grüne Technologien reinvestiert. So können Sie die nächste Infrastrukturgeneration finanzieren. (...) Wir brauchen dazu politische Hilfe. Ein lokaler kleiner Markt kann das nicht allein bewältigen."

Euronews:"Was ist das Hauptproblem, das Haupthindernis?"

Søren Hermansen:"Niedrige Erdgaspreise. (....) Die Gefahr besteht darin, dass der Markt uns überrollen und völlig platt machen wird, weil wir mit den Gaspreisen von Putin oder anderen nicht konkurrieren können. (....) Ich lebe hier auf der Insel in einer Gemeinschaft, die zusammenhält, wir kennen uns, wir geben uns die Hand, wir treffen uns, ich kann jeden anrufen, und um Hilfe bitten. Wir haben hier einen hohen sozialen Reichtum, wir sind sozial gesehen eine sehr starke kleine Gemeinschaft. Das ist sehr wichtig (....), damit wir gegen niedrige Erdgaspreise ankämpfen können, denn wenn wir nur über Markt und Wirtschaft sprechen, dann werden wir mürrische kleine engstirnige Menschen, die nicht glauben, dass die Gemeinschaft wertvoll ist. (....) Wir wollen für eine grünere, nachhaltigere Gemeinschaft kämpfen und ich denke, dass der Erdgaspreis steigen wird, der Strompreis wird auch steigen, das ist die Vorhersage aller auf dem Markt und es wird ziemlich bald passieren. Darauf müssen wir also vorbereitet sein."