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Neapel: So nutzt die Camorra soziale Unruhen infolge von Corona aus

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Neapel: So nutzt die Camorra soziale Unruhen infolge von Corona aus
Copyright  Fabio Sasso/LaPresse FABIO SASSO
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Fabrizio Caliendo besitzt eine Bar im historischen Zentrum von Neapel, die Bar "Kestè". Er hat sich den jüngsten Protesten gegen die Corona-Maßnahmen angeschlossen, die überall in der Stadt immer mehr an Fahrt aufnehmen. Er fühlt sich von der Regierung im Stich gelassen, sagt er.

Zweimal ist er in seinem Leben schon Opfer der Mafiagruppe Camorra geworden und hat seine Existenz verloren. Die Camorra macht sich auch die aktuelle Krise zunutze. Euronews-Korrespondentin Giorgia Orlandi fragt Fabrizio, was er für einen Zusammenhang zwischen der Camorra und den Corona-Protesten sieht.

Fabrizio Caliendo: _"Im Moment, in der Krise ist die oberste Priorität der Camorra, Geschäfte zu machen. Sie kauft die Immobilien oder Unternehmen auf, die jetzt auf den Markt kommen. Sie ist nicht daran interessiert, auf die Straße zu gehen oder Demonstrationen zu organisieren. Ich war an einem der gewalttätigsten Tage der Proteste mit dabei. Ich habe Freunde von mir gesehen, Geschäftsleute und Familien. Ich denke nicht, dass die Camorra hinter den Protesten steht." _

Camorra-Geschäftsmodell: Aufkauf insolventer Unternehmen infolge der Corona-Krise

Der Aufkauf von insolventen Unternehmen infolge von Corona-Beschränkungen scheint ein lukratives Geschäftsmodell der Camorra zu sein.

1998 führte Fabrizios Zeugenaussage zur Verhaftung von vier Camorra-Mitgliedern. Seitdem hat er sein Leben der Verteidigung seiner Freiheit gewidmet. Der Regierung wirft er mangelnde Unterstüzung vor.

Jetzt sieht er ein reales Risiko, dass sich Familien mit Schwierigkeiten in der aktuellen Krise an die Camorra wenden, um Hilfe zu erhalten.

Fabrizio Caliendo: "Wenn jemand mit einem interessanten Angebot vor der Tür auftaucht, bin ich mir nicht sicher, ob jeder noch einmal überprüft, woher das Geld stammt. Ich habe mich in der Vergangenheit entschieden, mein früheres Geschäft an eine Gruppe junger Käufer zu veräußern und nicht an die Camorra, die auch an mich herangetreten war."

Viele der Menschen, die auf die Straße gegangen sind, haben zuvor ihren Arbeitsplatz verloren. In dem Netzwerk "Il Sud Conta" haben sich mehrere Organisationen zusammengeschlossen und vertreten hunderte von Arbeitnehmern.

Lorenzo Baselice von "Il Sud Conta" sagt: "Ich denke, was die Menschen jetzt noch verzweifelter macht, sind zwei Dinge: die Verschärfung der gesundheitlichen Notlage und die wirtschaftliche Unsicherheit für die Zukunft."

Restaurant-Manager: Unternehmer sollten dem Staat keine Steuern mehr geben

Wegen des Mangels an Touristen leiden die meisten Unternehmen in Neapel. Restaurant-Manager Ivano Bembo kann das bestätigen, er sagt, der Protest müsste so weit gegen, dass die Unternehmen ihre Steuern nicht mehr an den Staat abgeben.

Ivano Bembo: "Der wirkliche Protest würde bedeuten, dass wir trotz der Beschränkungen geöffnet bleiben. Wir sollten damit aufhören, Steuern zu zahlen, damit die Behörden nicht unser Geld bekommen."

Die Anwohner, mit denen Euronews gesprochen hat, scheinen mehr über die Ausbreitung von Covid-19 besorgt zu sein als über eine Zunahme von sozialen Spannungen, so wie Barbesitzer Fabrizio Caliendo: "Wenn neue Restriktionen ohne eine richtige finanzielle Unterstützung der Bevölkerung eingeführt werden, dann wird sich die Situation noch viel schlimmer entwickeln."

Vielen Neapolitanern zufolge sind die Proteste in Neapel eine Art Alarmglocke für den Rest des Landes. Nach dem ersten Protest hier, haben sich die Demonstrationen landesweit ausgebreitet. Soziale Unruhen sind in Neapel nichts Neues. Doch diese Krise stellt das Talent der Italiener, irgendwie mit allem fertig zu werden, auf eine harte Probe.