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Erdbeben-Hauptstadt Bukarest: Tausende leben in maroden Häusern

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Erdbeben-Hauptstadt Bukarest: Tausende leben in maroden Häusern
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Bukarest gilt als die Hauptstadt mit dem größten Erdbebenrisiko in der EU. Rund 350 Gebäude in der rumänischen Hauptstadt sind stark einsturzgefährdet. Violeta und Assad Hussien wohnen in einem dieser Häuser. Ihr Wohnblock wurde 1934 gebaut und würde bei einem Erdbeben mit einer Stärke von 6 oder mehr auf der Richterskala mit großer Wahrscheinlichkeit zerstört. Zu ihrem Schutz haben sie ein Erdbeben-Survival-Kit mit Wasser, Trillerpfeife, Verbänden und einer Gesichtsmaske bekommen. Ansonsten wird wenig getan.

Das Paar bemüht sich seit 21 Jahren darum, dass ihr Gebäude renoviert wird. Es hat Bauarbeiten gegeben, die aber nie fertig gestellt wurden. "Einmal gab es ein Erdbeben, das stärker war als andere", erzählt Violeta Hussien. "Es kam nachts. Wir sind wie die anderen paar Eigentümer der Wohnungen im 5. und 6. Stock und wie die aus den anderen Häusern in unseren Schlafanzügen nach unten gerannt und haben uns auf der Straße getroffen. Das ist wirklich so passiert."

Experte: Schweres Erdbeben würde Tausende Opfer bedeuten

Die einsturzgefährdeten Gebäude in Bukarest werden per Schild auf der Hauswand rot markiert. Der Geographie-Professor Bogdan Sudito will, das mehr passiert. Er hat die Nichtregierungsorganisation "Make Better" für eine bessere Stadtentwicklung gegründet und eine Online-Karte entwickelt, auf der die gefährdetesten Gebäude markiert sind. Das älteste Haus auf der Karte stamme aus dem späten 19. Jahrhundert und habe mindestens sechs Erdbeben erlebt, so Sudito.

In Bukarest erinnert man sich besonders an das Beben von 1977. Es hatte ein Stärke von 7,2, rund 1600 Menschen starben, etwa 33.000 Gebäude wurden zerstört oder beschädigt. Trotzdem wurden seit dem nur wenige Gebäude erdbebenfest gemacht. Suditu: "In den 317 Gebäuden, die als einsturzgefährdet gelten, leben mehr als 8000 Menschen. Wenn es heute ein Erdbeben mit einer ähnlichen Stärke wie das vom 4. März 1977 geben würde, würde es mindestens 8000 Opfer geben."

Es fehlt an Wissen, Gesetzen, Geld und Willen

Die Eigentümerinnen und Mieter haben Angst und fühlen sich machtlos. Mangelnde Ressourcen, Bürokratie, politische Machtkämpfe und Korruption sorgen dafür, dass kaum etwas getan wird. "Im Moment haben wir weder das technische Wissen, noch die richtigen Gesetze, noch das Geld und keinen Sinn fürs Gemeinwohl, der dazu führen würde, die Mieter und Eigentümer zu retten", kritisiert Suditu.

Das Entwicklungsministerium hat uns auf unsere Interviewanfrage eine Absage erteilt. Im Bukarester Rathaus hat uns Edmond Niculusca, Leiter der Abteilung für einsturzgefährdete Gebäude, erzählt, dass er mit der Regierung, der Europäischen Union und internationalen Banken verhandle, um Lösungen zu finden. Es gebe 15 neue Aufbauprojekte: "Wir sind erstmals im Gespräch mit der Nationalen Denkmalbehörde, der Technischen Universität, dem Architektenverband, mit Experten, die uns dabei helfen können, eine Strategie zu entwickeln."

Bauliche Lösungen wird es also kurzfristig nicht geben, deswegen richten sich alle Augen auf das rumänische Erbebeninstitut, das die seismischen Aktivitäten anhand acht lokaler Messstationen im Land überwacht. Wann es in Bukarest das nächste große Erdbeben geben wird, kann so nicht vorausgesagt werden, sagt Constantin Ionescu, Leiter des Instituts, wohl aber dessen Auswirkungen: "Wir haben eine spezielle Software, die ein eventuelles Erdbeben auswerten würde. Jede seismische Station erfasst die Erschütterungen, so können wir messen, wie stark das Beben in der Stadt war. Anhand all der Parameter, die wir kennen, können wir die speziellen Auswirkungen für bestimmte Gebäude nachvollzienen."

Helfer: "Größte Sorge ist, selbst verschüttet zu werden"

Derweil bereiten sich Feuerwehrleute, SanitäterInnen und Ehrenamtliche für den Ernstfall vor. Die Nichtregierungsorganisation Clubul Caini Utilitari bildet 20 Hunde aus, die Überlebende unter Trümmern finden sollen. Die Tiere waren gerade nach einem Erdbeben in Albanien im Einsatz. Alle sind theoretisch gut vorbereitet und ausgebildet, so Vlad Popescu von der Organisation. Doch ein richtiger Einsatz sei etwas anderes: "Unsere größte Sorge ist, dass unsere Freiwilligen selbst verschüttet werden könnten. Wir Trainer, Ehrenamtliche und Hundeführer müssen es schaffen, uns zusammenzureißen, so dass wir helfen können. Denn das, was bei einem Einsatz passiert, steht uns nahe und ist für uns emotional. Wir hoffen, dass wir dann das umsetzen können, was wir all diese Jahre erprobt haben."

In Bukarest gibt es aber auch Gebäude, die erdbebensicher sind: Cristina Iordache wohnt in einem Haus, das bei dem verheerenden Erdbeben von 1977 beschädigt und danach komplett mit Stahl- und Zement innerhalb und außerhalb der Gebäudestruktur verstärkt wurde. Die EigentümerInnen der Wohnungen hat das 500 Euro pro Quadratmeter gekostet. Cristina Iordache hat ihre Wohnung erst gekauft, nachdem die Sicherungsarbeiten abgeschlossen waren: "Vor dem Kauf haben wir Tests gemacht. Wir haben einen Bauingenieur beauftragt, der sich alles angeguckt hat. Wir haben die Firma befragt, die die Arbeiten gemacht hat, uns die Papiere angeguckt. Erst dann haben wir uns zum Kauf entschlossen. Seit dem wir hier wohnen, haben wir nur ein Erdbeben erlebt und das war nicht so schlimm."

So wohnen wie sie können in Rumänien nur wenige: Schätzungen zufolge sind 35 Prozent der Wohnungen und Häuser im Land dringend renovierungsbedürftig.