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Ilham Kadri - damit die Chemie stimmt

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Ilham Kadri
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Sie ist eine Frau mit einer Mission und sehr erfolgreich. Ilham Kadris Aufstieg an die Spitze war alles andere als zwangsläufig, aber jetzt ist sie laut Fortune Magazine eine der mächtigsten Wirtschaftsführerinnen der Welt. Sie ist CEO des belgischen Chemieunternehmens Solvay. Ihr Auftrag - der heilige Gral der Unternehmen heutzutage - ist es, Solvay nachhaltig umzubauen und gleichzeitig die Rentabilität zu sichern.

Euronews-Reporterin Isabelle Kumar trifft Kadri an einem frostigen Dezembertag in Brüssel. Zu der Solvay-Chefin gesellen sich ein paar ihrer Mitarbeiter. Die Atmosphäre ist freundlich und entspannt, voller Plaudereien und Anekdoten.

Ilham Kadri ist seit 2019 CEO und hat sich sofort an die Arbeit gemacht. Sie hat einen wichtigen Schritt getan, indem sie Solvay auf das Pariser Klimaabkommen verpflichtet hat. Laut Kadri ist das eine "große Sache, weil wir aus der Kohle aussteigen, und dieses Unternehmen vor 159 Jahren mit dem Sodageschäft begonnen hat und Kohle als Primärenergie nutzt." Sie scheint von der Aufgabe nicht entmutigt zu sein, fügt aber hinzu: _"Wir wissen nicht, wie wir bis 2030 weltweit auf Kohle in der Produktion verzichten können. Aber wir haben uns dazu verpflichtet."
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Wenn Abfall wertvoll wird

Solvay ist eine der ältesten Chemie-Unternehmen der Welt. Kadri erklärt, dass das, was produziert wird, fast alle Facetten unseres Lebens durchdringt: von Autoteilen, Doppelverglasung, Soda, Handdesinfektionsmittel bis hin zur Vanille-Essenz in unseren Kuchen. "Wir bezeichnen die chemische Industrie übrigens als die Mutter aller Industrien", erklärt sie.

Das Portfolio ist breit gefächert, und Solvay will sich nun der Kreislaufwirtschaft öffnen. Das kann, wie Kadri erklärt, nur in Partnerschaft mit anderen gelingen. Ein großes Projekt, an dem in Zusammenarbeit mit dem Energieriesen Veolia gearbeitet wird, ist das Recycling von Autobatterien. Eine Batterie ist "voller wertvoller Edelmetalle, Lithium, Kobalt" und wenn diese wiederverwendet werden können, schließt sich der Kreis und "Abfall ist kein Abfall mehr!"

Großmutter als erste Vorbild

Kadri ist eine begnadete Rednerin. Sie erzählt, wie sehr Nachhaltigkeit zu ihrer eigenen Geschichte gehört. Sie ist in Casablanca aufgewachsen: "Wir lebten in einer sehr kargen Umgebung, der sparsame Umgang mit Lebensmitteln und Wasser bedeutete damals sehr viel." Ihre Großmutter war Analphabetin und ihr erstes Vorbild. "Sie lehrte mich die Liebe zu Büchern und den Respekt vor Menschen, die ihre Gedanken und Wissen schriftlich festhalten. Als gebürtige Afrikanerin liebte sie es, Weisheiten zu hören, und das habe ich von ihr übernommen."

Mit Kadri am Ruder scheint es Solvay bisher gelungen zu sein, den Covid-19-Sturm zu überstehen. Vielleicht ist es auch eine Lehre aus ihrer sparsamen Erziehung, dass sie die Krise praktisch angegangen ist. Sie erzählt mit einem gewissen Stolz: "Ich war der Chef der Maske und keine leitende Angestellte mehr. Wir waren alle auf der Suche, um genügend Masken aufzutreiben, um unsere Mitarbeiter zu schützen." Covid-19 war auch ein Beschleuniger für Reformen und Umstrukturierungen. Das hat auch zum Verlust von Arbeitsplätzen geführt, was Kadri bedauert, aber damit rechtfertigt, dass ein anderer Weg zum Scheitern hätte führen können. Langfristig werden diese "schmerzhaften" Entscheidungen mehr Arbeitsplätze retten, schlussfolgert sie: "Nach neun Monaten der Krise sind wir ein besseres Unternehmen, davon bin ich überzeugt."

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Was macht eine Führungskraft aus?

Kadri ist optimistisch und entschlossen. Darauf angesprochen, dass sie zwei gläserne Decken durchbrochen hat, nämlich die, eine Frau zu sein - dazu in einer männerdominierten Branche -, und afrikanischer Herkunft zu sein, lacht sie und erzählt mir, dass das nie ihre Absicht war. "In gewisser Weise, Isabelle, hatte ich nicht das Ziel, gläserne Decken zu durchbrechen, ich hatte nur das Ziel, mein Leben zu leben, meine Träume zu verwirklichen und meinen Leidenschaften zu folgen."

Ilham Kadris Selbstbewusstsein ist beeindruckend und entwaffnend zugleich. Auf die Frage zum Ende des Gesprächs, was Führung für sie bedeutet, gibt sie eine überraschende Antwort: "Man muss sich trauen, seine Verwundbarkeit zu zeigen, Verwundbarkeiten sind eine Stärke, keine Schwäche. Und ich glaube wirklich, dass Führungskräfte, die diese Eigenschaften nicht haben, scheitern und verschwinden werden." Und Kadri, so scheint es, hat nicht die Absicht, von der Bildfläche zu verschwinden.