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"Sie sagen, Europa hat mich gekauft" - Polizist in Belarus quittiert Dienst

Der ehemalige belarussische Polizist Jegor Jemeljanow
Der ehemalige belarussische Polizist Jegor Jemeljanow   -   Copyright  Jegor Jemeljanow
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"Siebzehn Jahre Dienst sind vorbei... nun ist mein Gewissen rein... Polizei mit dem Volk", schrieb Jegor Jemeljanow, ein ehemaliger Polizist aus Nowopolotsk in Belarus, auf Instagram.

Für seinen Post bekam er 400.000 Likes. Aber kaum hatte er alle Dokumente über seine Dienstentlassung zusammen und war im Begriff zu gehen, wurde er wegen einer Regelverletzung bei den Kundgebungen von den Behörden verhaftet.

Euronews hat mit Jegor Jemeljanow gesprochen.

Warum haben Sie beschlossen zu kündigen?

"Ich hatte schon länger darüber nachgedacht, aufzuhören. In letzter Zeit war ich mit den Bedingungen der Arbeit nicht mehr einverstanden und ich war immer häufiger anderer Meinung als meine Vorgesetzten. Ich wurde immer häufiger ermahnt. Ich wollte noch vor den Wahlen kündigen, mit Wirkung zum 1. August, aber das Management wollte mich nicht gehen lassen. Ich hatte gedacht, dass ich einvernehmlich gehen könnte, damit ich keine rechtlichen Probleme bei einer nächsten Anstellung haben würde. Aber man empfahl mir nachdrücklich, meinen Vertrag, der regulär im nächsten Jahr ausgelaufen wäre, zum Abschluss zu bringen. Und ich sagte ja".

Warum haben Sie später Ihre Meinung geändert?

"Was nach den Wahlen in unserem Land passiert ist, es ist unbeschreiblich, einfach schrecklich. Als ich es gesehen habe, was da passiert, konnte ich meine Uniform nicht mehr anziehen. Das ist meine Meinung, kein normaler Mensch kann solche kriminellen Befehle ausführen."

"Um in Zukunft nicht irgendwo hingeschickt zu werden, wo ich Demonstranten auseinandertreiben und Gewalt gegen Zivilisten anwenden muss, habe ich nach der Nacht vom 11. August mit meiner Frau gesprochen. [Ich hatte in dieser Nacht Wache in der Abteilung]. Sie hat mich unterstützt und gesagt, 'Ja, hör auf.' Dann bin ich hingegangen und habe um meine Entlassung gebeten. Aber natürlich sagten sie: 'Nein.' Daraufhin habe ich meinen Dienstausweis abgegeben und bin einfach nicht mehr zur Arbeit gegangen. Wegen Arbeitsverweigerung wurde ich dann offiziell gefeuert.

Ich bin nach Hause gegangen, habe gegessen und dann den Post auf Instagram abgesetzt, damit alle Bescheid wussten. Kurz darauf erhielt ich einen Anruf von der Abteilung. Ich solle kommen, um meine Entlassungspapiere zu unterschreiben. Es ging alles ganz schnell, ich ging hin und unterschrieb alle notwendigen Dokumente."

Wie ist es dazu gekommen, dass man Sie da behalten hat?

"Als ich die Dienststelle wieder verlassen wollte, wurde ich festgenommen und in die zentrale Polizeidienststelle von Novopolotsk gebracht, wo ein Bericht über meine Ordnungswidrigkeit erstellt und ich in ein Isolationszentrum für Straftäter eingewiesen wurde. Das ist wie ein Gefängnis, nur etwas weniger streng vielleicht. Ich war dort zwei Tage. Dann gab es einen Gerichtstermin, bei dem ich freigesprochen und freigelassen wurde."

Wie haben Ihre Kollegen Ihre Entscheidung aufgenommen? Ist jemand Ihrem Beispiel gefolgt?

"Am selben Tag, an dem ich gekündigt habe, sind auch zwei andere Kollegen gegangen. Innerhalb einer Woche hatten etwa acht Kollegen gekündigt. Die, die ich getroffen habe, haben sich natürlich alle auf die Schulter geklopft und 'Gut gemacht!' gesagt.

Aber im Laufe der Zeit habe ich von anderen Kollegen ergfahren, dass meine ehemaligen Vorgesetzten versuchen, die Kündigungen zu relativieren. Sie sagen, dass ich von Europa gekauft worden wäre. Das ist natürlich nicht angenehm, aber das war zu erwarten".

Haben Sie keine Angst um Ihre Karriere? Haben Sie keine Angst vor Verfolgung?

"Ich habe natürlich Angst, große Angst, um mich selbst und um meine Familie. Solange die Dinge noch im Gange sind, glaube ich, ist es in Ordnung. Aber wenn dieses Regime und dieser Präsident bleiben werden, nehme ich an, dass Menschen wie ich hart bestraft werden."

Was wollen Sie tun?

"Um ehrlich zu sein, ich denke noch nicht darüber nach. Ich bin fest davon überzeugt, dass Frieden in unser Land kommen wird. Wir werden faire, normale Wahlen haben. Jeder wird seine eigene Wahl treffen und seine Stimme abgeben können und so werden wir fair und friedlich entscheiden, wer Präsident werden soll. Ich persönlich kann nicht sagen, dass ich jemanden unterstütze oder gegen jemanden bin. Das Wichtigste für mich ist Ehrlichkeit und Frieden."

Wie halten Sie von der Arbeit Ihrer ehemaligen Kollegen während der Proteste?

"Über meine Kollegen kann ich sagen, dass keiner von ihnen selbst involviert war, denn sie haben niht auf den Plätzen gearbeitet [Jemeljanow hat für das Sicherheitsministerium gearbeitet, zu seinen Aufgaben gehörte der Schutz von persönlichem Eigentum und juristischen Personen]. Ja, sie sind auch rausgegangen, aber es gab in ihrem Fall keine besonderen Zusammenstöße. Meine ehemaligen Kollgen haben ein Gebäude bewacht und alle Veranstaltungen fanden an anderen Orte statt. Meine ehemaligen Kollegen waren nicht an der Ausübung von Gewalt beteiligt. Ich kann ihnen keine Vorwürfe machen."

"Ich werde nicht mit dem Finger auf die Bereitschaftspolizei und Bereitsschaftspolizisten im Allgemeinen zeigen, aber soweit ich von einigen Bekannten aus der Bereitschaftspolizei weiß, sagen sie dort, dass die weiß-rot-weiße Fahne [die Flagge, die die Demonstranten schwenken] die Fahne der Banditen und Faschisten sei. Sie sind für die gegenwärtige Regierung."

"Höchstwahrscheinlich waren die Leute, die ich kenne, in Minsk daran beteiligt, weil sie das für normal halten. Ich weiß nicht, wie sehr sie die Gewalt unterstützen und ob sie sie selbst ausüben, aber im Prinzip sind ihre Einstellungen so, dass es notwendig ist, alle zu unterdrücken."

Und was halten Sie von den gewaltsamen Verhaftungen?

"Ich habe gestern etwas dazu in den sozialen Netzwerken gepostet. Sehen Sie, Belarussen gehen zu friedlichen Protesten, sie haben keine Waffen. Sie sind gut gelaunt, sie haben Blumen und Luftballons. Wenn sie auf die Bänke steigen, um etwas zu sehen, ziehen sie ihre Schuhe aus, sie werfen keinen Müll auf den Boden. Ich denke, das sagt eine Menge über aus."

"Mit Blick auf die Zusammenstöße vom 9. und 10. August sage ich nicht, dass alle Menschen perfekt sind. Es gibt Provokateure auf beiden Seiten. Ich glaube, es gibt Polizeibeamte, die als Bürger getarnt unterwegs waren und als Provokateure eine Menge von Zivilisten infiltriert haben. Ich weiß das nicht genau, ich habe keine konkreten Fakten, aber es besteht die Möglichkeit. Ich verurteile natürlich die Menschen, die sich friedlich geben und trotzdem etwas getan haben, vielleicht in Notwehr. Es gibt auf beiden Seiten diese Leute, aber wie sich herausstellte, gibt es unter dem Personal der OMON [Sonderpolizeieinheiten des Innenministeriums] viele gewalttätige Menschen.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

"Ich bin in den letzten Tagen krank gewesen, vielleicht aus Nervosität. Aber ich suche nach Arbeit, ich frage Bekannte. Ich möchte im Fitnessbereich arbeiten, weil ich ein professionelles Zertifikat habe und Fitness liebe."