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Wer war Adama Traoré, für den in Frankreich Tausende auf die Straße gehen?

Wer war Adama Traoré, für den in Frankreich Tausende auf die Straße gehen?
Copyright  KENZO TRIBOUILLARD/AFP
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Die Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt haben in zahlreichen europäischen Städten Wiederhall gefunden. In Paris versammelten sich am Dienstag, 2. Juni, mehrere tausend Menschen, um Gerechtigkeit für Adama Traoré zu fordern. Der 24-Jährige - dessen Eltern aus Mali stammen - starb bei einer Festnahme durch die Gendarmerie. Das war am 19. Juli 2016.

An diesem heißen Tag war Adama Traoré einer ersten Verhaftung entkommen, bevor er bei einer Verfolgungsjagd festgenommen wurde. Er starb zwei Stunden später in der Kaserne in der Kleinstadt Persan in der Region Île-de-France, rund 65 Kilometer nördlich von Paris.

Zu dem Fall gibt es weder Zeugen noch Videoaufnahmen. Die einzigen Informationen stammen von den drei anwesenden Gendarmen sowie aus den Ergebnissen einer Autopsie.

Demnach könnte Adama Traoré bei seiner Festnahme - ähnlich wie George Floyd - von den Sicherheitskräften auf den Boden gedrückt worden sein, um ihn ruhig zu stellen. Die Gendarmen leugnen, diese Verhaftungsmethode angewandt zu haben. Einer von ihnen sagte gegenüber Ermittlern: "Wir haben die gerade notwendige Gewalt angewendet, um ihn festzusetzen, aber er hat das Gewicht von uns allen getragen".

Seitdem ist dieser Fall, der zu einem Symbol der Polizeigewalt, insbesondere gegen Personen ausländischer Herkunft in Frankreich, geworden ist, zu einem Kampf zwischen Rechtsexperten und von der Familie Traoré ausgewählten Ärzten geworden.

2016, Autopsie und Gegen-Autopsie widersprechen einander

Seit Beginn der Untersuchungen kann keine Wahrheit mit Sicherheit festgestellt werden. In den folgenden Nächten brachen in Val d'Oise, dem Departement der Pariser Vororte, aus dem Adama Traoré stammte, Unruhen aus.

AFP
"Gerechtigkeit für Adama" steht bei einer Gedenkveranstaltung im Oktober 2016 auf dem Boden vor dem Rathaus von Beaumont-sur-Oise, nördlich von Paris.AFP

Der Gerichtsmediziner, der die erste Autopsie durchführte, fand keine Anzeichen von Gewalteinwirkung und stellte ein "Erstickungssyndrom" sowie "infektiöse Läsionen (Verletzungen)", insbesondere in Lunge und Leber, fest. Eine "unmittelbare Todesursache" konnte er nicht identifizieren.

Damals, nach mehreren Nächten von Gewalt, sprach der Staatsanwalt von Pontoise, Yves Jannier, von "einer sehr schweren Infektion", "die mehrere Organe befällt", erwähnte aber nicht die Asphyxie (Atemstillstand). Eine Woche später widersprach eine von einem Expertenkollegium durchgeführte Gegenautopsie den Anzeichen einer Infektion und bestätigt die eines "asphyxischen Syndroms". Eine anatomisch-pathologische Untersuchung müsse durchgeführt werden, um dies zu bestätigen.

Dem Staatsanwalt wird vorgeworfen, vorsätzlich zu lügen, Misstrauen zu schüren und den Fall begraben zu haben.

Seit vier Jahren bemüht sich die Familie Traoré Aufklärung.

Zwischen 2017 und 2020 werden insgesamt nicht weniger als sechs Gutachten und Gegengutachten von beiden Seiten in Auftrag gegeben, ohne dass es eine klare Antwort gibt. Vorerkrankung oder Erstickung durch Gewalteinwirkung?

Der jüngste forensische Bericht, der am 29. Mai 2020 vorgestellt und von drei Ärzten durchgeführt wurde, kommt zu dem Schluss, dass "Adama Traoré nicht an einer 'Lageasphyxie', sondern an einem 'kardiogenen Ödem' gestorben ist".

Die Mediziner glauben, dass "die Kombination von Bindegewebserkrankung in der Lunge, einer Herzkrankheit und einem Sichelzellmerkmal im Kontext von intensivem Stress und körperlicher Anstrengung unter hoher Cannabiskonzentration wahrscheinlich" zu seinem Tod beigetragen hat.

Auf diese Ergebnisse Ende Mai reagierte die Familie Traoré vier Tage später mit einem neuen privaten Gutachten eines weiteren Arztes. Letzterer behielt die Hypothese eines Ödems bei, und schloss, dass der Tod "auf eine durch die Fixierung in Bauchlage verursachte Lageasphyxie" zurückzuführen sei - die Verhaftungstechnik, die die Gendarmen eigenen Angaben zufolge nicht angewandt haben.

Assa Traoré kämpft für Gerechtigkeit

Hinter der Mobilisierung gegen die offizielle Version der Behörden steht vor allem eine Person, die in ihrem Kampf unermüdlich ist. Als ihr Bruder starb, prangerte Adamas ältere Schwester, Assa Traoré, Fehler der Polizei an. Sie will Licht in die Todesursache ihres Bruders bringen.

Assa beteiligte sich an der Gründung des Kollektivs "Wahrheit und Gerechtigkeit für Adama", das am 2. Juni zu einer Demonstration zur Unterstützung des letzten von der Familie in Auftrag gegebenen Berichts aufrief.