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Portugals falsches Wirtschaftswunder

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Portugals falsches Wirtschaftswunder
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In nur drei Jahren hat Portugal das von Brüssel auferlegte Sparprogramm überstanden. Ein Aufschwungsmodell für Europa. Aber wer sind die Verlierer dieses portugiesischen Wirtschaftswunders? In dieser Folge von Unreported Europe haben wir sie getroffen.

Vor allem durch Tourismus, Export und Immobilieninvestitionen wuchs die Wirtschaft, mit einem Höchststand im Jahr 2017. In diesem Jahr prognostiziert die Bank von Portugal nur noch ein Wachstum von rund 1,7 Prozent. Die Arbeitslosigkeit sank von 16 Prozent im Jahr 2013, auf unter acht Prozent 2019 % im vergangenen Jahr. In einem Jahrzehnt wurde das Haushaltsdefizit um 10 Prozent gesenkt. Aber die Staatsverschuldung ist eine der höchsten der EU, die nur von Griechenland und Italien übertroffen wird. Die Verschuldung scheint unter Kontrolle zu sein, aber die Steuern sind so hoch wie nie zuvor und die öffentlichen Investitionen sind gering.

Nach dem Ende der von Brüssel 2014 verordneten Sparpolitik ist Portugal heute ein Aufschwungsmodell für Europa. Die Wirtschaftspolitik stützt sich vor allem auf den Immobilien- und Touristenmarkt stützt. Der liefert gute Ergebnisse, die eine harte Realität verdecken.

Im Zentrum von Porto hält Rui Lé Costa alle 200 Meter in der Nähe eines von ihm renovierten Gebäudes: "Hier in dieser Straße werden wir dieses Gebäude demnächst mit Mitteln eines internationalen Investors renovieren. In diesem Fall ein Investor aus Miami", erzählt der Chef von Feel Porto. "Gleich nebenan gibt es ein Projekt, das fast fertig ist: Ein Hotel, das von einer mexikanischen Gruppe finanziert wurde."

Angefangen mit zwei 2014 gekauften Studios verwaltet er heute einen Immobilienpark mit 75 Wohnungen. Sein Unternehmen "Feel Porto" ist auf den Kauf und die Sanierung von Gebäuden zur kurzfristigen Anmietung spezialisiert.

Er zeigt dem euronews-Reporter ein siebenstöckiges Gebäude, dessen Wohnungen zur kurzfristigen Vermietung umgewandelt werden. Die Investoren für die Renovierung der Gebäude kommen aus der ganzen Welt:

"Wir haben Investoren aus Spanien, Frankreich, Italien oder Großbritannien. Und es gibt auch Investoren aus Übersee, aus Brasilien, den USA und Kanada", zählt der Geschäftsmann auf.

Portugals Wege aus der Krise

Um die von Brüssel auferlegte Sparpolitik zu überwinden, setzte das Land 2011 auf ausländisches Kapital: Personen, die in Immobilien investieren, können von Steuerbefreiungen profitieren. Über Portugal bricht in den drei folgenden Jahren eine Investorenflut herein. Sanierungsprojekte florieren. Und die Stadtzentren von Porto und Lissabon werden von Touristen überrannt.

Für Rui Lé Costa wurde die Krise zur Goldgrube: 2019 stellte seine Firma 2,5 Millionen Euro für kurzfristige Vermietungen in Rechnung: "Die vielen Baukräne, die man hier sieht, zeigen das Ausmaß der Sanierung im Zentrum Portos in den vergangenen Jahren."

Portugal verdiente fast fünf Milliarden Euro dank dieses Wiederbelebungsplans des Immobilien- und Tourismusmarktes. Keine Sparpolitik mehr, verkündet das Land - stolz, die Krise überwunden zu haben. Aber es gibt Menschen, die nicht von diesem sogenannten Wirtschaftswunder profitieren. Die städtische Sozialarbeiterin Irma Sousa fühlt sich in ihrem Viertel in der Altstadt Portos immer fremder:

"Es hat sich viel verändert, viele Einwohner der Altstadt wurden vertrieben, weil die Mieten stark gestiegen sind. Und vor allem die älteren Menschen können mit ihrem Einkommen nicht mit den heutigen Preisen mithalten. Senioren bekommen eine Rente von 250, 280 Euro pro Monat. Damit kann man heute nicht einmal ein Zimmer im Stadtzentrum bezahlen."

Überall stehen Häuser zum Verkauf. 2012 änderte die Regierung das Gesetz zugunsten der Eigentümer. Im Falle einer Sanierung können Bewohner leichter geräumt werden. Die 74-jährige Otelinda de Jesus Pinto lebt im Erdgeschoss dieses baufälligen Gebäudes. Sie zeigt ihre kleine baufällige Wohnung. Ihr ganzes Leben lang lebt sie in diesem Haus. Am Tag zuvor erhielt sie einen Räumungsbescheid wegen Nichtzahlung. Mit 282 Euro Rente im Monat wurde die Miete für sie unerschwinglich: "Laut dem Bescheid müssen Sie ausziehen. Und Sie werden aufgefordert, 3906 Euro zu zahlen", erklärt die Sozialarbeiterin.

Die Seniorin ist ratlos und wütend: "Was wird jetzt aus mir, nachdem ich diesen Räumungsbescheid erhalten habe? Ich muss meine Sachen zusammenpacken und alles in Kisten verstauen. Die alten Häuser, in denen wir leben, in denen wir schon immer gelebt haben, in denen wir unsere Kinder großgezogen haben, in denen wir unsere Wurzeln haben, darum sollte sich die Regierung kümmern, nicht um die Touristen!"

Die dunklen Seiten des Wirtschaftsaufschwungs

In Porto führt die Liberalisierung des Mietmarktes jeden Monat zu Dutzenden von Zwangsräumungen. In Wirtschaftszahlen ist Portugal ein Beispiel für die wirtschaftliche Erholung: 2 Prozent Wachstum pro Jahr und eine Arbeitslosenquote unter 8 Prozent 2019. Aber dieser Wirtschaftsaufschwung verbirgt eine andere Realität:

"Es stimmt, die Handelsbilanz ist ausgeglichen. Aber sie ist ausgeglichen wegen des Dienstleistungssektors, insbesondere des Tourismus, der sehr niedrige Löhne zahlt", sagt Wirtschaftsprofessor Jose Reis von der Universität Coimbra. "Es gibt Beschränkungen durch die aus Brüssel auferlegten Anforderungen und Regeln. Und die Beschränkung, einen bedeutenden Teil des Reichtums, der für die Entwicklung des Landes und die Bezahlung der öffentlichen Schulden wichtig ist, an internationale Gläubiger zu schicken. Dadurch werden die Möglichkeiten gelähmt, im öffentlichen Sektor zu investieren."

Der öffentliche Dienst in Portugal ist ein Opfer der Sparpolitk

Am Strand von Matosinho gibt Ruben Silva jedes Wochenende Surf-Unterricht für Kinder: "Ich mache das nur am Wochenende, unter der Woche bin ich in Lissabon," erzählt er. In Lissabon geht Ruben Silva seiner eigentlichen Arbeit nach: Er ist Lehrer. Mit Vertretungsverträgen verdient er 1100 Euro im Monat. Für das Pendeln in die Hauptstadt und eine Unterkunft dort gibt er fast die Hälfte seiner Gehalts aus.

"Ich habe ein Haus in Porto, in Lissabon wohne ich in einer Jugendherberge. Es ist eine prekäre unwürdige Situation. Aber ich habe mich daran gewöhnt2, so Silva. Der Lehrer träumt von einer Festanstellung in Porto - bei seiner Familie:

"Die Regierung weiß nicht, wie es ist, jede Woche sein Kind, seine Familie zu verlassen. Mein Sohn wird nie wieder sieben oder acht Jahre alt sein. Er will, dass ich ihn zur Schule bringe, aber das kann ich nicht."

Ohne den Surf-Unterricht würde der Lehrer nicht über die Runden kommen. Um das öffentliche Defizit unter Kontrolle zu halten, hat die portugiesische Regierung die Beamtengehälter seit 10 Jahren eingefroren. Mehrfache Streiks, an denen sich Ruben Silva beteiligte, änderten nichts:

"Um Ihnen eine Vorstellung von dem Drama zu geben, das sich abspielt: Es gibt Lehrer, die nie die maximale Gehaltsstufe erreichen werden. Niemand will mehr Lehrer sein. Die einzigen Stellen, die angeboten werden, will niemand haben. Man bekommt Vertretungsstellen für ein, zwei Monate. Mit reduziertem Umfang von 10 oder 15 Stunden. Die Leute fragen mich, was ich nächstes Jahr tun werde. Keine Ahnung", so Silva.

"Unsere politischen Vertreter mögen denken, dass sie die Krise bereits überstanden haben. Aber für das portugiesische Volk ist sie nicht vorbei."
Miguel Guimarães
Vorsitzender der nationalen Ärztegesellschaft

Marodes Gesundheitssystem

In den vergangenen Jahren sind die Beschäftigten des Gesundheitswesens regelmäßig in den Streik getreten. Der Vorsitzende der nationalen Ärztegesellschaft prangert wie viele andere den Personal- und Materialmangel im Gesundheitssektor an. Er zeigt uns die pädiatrische Station des öffentlichen Krankenhauses Saint-Jean in Porto: Seit zehn Jahren werden Kinder in ein Fertigteil-Gebäude eingeliefert:

"Hier handelt es sich um das Saint-Jean-Krankenhaus. Eines der besten Krankenhäuser in Portugal. Stellen Sie sich vor, wie es in den Krankenhäusern in Veja, Evora, Porto Alegre aussieht. All diese Strukturen werden in den nächsten 10 oder 20 Jahren nicht renoviert werden", sagt Miguel Guimarães. "Eine schlimme Situation für alle Menschen, die im nationalen Gesundheitssektor arbeiten. Sehr schädlich für unsere Patienten. Unsere politischen Vertreter mögen denken, dass sie die Krise bereits überstanden haben. Aber für das portugiesische Volk ist sie nicht vorbei."

Die Abwanderung von Ärzten und Krankenschwestern nimmt jedes Jahr zu. Die Sparmaßnahmen sind seit Jahren vorbei. Aber viele Portugiesen tragen noch immer die sozialen Kosten der wirtschaftlichen Erholung.

Nach 53 Jahren in diesem Gebäude wird Otelinda de Jesus Pinto zwangsgeräumt. Noch ein paar Tage lang kann sie den atemberaubenden Blick auf ihre Stadt genießen: "Ich würde gern in meiner kleinen Wohnung bleiben. Aber leider gehen nicht alle Wünsche in Erfüllung."

Touristen aus aller Welt wohnen bald hier. Das Gebäude soll zu einem Hotel werden.