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Superspreader und Covid-19: Vergessen Sie den R-Wert, wichtig ist der K-Faktor

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Von Kirsten Ripper  mit Focus Science, El Pais
In der U-Bahn in Mailand
In der U-Bahn in Mailand   -   Copyright  Luca Bruno/Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved

Eine neue Studie der London School of Hygiene & Tropical Medicine (LSHTM) hat die Ausbreitung des Coronavirus untersucht, um genauer herauszufinden, wer wieviele andere ansteckt. Dabei haben die Forscher den sogenannten "k factor", den K-Faktor, entwickelt, der den viel zitierten R-Wert ablösen könnte. Der R-Wert sagt aus, wieviele andere eine infizierte Person im Durchschnitt ansteckt.

Die Studie zum K-Faktor wurde im Internet veröffentlicht und so anderen Experten zur sogenannten "peer review" vorgelegt. Benjamin Althouse von der LSHTM sagt im Interview mit "Science Focus": "R ist eine wirklich leicht zu erfassende Zahl. Aber der Wert sagt nichts darüber aus, ob einzelne Menschen, viele andere anstecken oder nicht."

So ist in einigen Regionen der R-Wert sehr niedrig, es gibt aber weiterhin eine hohe Zahl von Neuinfektionen.

80 % der Ansteckungen gehen von 10 % der Infizierten aus

Die neuen Untersuchungen haben gezeigt, dass bis zu 80 Prozent der Ansteckungen von nur 10 Prozent aller infizierten Personen ausgehen. Dahinter steckt die gute Nachricht, dass die meisten Menschen, die an Covid-19 erkrankt sind, das Virus offenbar nicht weitergeben.

Statistiker haben den K-Faktor als neuen Ausbreitungswert berechnet. Je größer die Zahl des K-Faktors ist, desto konsistenter oder stabiler ist die Art und Weise, wie sich eine Krankheit ausbreitet. Je kleiner die Zahl, desto mehr wird die Übertragung durch einige wenige Individuen verursacht.

Der K-Faktor für SARS-CoV-2 liegt bei etwa 0,1.

Das Coronavirus SARS aus dem Jahr 2003 hat eine ähnlichen Wert von 0,16. Bei Masern beträgt der K-Faktor 0,22. Eine Studie in der Schweiz untersuchte die saisonale (normale) Grippe und fand eine breite Spanne von K-Faktoren - u.a. je nach Jahreszeit - von 2,36 bis 53,18.

Bei früheren Ausbrüchen von Coronaviren wie SARS und MERS hat es anscheinend ebenfalls "Superspreader" gegeben.

Die Forscher haben jetzt auch von einem Journalisten-Netzwerk dokumentierte Superspreader-Events analysiert. Dabei gelten vor allem religiöse Feierlichkeiten und in Innenräumen stattfindende Veranstaltungen als Auslöser vieler Infektionen mit dem Coronavirus.

Hat "Patientin 31" mehr als 5.000 andere angesteckt?

Besonders spektakulär ist der Fall der sogenannten "Patientin 31" in Südkorea. Diese Frau hat auf einer Art Pilgerreise mehrere Gottesdienste der als Sekte eingestuften Evangelisten-Kirche Shincheonji an mehreren Orten besucht, bevor sie positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurde. Es wird angenommen, dass mit diesen Veranstaltungen im Februar mehr als 5.000 Fälle begonnen haben.

Macht die Nachverfolgung von Kontakten noch Sinn?

Spanien ist - wie viele andere Länder mit dem Nachverfolgen der Kontakte bei vielen Neuinfektionen überfordert. Die Erkenntnisse zum K-Faktor führen laut El Pais zu der Idee, auf die Erinnerung der Infizierten zu setzen. Die wichtige Frage sei: Wo bin ich mit dem Virus in Kontakt gekommen? Denn es ist sehr wahrscheinlich, dass es sich um ein sich Superspreader-Ereignis handelt. "Am besten wäre es, diejenigen, die den Cluster bilden, präventiv zu isolieren und eine detailliertere und rückwärts gerichtete Kobtakt-Nachverfolgung durchzuführen", erklärt Yamir Moreno von der Universität Saragossa, der die Auswirkungen dieser Ereignisse auf die Ausbreitung des Coronavirus in Spanien untersucht hat. "Auf diese Weise könnte man die Verzweigungen in jeder Übertragungskette sehen, die man bei der traditionellen Nachverfolgung nicht bemerkt", meint Moreno.