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Chaos in der Drogenszene: Corona zerstört Hoffnungen

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Chaos in der Drogenszene: Corona zerstört Hoffnungen
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Die Coronavirus-Pandemie hat in kürzester Zeit die Welt verändert. Nach gut einem Jahr mit dem Virus gibt es zwar Hoffnung aufgrund in Schnellzeit entwickelter Impfstoffe. Aber die gewaltigen Auswirkungen der Coronakrise werden erst nach und nach sichtbar. Eine Unreported-Europe-Recherche in Polen.

Leere Alk-Flaschen, Medikamentengläschen, blutige Spritzen: Das heruntergekommene Praga-Viertel in der polnischen Hauptstadt ist Warschaus Schmuddel-Ecke. Ein Treffpunkt für Dealer und Junkies.

COVID-Chaos in der Drogenszene

Die europäische Drogenbeobachtungsstelle und die europäische Polizeibehörde Europol warnen: COVID-19 hat massive Auswirkungen auf Europas Drogenszene.

„COVID-19 hat weltweit Logistik und Lieferketten durcheinandergebracht, das gilt auch für Schmuggelrouten", erklärt euronews-Reporter Hans von der Brelie. "Wie reagieren Drogendealer und Drogenabhängige auf das COVID-Chaos? Eine Recherche in Warschau.“

Die Epidemie zwingt die Mitarbeiter der Hilfsorganisation PREKURSOR, Bluttests auf offener Straße durchzuführen – statt wie bislang im Sanitätsraum ihrer mobilen Klinik. Heute koordiniert Grundschullehrerin Malwina die Arbeit des Präventionsteams: Sie kann Pawel beruhigen. Er hat drei negative Testergebnisse und weder Aids, noch Syphilis, noch Hepatitis C.

„Über die Ergebnisse freue ich mich echt. Ich hatte eigentlich mit Schlimmerem gerechnet. Ich bin voll glücklich, dass das nicht der Fall ist. Danke für die negativen Testergebnisse", sagt Ex-Junkie Pawel, der jetzt eine Methadontherapie macht.

Drogenhandel im Darknet

Seit COVID hat sich der Drogenhandel ins Darknet verlagert. Und: Lieferservice nach Hause ist groß in Mode. Bei denen, die es sich leisten können.

Auch beim Straßendeal hat sich einiges verschoben: immer mehr Kleindealer verwenden sogenannte „tote Briefkästen“, eine Agententechnik aus der Zeit des kalten Krieges. Damit soll die wegen COVID verstärkte Straßenpräsenz der Polizei ausgetrickst werden. Ex-Junkie Ewa bestätigt die Europol-Analyse:

„Das Einzige, was seit COVID anders ist, sind die Drogendealer, die jetzt weniger direkten Kontakt mit den Käufern haben. Um es mal so zu sagen: der eine Typ sagt nem anderen Typ: Ich versteck den Stoff da und da. Begegnen tun die sich nicht mehr, das läuft alles über Telefon. Die verstecken die Drogen unter einem Backstein oder irgendwo in einem Loch in der Wand."

Abhängig in der Coronakrise

In der Anlaufstelle für Drogenabhängige trifft der euronews-Reporter Artur. Der frühere Lkw-Fahrer und Drogendealer war ins organisierte Verbrechen verwickelt, saß zwölf Jahre wegen Kidnapping im Gefängnis. Seit seiner Entlassung hängt er an der Nadel und wohnt zusammen mit einem Freund in einem Auto. Im vergangenen Frühjahr beschloss der Obdach- und Arbeitslose, mit dem Heroin Schluss zu machen:

„Wegen der COVID-Epidemie wird es schwieriger und schwieriger, Geld für Drogen aufzutreiben. Ich denke mal, dass es genau diese Angst ist, nicht mehr genug Geld für Drogen zu haben, die immer mehr Drogenabhängige dazu bringt, sich in ein Methadonprogramm zu flüchten. Denn viele schieben voll die Panik, eines Tages von Entzugsschmerzen gequält zu werden.“

Artur nutzt die Dienste der Anlaufstelle schon seit Jahren - er tauschte Nadeln, als er Drogen nahm - und jetzt, um sich zu waschen, eine warme Mahlzeit zu essen, Tee zu trinken. Er ist sehr ruhig, traurig und kann sich klar ausdrücken. Sein Traum ist es, vom Methadon wegzukommen, weil er eines Tages wieder einen LKW fahren möchte.

Die Anlaufstelle ist ein sehr lebendiger Ort, an dem ständig süchtige Menschen ein- und ausgehen. Die Pandemie hat vieles verändert. Man musste Beschränkungen einführen, um die Hygienevorschriften zu erfüllen: Nicht mehr als vier Klienten dürfen sich gleichzeitig auf dem Gelände aufhalten - eine Person kann bis zu 1 Stunde pro Tag drinnen verbringen und das Zentrum nicht mehr als einmal am Tag besuchen.

Das Drop-in-Center ist eine kleine Wohnung mit einem Fernsehraum, einem winzigen Büro, einer kleinen Küche, einem Schwesternzimmer, einer Toilette und einem Badezimmer. Um eine Drehgenehmigung für diesen Ort zu bekommen, hat euronews versprochen, nicht das Äußere des Gebäudes zu filmen und die Adresse nicht zu veröffentlichen. Die Hilfsorganisation hat Angst vor Nachbarn, Rechten und Neonazis. In Polen gibt es eine lange Geschichte von Nachbarn, die ähnliche Initiativen bekämpfen, wenn sie feststellen, dass "Süchtige dort leben". Das Drop-in-Center ist legal und wird von der Warschauer Stadtverwaltung finanziert, aber man möchte lieber diskret bleiben.

COVID liberalisiert die Methadonabgabe

Vor COVID mussten die allermeisten Teilnehmer einer Methadontherapie ihren Ersatzstoff täglich in Kleinstmengen abholen. Damit sich das COVID-Virus nicht im Durcheinander der Warteschlangen ausbreitet, werden jetzt große Methadonmengen verteilt – jeweils genug für zwei Wochen. Die Leiterin der Anlaufstelle begrüßt das:

„Ich denke, es gibt eine Gruppe von Entzugsprogramm-Patienten, für die tägliche Besuche in der Methadonabgabestelle schädlich sind", sagt die Leiterin des Drop-in-Centers Aleksandra Sta´nczak-Wiercioch. "Das schafft neue Abhängigkeiten, die mit der dortigen Umgebung zusammenhängen, denn dort begegnen sie dauernd anderen Drogenabhängigen. Wenn man da oft hin muss, dann trifft man oft Leute, die Drogen verwenden und zum Kauf anbieten. Das ist toxisch und gefährlich.“

Das polnische Drogenpolitiknetzwerk drängt auf eine Gesetzesänderung, Methadon solle über Apotheken abgegeben werden so die Forderung an die polnischen Volksvertreter in Sejm und Senat.

Ende September 2020 richtete das Polnische Netzwerk für Drogenpolitik PDPN einen Appell an die Präsidentin des Sejm, Elżbieta Witek, und den Präsidenten des Senats, Tomasz Grodzki, mit der Bitte um "die sofortige Wiederaufnahme der Arbeit an dem vom nationalen Büro für Drogenprävention NBDP vorbereiteten Entwurf zur Änderung des Gesetzes zur Bekämpfung der Drogenabhängigkeit". Nach Meinung der PDPN-Experten handelt es sich hierbei um ein dringend benötigtes Projekt, dessen Verabschiedung dazu beitragen würde, Menschen mit Opioidkonsumstörungen in größerem Umfang zu behandeln und damit zur Verbesserung der öffentlichen Gesundheit in Polen beizutragen.

Olga sieht den Schwenk von kontrollierter Methadonabgabe im Tagesrhythmus hin zu einer Quasi-Liberalisierung skeptisch. Seit ihrer Jugend ist sie auf Drogen: Hasch, Koks, Heroin – Olga ist durch die Drogenhölle gegangen, volles Programm. Seit sechs Jahren klammert sie sich an den Rettungsanker Methadon:

„Mal ganz ehrlich, da schreiben sich Leute in Methadonprogramme ein, nicht etwa um wegzukommen von ihrem Drogenproblem, sondern ganz im Gegenteil: Für die ist Methadon kein Drogen-Ersatzstoff, die trinken das überhaupt nicht, die verkaufen. Wenn die jetzt wegen COVID auf einen Schlag Methadondosen für zwei Wochen bekommen, dann vertickern die das weiter. Und von dem Geld, das wissen doch alle, kaufen die sich nicht etwa was zum essen oder so, nein, davon kaufen die sich Drogen.“

Die Epidemie zerstört Hoffnungen

Doch das ganz große Problem liegt anderswo: Die Epidemie zerstört Arbeitsplätze – und damit Hoffnungen von Menschen wie Wojtek (ein Pseudonym). Der frühere Heroindealer und gelernte Küchenchef wollte aussteigen. Doch dann holte ihn COVID zurück in den Teufelskreis von Arbeitslosigkeit und Kriminalität.

"Die Epidemie hat mein Leben über den Haufen geworfen", erzählt Wojtek. "Als ich aus dem Gefängnis entlassen wurde und endlich einen normalen Job gefunden hatte, sah alles prima aus. Ich hatte sogar eine Wohnung. Doch dann habe ich alles wieder verloren, Job und Zimmer, wegen der COVID-Krise. Irgendwann kam ich an den Punkt, an dem ich wählen musste zwischen Obdachlosigkeit oder Rückfall in die Diebstahl-Routine. Ich weiß, dass viele Leute sich in derselben Situation befinden, zwischen zwei Wegen wählen müssen, wegen der Epidemie."

Nach einem Zwischenstopp bei seinem Therapeuten in der Methadonklinik, erzählt Wojtek dem euronews-Reporter seine COVID-Tragödie auf der Parkbank: Super Job in angesagter Bar, echt coole Location, gute Kohle, ehrliches Geld. Dann der COVID-Scheiß: Bar zu, Job weg. Wojtek wurde wieder zum Dieb. Denn bei der Arbeitsagentur flog er dreimal raus: Null Chance für Leute wie ihn:

"Küchenarbeit ist mein Lebenstraum, ich habe Koch gelernt. Klar, blöd gelaufen, wegen COVID geht da jetzt gar nichts mehr, ist halt so. Es gab mal eine Zeit, da hing ich an der Nadel, zwei Jahre lang, da habe ich den Stoff, von dem ich selber abhing, auch Heroin gedealt. Voll das Massaker."

Heute ist Wojtek clean. Keine Drogen mehr. Doch immer noch ist er abhängig: Alkohol, Huren, Glücksspiel - das kostet. Vor zwei Stunden hat ihn sein Hehler ausgezahlt:

"Das ist nichts, ein Fliegenschiss, grad mal 3000 Zloty (ca. 660 Euro), kann man vergessen", meint er. "Normalos kommen damit hier in Polen einen Monat über die Runden. Für mich reicht das gerade mal ein oder zwei Tage, höchstens. Mein Ding, das sind die Lagerhallen, da gibt’s massenhaft von hier in Warschau. Derzeit, also mit dieser Epidemie, ist es einfacher zu stehlen, als sein Geld mit einem ehrlichen Job zu verdienen."

Der unendliche Kampf gegen die Drogen

Während Wojtek dreckiges Geld macht, fährt der euronews-Reporter zum Sitz des polnischen Grenzschutzes.

Arkadiusz Olejnik ist einer der Top-Ermittler und zeigt uns das hochmoderne Labor, in dem seine Kollegin Drogenfunde analysiert. Wegen COVID überqueren weniger Autos die Grenzen, weshalb Drogenschmuggler ihre Ware immer besser verstecken: in Ventilatoren, Wärmepumpen, Kisten voller COVID-Masken, Fahrzeugen:

"Wir finden immer mehr Drogen im Fahrzeuggestell. Die präparierten Fahrzeuge haben es schwer, unentdeckt von Spanien über Frankreich und Deutschland nach Polen zu kommen. Was die Zukunft betrifft: Wir denken, dass die kriminellen Vereinigungen wieder auf ihr Gewinn-Niveau der Vor-COVID-Zeit kommen wollen, weshalb sie ihre kriminellen Aktivitäten intensivieren werden."

Die Beschränkungen der ersten COVID-Welle verringerten vorübergehend den grenzüberschreitenden Drogenhandel. Doch das organisierte Verbrechen ist hochgradig flexibel. Der Kampf gegen Drogendeal und Sucht geht weiter.

Cutter • Sebastien Leroy

Weitere Quellen • Stringer: Dawid Krawczyk; VFX: Sebastien Leroy; Kamera: Hans von der Brelie; Licht- und Tontechniker: Hans von der Brelie; Übersetzer: Dawid Krawczyk, Ewa Anuszkiewicz; Produktionsleitung: Sophie Claudet; Produktion: Géraldine Mouquet