Eilmeldung
This content is not available in your region

Strukturwandel in Rumänien: Green Deal statt schwarzem Gold

euronews_icons_loading
Strukturwandel in Rumänien: Green Deal statt schwarzem Gold
Copyright  euronews
Schriftgrösse Aa Aa

Überall Kohle. Einst war das Schiltal das Ruhrgebiet Rumäniens. Doch Kostenexplosion und Klimawandel erzwingen ein Umdenken - weg vom schwarzen Gold. Aus der einstigen Industrieregion in den Karpaten ist ein Notstandsgebiet geworden. Schafft Rumänien den Wandel? Thema dieser Unreported-Europe-Reportage.

Unsere Flugdrohne taucht ein in das "Tal der Tränen": Die Apokalypse des Kohlezeitalters, hier ist sie sichtbar. Bergwerksruinen so weit das Auge reicht: Wir sind im Schiltal, hier schlägt Rumäniens Herz aus Kohle.

Wie Perlen auf einer Kette liegen sie hintereinander aufgereiht, die kleinen Bergbaustädtchen Siebenbürgens, unter einem grauregnerischen Herbsthimmel, gewachsen um Fördertürme, Kohlewaschanlagen, Kraftwerke, Frachtgleise, Schächte und Förderbänder... Aus der Luft kann man es gut erkennen, hier dreht sich alles um Kohle, Kohle, Kohle. Und man versteht auf einen Blick die Bedeutung des Ausdrucks industrielle Monostruktur. Im Schiltal gibt es sie in Reinkultur, "Kohle pur" sozusagen.

Schwieriger Strukturwandel der Kohleregionen Europas

Wie kann die Europäische Union Europas Kohleregionen bei ihrem Strukturwandel begleiten? Schafft es Rumänien, die Weichen zu stellen in Richtung eines sozialverträglichen Übergangs? Das sind einige der Fragen in unserem Reporter-Gepäck. Eine Woche haben wir Zeit, das Tal zu erkunden, mit aktiven und ehemaligen Kohlekumpeln zu sprechen, sie an ihren Arbeitsplatz zu begleiten - und nach Hause. Wir werden mit Direktoren von bankrotten Bergbauunternehmen und Kohlekraftwerken reden, mit Start-Up-Unternehmern und Hausfrauen, mit Bürgermeistern von Kleinstädten, mit bärtigen Bau-Unternehmern und einem Universitätsdirektor und: mit dem vermutlich reichsten Mann des Schiltales. Zurück in der Hauptstadt Bukarest dann mit Experten und Kohlekritikern, und natürlich mit dem Wirtschafts- und Energieminister Rumäniens.

Das erste Bergwerk öffnete 1840. Kohle aus dem Schiltal ermöglichte die Industrialisierung weiter Teile Europas. Aus Gegenden, die heute zu Ungarn, Deutschland, Rumänien, Polen, Moldawien und der Ukraine gehören, zogen junge Männer mit ihren Familien hierher. Europas Grenzen verschoben sich, mal so, mal so, doch im Schiltal drehte sich alles nur um das "schwarze Gold" tief unten im Berg. Ein buntes Völkergemisch etablierte sich, untertage lernte man hundertprozentiges Vertrauen. Im Tal lebten unzählige Kulturen, Sprachen, Glaubensausprägungen miteinander: Multikulti-Realität bevor das Wort entstand. Die Menschen im Schiltal waren stolz auf ihre Arbeit, die Kraft ihrer Arme, ihren Erfindungsreichtum. Keine Frage: Das Tal hat eine glorreiche Vergangenheit. Doch was ist mit der Zukunft?

Der frühere Bergmann Cătălin Cenușă kennt jeden Schleichweg durch das Areal des aufgegebenen Bergwerks Petrila. Vor fünf Jahren (2015) wurde die Zeche Petrila geschlossen, - doch immer noch wird hier Kohle aus einer benachbarten Mine umgeladen und in ein nahegelegenes Kraftwerk transportiert. Petrila war das tiefste Bergwerk in Europa, einige Schächte gingen tausend Meter hinab in den Bauch der Erde. Hier wurde seit 150 Jahren Kohle gefördert, zeitweise arbeiteten dort 5000 Bergleute, zuletzt waren es noch rund 300.

Gegen Ende der kommunistischen Ära gab es 16 Zechen im Schiltal, heute sind es noch vier. Von 50.000 Kohle-Arbeitsplätze in den 90er Jahren blieben etwa 4000, Bergleute und Arbeiter in den Kohlekraftwerken zusammengerechnet. Bei rund 150.000 Bergtalbewohnern haben diese Zahlen eine Bedeutung, und zwar keine gute. Diese Zahlen bedeuten: hier ist die regionale Wirtschaft zusammengebrochen. Denn der brutale Bruch Ende der 90er verlief chaotisch, das Alte kam weg ohne dass etwas Neues geschaffen wurde. Es kam zu gewaltsamen Protestmärschen auf die Hauptstadt Bukarest, zu Massenarbeitslosigkeit und massiver Abwanderung.

Staublunge

Cenușăs Lungenflügel sind beschädigt, er leidet an einer Staublunge, wie viele im Schiltal. Einer seiner beiden Lungenflügel funktioniert nur noch zu einem Drittel. Seine Bewegungen sind langsam, man sieht ihm an, dass er schnell müde wird. "In den vergangenen drei Jahren habe ich 15 Kilogramm Körpergewicht verloren", vertraut er dem Euronews-Reporter an. Als er das erste Mal hinabfuhr in den Stollen war er noch keine 18 Jahre alt. Doch die harte Arbeit gefiel ihm. Heute hat er hat Ringe unter den Augen, der 50jährige wirkt gut zehn Jahre älter als er ist.

Wir klettern vorsichtig vorbei an nur halb verdeckten Gruben, verrostete Eisenplatten angeln nach Hosenbeinen, an den schier unendlichen Gemäuern der alten Zeche prangen wuchtige Graffiti zu Ehren der Bergleute, gesprüht von jungen Künstlern aus der Stadt. Cătălin Cenușă hat sich eine fluo-orangene Warnweste übergestreift, "Retter der Kultur" steht dort zu lesen. Denn das ist es was er will, die Erinnerung bewahren an die Kohlekultur.

Der heute schmächtige Mann greift zum Telefon, nach einer Minute hat er die Info, in einer halben Stunde kommt der Frachtzug mit der nächsten Kohleladung. Wir zwängen uns durch herausgebrochene Ziegelmauerreste, die Türe fehlt hier schon seit Jahren, im Halbdunkel des langgestreckten Verladeschuppens über den Gleisen glimmen fahl einige gelbliche Glühbirnen. Wir warten. Der müde Mann erzählt:

"Ich habe 27 Jahre untertage geschuftet. Nie gab es genug Luft, da unten ist viel zu wenig Sauerstoff. Zusammen mit anderen Gasen und dem ständigen Staub führt das bei allen Bergleuten zu Lungenproblemen. Ehemalige Bergleute haben eine stark verkürzte Lebenserwartung, neulich gab es da diese Studie, hier im Schiltal sterben viele Bergleute zwischen 56 und 65, wegen Staublunge oder anderer Lungenkrankheiten."

Dann ertönt ein langgezogener Pfiff, eine kleine Rangierlokomotive schiebt eine lange Reihe voll beladener Schüttgutwaggons in den Schuppen. Ohrenbetäubend laut rumpeln die Räder über die uralten Schienen. Cătălin Cenușăs Freunde aus dem benachbarten Bergwerk entladen den Zug, mit langen Stangen stochern sie in der nassschweren Steinkohle, die an den Waggonrändern klebt, nicht in die Kohlegrube unter den Schienen rutschen will. Cenușă greift zu einem schweren Eisenschwengel, schlägt laut dröhnend gegen den Waggon, hilft einige Minuten, bevor ihn wieder diese Müdigkeit packt.

Rettung durch Europas Green Deal?

Das Schiltal liegt in den Bergen, im Südwesten Rumäniens, von Bukarest aus waren es sechs lange Stunden Autofahrt. Petrila und andere Zechen wurden bereits vor Jahren geschlossen. Doch einige wenige Bergwerke arbeiten noch. Vor dem Eingang der Zeche Livezeni hängen die rumänische und die europäische Flagge einträchtig nebeneinander. Kurze Debatte mit den Gewerkschaftsleuten, so gut wie die Bergleute sind nur wenige Berufszweige organisiert in Rumänien. Dann die Entscheidung, klar, filmen kein Problem, aber nur ohne unsere Kollegin Mari Jeanne, sie übersetzt und organisiert, denn Frauen dürfen nicht in den Umkleidebereich, Männerdomäne. Der Direktor hat ebenfalls sein grünes Licht gegeben.

Schichtwechsel in der Zeche Livezeni: die zweite Belegschaft lässt sich durch ein kleines Fenster des Materiallagers Grubenlampe, Sicherheitsausrüstung und Erkennungsmarke geben. Neben dem Förderkorb bleiben einige Minuten Wartezeit, an der Wand ein hohes Kreuz, im Düsterdunkel des kaum beleuchteten Raumes blinkt golden das segnende Bild der Muttergottes. Die Männer rauchen eine letzte Zigarette - untertage geht das nicht mehr, Explosionsgefahr. Einige schweigen, andere erzählen Witze. Man spürt, das ist ein eingespieltes Team.

Gabriel Radu und seine Kollegen haben mitbekommen, dass der rumänische Wirtschaftsminister soeben seine Unterschrift unter zwei weitere Zechenschließungen im Schiltal gesetzt hat. 2024 ist es so weit. Doch von der Wut der 90er Jahre, als die Bergleute mit Eisenstangen auf Bukarest marschierten, es gab Tote und Verletzte, davon ist heute nichts mehr zu spüren. Sie wissen, an den Zechenschliessungen führt kein Weg vorbei, die Kohle ist unrentabel, zu tief unten, zu teuer. Und es hat sich herumgesprochen, dass die EU nunmehr tief, ganz tief in die Tasche greift, um - hoffentlich - wirklich etwas Neues zu ermöglichen im Schiltal.

Mit ihrem Green Deal versucht die Europäische Kommission, den Strukturwandel abzufedern, sogar ein spezielles Finanzierungsinstrument wurde geschaffen. Allerdings hängt alles davon ab, ob die Haushaltsverhandlungen auf EU-Ebene erfolgreich abgeschlossen werden können. Für die kommenden sieben Jahre hat die Kommission 40 Milliarden Euro Direkthilfen für Europas Kohlegebiete vorgemerkt. Diese Kohle-Ausstiegsgelder stecken in einem neuen "Budget-Topf" mit der Aufschrift "Just Transition Fund", was man gut mit Strukturwandelhilfe übersetzen kann.

Doch das ist nicht alles. Hinzu kommen Umwidmungen anderer Budget-Linien, beispielsweise aus dem EU-Sozialfonds und Geld aus dem Unternehmensförderungsprogramm EU Invest. Und damit auch wirklich Ernst gemacht wird mit dem Strukturwandel und dem Kohleausstieg, sollen auch europäische Investitionsbank, private Geldgeber, nationale Hilfsprogramme intelligent miteinander verkoppelt werden, Multiplikatoreffekt nennt sich das. Insgesamt stehen 150 Milliarden für den Strukturwandel zur Verfügung. Hört sich wirklich gut an, vielleicht ist es das auch. Allerdings haben bereits einige grüne Mitglieder des Europaparlamentes vor "Taschenspielertricks" gewarnt.

Der Zehn-Tonnen-Kohle-Pro-Tag-Mann

Kohle-, Torf- und Ölsand-Abbau spielen noch in rund hundert europäischen Regionen eine Rolle, die Zahl der "fossilen Arbeitsplätze" in der EU wird grob geschätzt auf etwa 240.000 beziffert. Gabriel Radu ist einer von ihnen.

Aufgestanden ist er mitten in der Nacht, um vier Uhr. Zu Fuss hat er den Weg von seinem Wohnblock zum Bergwerk Livezeni zurückgelegt. Um sechs Uhr war er untertage im Stollen. Schichtende der extrem harten Arbeit: kurz vor Mittag. Der rundliche Mann mit den gewaltigen Oberarmen steht drei Monate vor seiner Pensionierung. Im Duschraum wäscht er sich lange den Kohlenstaub aus Haaren und Hautporen, schlüpft in seinen bequemen Trainingsanzug. Ein kurzer Blick in den Spiegel neben dem Ausgang, hinab die Treppe, einige lange Flure durchquert - dann eilt er wieder nach Hause. Man sieht ihm an: Der Mann ist hungrig.

Besuch bei Gabriel und Mariana Radu zuhause. Eine bescheidene Zweizimmerwohnung in einer Plattenbausiedlung. An der Wand des Wohnzimmers hängt ein Bild mit einer exotischen Fantasielandschaft und einem Liebespaar. Gabriel Radus Frühschicht war hart. Sein Stollen liegt 500 Meter tief. Kollegen nennen Gabriel den Zehn-Tonnen-Kohle-Pro-Tag-Mann. Auch sein Sohn arbeitet untertage.

An der Wohnungstüre begrüsst Mariana ihren Gabriel mit Küsschen. Vor einigen Jahren gab es einen Unfall, ein Stollen stürzte ein, Gabriel Radu überlebte, musste aber seine komplizierten Brüche lange im Krankenhaus auskurieren. Seine Frau freut sich, ihren Mann heute unbeschadet zurückzuhaben, die beiden verstehen sich gut, das merkt man. Aber Marianas Ausblick in die Zukunft ist düster:

"Außer dem Bergwerk gibt es hier nichts. Und wenn man sich den Lohn ansieht, es reicht nie. Hier gibt es keine Zukunft mehr. Die jungen Leute gehen weg, ins Ausland, da kann man noch Geld verdienen. Wo sollen sie auch sonst hin, hier gibt es einfach keine Arbeit. Alles ist geschlossen. Sollen wir alle in einer Kneipe arbeiten, sonst hat ja nichts mehr offen hier."

Ihr Mann meint: "Wenn es nach mir ginge, dann sollte man mit dem Kohle-Abbau weitermachen, dann hätten die ganzen jungen Leute einen Job. Wenn allerdings die Europäische Union alle Kohlebergwerke schließen will, nun ja, dann..."

Mariana Radu: "Ich fürchte, wenn die letzte Kohlezeche schließt, dann kann gleich das ganze Schiltal schließen. Die Bergwerke sollten nicht schließen, sie sollten offen bleiben, man sollte sie modernisieren, Geld investieren und weiter untertage arbeiten."

Und Gabriel Radu ergänzt: "Es ist ein Jammer. Es tut mir echt leid, dass es mit dem Kohlebergbau hier im Schiltal zu Ende geht."

Er reibt sich die Augen, ob aus Müdigkeit und Erschöpfung oder um ein paar Tränen zu verdrücken ist unklar. Mit vielen Kollegen teilt er ein Gefühl der Resignation, hier im Tal wissen alle, dass es mit der Kohle zu Ende geht. Die Frage ist nicht ob, sondern wann.

Kohle ist die Nabelschnur

Kohle ist auch im Werk der Künstlerin Eunice Gall gegenwärtig: im Schiltal leben Menschen mit einem Herzen aus Gold und rauer Schale. So könnte man das grossformatige Tuschbild im Eingangsbereich des kleinen Hotels interpretieren, in dem wir mit dem Euronews-Team übernachten. Unglaublich filigran gezeichnete Bergtaldörfer, Häuser, Bauerngehöfte, Kirchlein und Katen sind mit einem kohleschwarzen, allmächtigen Zentrum verbunden, einem Berg aus Kohle, der seine getuschten Arme ausstreckt nach den Weilern und den Menschen. Doch im Herzen des Berges schimmert es, das Blattgoldherz des Schiltales.

Weder Gold noch Geld - dafür ein finanzieller Abgrund: Das ist die Lage des Bergwerkkonzerns Hunedoara, eigentlich nur noch eine staatliche Abwicklungsgesellschaft, verwaltet von einem Gewerkschaftsboss. Cristian Rosu war selber einfacher Bergmann untertage, jetzt gräbt er sich durch einen Schuldenberg. Hunedoara steckt mitten im Insolvenzverfahren, Rosu will restrukturieren:

"Im Schiltal sind noch vier Kohlezechen in Betrieb, zwei davon - Lupeni und Lonea - werden bald geschlossen. Die anderen beiden, Vulcan und Liveseni, haben kein festes Abwicklungsdatum und arbeiten weiter, so wie Zechen anderswo in der Europäischen Union, vor allem in Deutschland und Polen. Solange Kohle aus deutschen und polnischen Bergwerken geholt wird, machen wir hier in Vulcan und Liveseni dasselbe. Man muss bedenken, dass es keine anderen Arbeitsplätze gibt für die Menschen hier, es gibt sonst keine Industrie. Meine Eltern haben in der Kohle gearbeitet, meine Großeltern und deren Eltern auch. Das gilt für alle Familien hier. Wir hängen an der Kohle wie an einer Nabelschnur."

Wir bleiben einige Zeit mit Rosu im Gespräch. Warum sind denn Lupeni und Lonea nicht längst geschlossen, wollen wir wissen, erinnern an eine alte Vereinbarung der rumänischen Regierung mit der Europäischen Kommission. Vor Jahren hatte man sich auf 2018 als Datum geeinigt - jetzt schreiben wir 2020... "Man kann ein Kohlebergwerk nicht schliessen, wie man ein Geschäft schliesst, Schlüssel umdrehen, und das war es dann", meint Rosu. "_Die Städte sind von den Stollen untertunnelt, es gibt Risiken von Methanaustritten, Grubengasexplosionen, Wassereinbrüchen, Erdreich könnte absacken... - wenn die Zechen unsachgemäss und überhastet geschlossen würden." _

Um seine Argumentation zu belegen, verweist er auf die Studie eines polnischen Unternehmens, eine externe Expertise. Die sei zu dem Schluss gekommen, dass 2018 nicht machbar gewesen sei. Jetzt soll von 2024 bis 2027 geordnet geschlossen werden, Zug um Zug, allerdings nur zwei der vier Zechen, das betont Rosu mehrmals.

Es ist interessant, wie oft im Schiltal von unterschiedlichsten Akteuren auf Deutschland und Polen verwiesen wird. Es ist offensichtlich, dass hier keiner versteht, warum man vom wirtschaftlich schwächeren Rumänien erwartet, rasch alle Kohlezechen zu schliessen - während die sehr viel besser situierten Länder Polen und Deutschland einfach weitermachen mit der Kohle. Gut, auch in Rumänien hat sich der "Ausstiegsfahrplan" der deutschen Kohlekommission herumgesprochen, doch alle Gesprächspartner geben sich hart: Früher als Deutschland steigen wir hier in Rumänien auf gar keinen Fall aus der Kohle aus.

Rumäniens Kohlekraftwerke sind veraltet

Als Insolvenzverwalter des Bergbaukonzerns öffnet uns Rosu auch die Türen des Uraltmeilers Paroseni. Paroseni ist das älteste Kohlekraftwerk im Lande, eröffnet wurde es 1956. Seit Jahren gilt Rumänien als einer der schlimmsten Luftverschmutzer Europas. Die Europäische Kommission strengte mehrere Verfahren an, jetzt werden einige der größten Dreckschleudern abgebaut. Ganz. Halb. Teilweise. Je nach dem, wo man sich umsieht...

Rumäniens Kohlekraftwerke sind veraltet, die meisten können die von der Europäischen Kommission überwachten Umweltnormen nicht erfüllen - kein Wunder bei einem Durchschnittsalter von 42 Jahren. Wir bekommen Zutritt zu den ausgeweideten Industriekathedralen des Paroseni-Uraltmeilers, hier könnte man problemlos ein Kreuzfahrtschiff zwischenparken, die Dimensionen der Halle sind gigantisch.

Doch ein Kraftswerksblock in Paroseni wurde modernisiert: japanische Filtertechnik vom Feinsten, eine Nachrüstung für satte 200 Millionen Euro, alles in allem. Doch damit ist das CO2-Problem nicht gelöst. Paroseni und all die anderen Kohlekraftwerke heizen das Erdklima massiv auf. In der Rauchgasentschwefelungsanlage wird jetzt zumindest der gröbste Dreck aus dem Schlot geholt, mithilfe von Kalkstein und Chemie.

Interview mit dem Direktor des Betriebs:

"Der sich noch in Betrieb befindliche, modernisierte Kraftwerksblock erfüllt nicht nur alle derzeitigen Umweltanforderungen, sondern auch die sehr viel strengeren des kommenden Jahres", erklärt Doru Visan. "Sehen wir uns das Gesamtbild an: Die Abschreibungsfrist der Anlagen beträgt 28 bis höchstens 30 Jahre, das entspricht dem Förderzeitraum der Kohle, beides wird gleichzeitig zu einem Ende kommen. Wenn es um den künftigen Energiemix geht, dann muss man zunächst die Versorgungssicherheit berücksichtigen. Ginge es nach mir, sollte man in erneuerbare Energien investieren und in Erdgas, wirklich, das ist unerlässlich für unsere Versorgungssicherheit. Und auch in Atomenergie."

Mogelpackung Erdgas

Erdgas - genau darum drehte und dreht sich ein erbitterter Streit. Darf / soll / kann Erdgas - also ein fossiler Energieträger - als "Ersatzstoff" herhalten, zumindest für eine gewisse Zeit, um den Kohleausstieg zu ermöglichen? Das ist die Linie Angela Merkels. Wie auch vieler anderer Regierungen solcher Staaten, die noch Kohlevorkommen ausbeuten.

Doch zunächst war das so im Vorschlag der EU Kommission nicht geplant, da dachte man weiter: Warum nicht diese fossile Zwischenetappe - Erdgas - einfach überspringen und gleich auf's "richtige Pferd" setzen, also direkter Sprung von der Kohle in die Erneuerbaren?

Die Verhandlungen waren hart, ob und bis zu welchem Grade der "Just Transition Fund", also EU-Gelder für den Kohleausstieg, verwendet werden darf für die Umrüstung auf Erdgas. Besteht in diesem Falle nicht das Risiko einer "Mogelpackung"? Gut, auch wenn Erdgas in der CO2-Bilanz besser abschneidet als Kohle, so ist und bleibt Erdgas doch ein Klimakiller. Warum dann nicht gleich systematisch Sonne und Wind ausbauen?

Doch im Rat der 27 haben die Erdgasfans die Nase vorne, sprich: es wird wohl zu einer Art Kombi-Lösung kommen: Strukturwandelgeld sowohl für die Erneuerbaren wie auch für Erdgaskraftwerke - wenn diese dreckige Kohlemeiler ersetzen. Details werden noch verhandelt, das kann noch einige Zeit dauern, doch ganz und gar grasgrün wird der "Just Transition Fund" wohl nicht werden, eher blassgrün...

Wohin fließt das Geld?

Bankwatch Rumänien sorgt sich um den Verbleib der rumänischen Steuergelder - und genau deshalb ist Alexandru Mustață stinksauer: Das Geld sollte in Erneuerbare fließen - nicht in die bodenlose Finanzhölle hoch verschuldeter Kohlekonzerne:

"Kohle aus dem Schiltal ist sehr teuer. Bergbau ist teuer. Die Ausrüstung ist 30 Jahre alt, total veraltet. Dauernd kommt es zu Unfällen, logisch, seit Jahrzehnten wurde untertage nicht mehr modernisiert. Was dieses nachgerüstete Kohlekraftwerk im Schiltal betrifft: Paroseni ist immer noch eine der größten Dreckschleudern des Landes. Außerdem ist es nicht kosteneffizient. Die Betreiberfirma, Hunedoara, hat Schulden in Höhe von einer Milliarde Euro. Es ist verrückt, seit vier Jahren zahlen die nicht für die von ihnen verursachte Verschmutzung. Das Unternehmen ist... nun, es ist ein völliges Rätsel, wie der Betrieb dort weiterlaufen kann, angesichts der Tatsache, dass die unter einem Schuldenberg ersticken."

Und auch in die Debatte um Erdgas als Ersatz für Kohle bezieht Mustata Position: "Kein einziger Euro sollte in Erdgas investiert werden, das wäre eine Verschwendung von Steuergeldern", meint der Mann im roten Trainingsanzug des FC Liverpool. Es geht um das Pariser Klimaabkommen und um das Ziel, die CO2-Emissionen zu senken. Mit Kohle ist das unmöglich. Und mit Erdgas ebenfalls, so die Position von CEE Bankwatch.

Euronews-Reporter Hans von der Brelie hat eine Verabredung mit dem rumänischen Wirtschafts- und Energieminister in der Hauptstadt Bukarest. Klare Ansage gegenüber euronews: Rumänien baut kein neues Kohlekraftwerk! Aber was ist mit den Kohlezechen?

Euronews: "Es gab für das Schiltal eine Vereinbarung mit der EU-Kommission, dass von den vier Bergwerken zwei geschlossen werden - und zwar schon 2018. Wieso sind die denn immer noch in Betrieb?"

Virgil-Daniel Popescu: "Ja, die sind immer noch in Betrieb, denn die Vorgängerregierung hat nicht einkalkuliert, dass dort riesige Kohlemengen untertage liegen. Es besteht das Risiko einer Selbstentzündung."

Euronews: "Rumänien bekommt im Rahmen des europäischen Strukturwandelfonds für Kohleregionen 4,4 Milliarden Euro. Das ist enorm viel Geld. Was machen Sie denn damit?"

Virgil-Daniel Popescu: "Zunächst einmal, wir stehen hinter dem Green Deal der EU-Kommission. Wer A sagt, muss auch B sagen, sprich: der Strukturwandel kommt. Den Übergang von der Kohle hin zu Erneuerbaren schaffen wir nur mit einer Zwischenlösung: Wir bereiten derzeit ein Programm vor, den Kohleanteil in der Energieversorgung durch Erdgas zu ersetzen. Wir haben das Geld dafür und das Know-how. Also: Wir schaffen das."

Euronews: "In zehn, zwanzig oder dreißig Jahren, suchen Sie sich einen Zeitraum aus, wird dann noch Kohle gefördert werden in Rumänien?"

Virgil-Daniel Popescu: "Nach 30 Jahren? Nein! Damit haben Sie meine Antwort: Wir können nicht in der Vergangenheit leben."

Von der Kohle zu Erneuerbaren Energien

Zurück in die Berge Siebenbürgens: In Petrosani zeigen farbenfrohe Fresken Vergangenheit und Zukunft des Schiltals: Bergleute mit Presslufthammer, darüber gross und bunt: Windturbinen. Von der Kohle zu Erneuerbaren. Der Bürgermeister von Petrosani, Tiberiu Iacob-Ridzi, ist gelernter Bergbauingenieur. Wie Gabriel Radu arbeitete auch er in der Zeche Livezeni. Vor wenigen Wochen wurde er wiedergewählt, zum fünften Mal bereits. Bürgermeister ist er seit 15 Jahren. Tiberiu Iacob-Ridzi schaffte etwas, was im Schiltal (und auch anderswo in Rumänien) in der Vergangenheit nicht unbedingt zum Alltag gehörte: den Schulterschluss über politische Gegnerschaft hinweg.

Die sechs wichtigsten Städte im Tal sind politisch unterschiedlich ausgerichtet. Das verhinderte lange Zeit gemeinsame Absprachen zur Entwicklung des Tals, zu Strukturwandel und zu Gemeindegrenzen überschreitenden Infrastrukturprojekten. Doch um aufgenommen zu werden in den Strukturwandelmechanismus der EU ist Voraussetzung, dass alle Akteure vor Ort an ein und demselben Strang ziehen. Das ist nunmehr der Fall, versichert Bürgermeister Tiberiu Iacob-Ridzi. Gemeinsam mit Kollegen der Nachbarstädte reiste er nach Brüssel, unterzeichnete ein Memorandum. Der Green Deal der EU soll nun vor Ort im Schiltal umgesetzt werden.

"In der Kohleförderung werden in Zukunft keine Arbeitsplätze mehr entstehen, hier im Schiltal", sagt Tiberiu Iacob-Ridzi. "Die Zukunft liegt in den Bereichen Tourismus, Dienstleistungen und Erneuerbare Energien. Diese Plattform für Kohleregionen im Strukturwandel, die ich da in Brüssel kennengelernt habe, ist wirklich wichtig. Das erste Mal steht der Mensch im Mittelpunkt, es geht um Familien und deren Auskommen - nicht nur um Wirtschaftsprofite oder nur um Umweltschutz. Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, hat gesagt, dass niemand zurückgelassen wird. Die Länder, die die Probleme des Kohle-Strukturwandels teilen, werden die Herausforderung gemeinsam angehen, mit voller Unterstützung der Europäischen Kommission."

Green Deal bedeutet konkret - Arbeitsplätze

Nicolae Dumitrescu - auch er war früher Bergmann. Er verließ die Zeche Petrila, arbeitete jahrelang auf Baustellen in Italien, lernte dort alles über energetische Sanierung und Unternehmensführung. Doch er wollte sein eigener Meister sein, sein Glück in die eigene Hand nehmen, also gründete er zurück im Schiltal eine Spezialfirma für Wärmedämmung. Ein voller Erfolg:

"Es werden noch mehr Arbeitsplätze im Baugewerbe entstehen, energetische Sanierung ist ein Zukunftsmarkt", sagt Nicolae Dumitrescu. "Der Gebäudebestand der Städte und selbst der in den Dörfern verändert sich. Hinzu kommen Investitionen im IT-Bereich, da gibt es bereits jetzt einige gute Betriebe. Diese ganzen Veränderungen sollten von der Europäischen Union unterstützt werden. Start-ups und mittelständische Unternehmen brauchen Starthilfe, wenn sie etwas bewegen sollen."

Der Strukturwandel hat im Schiltal gerade erst begonnen. Demnächst soll ein Gesamtkonzept veröffentlicht werden - vermutlich wird es da auch um Tourismus gehen.

Wir sind mit Emil Părău verabredet, einem der reichsten Männer im Tal. Seine im Holzhandel erzielten Gewinne steckt er in den Aufbau einer Ski-Station, Straja. Einige Bergleute zogen nach, steckten das Geld ihrer Abfindungen in kleine Hotels und Pensionen. Der Mann sieht sich als Rollenvorbild: "Die Jugendlichen hier im Tal sollen sehen, dass man aus seinem Leben etwas machen kann, vor Ort", meint er. Ihm ist klar, dass die Gegend nur dann eine Chance auf Neustart und Wirtschaftsaufschwung hat, wenn die Menschen wieder anfangen, an sich selber, ihre Kraft, ihre Zukunft zu glauben. Nur so könne man die massive Abwanderung der jungen Generation bremsen.

"Das Schiltal hat ein fantastisches Tourismus-Potential, nicht nur Skitourismus", meint Emil Părău. "Unser Tal ist atemberaubend schön. In einigen Jahren werden Tausende Radtouristen zu uns kommen. Schon im nächsten Jahr werden wir 500 Kilometer Mountainbike-Trails fertiggestellt haben. Und wir haben vermutlich Europas schönste Gegend für Höhlentourismus (Höhlenkletterer). Wenn wir es bereits jetzt schaffen, allein hier in Straja im Winter 500 Arbeitsplätze zu schaffen, dann ist das ja fast so viel wie in einem kleinen Bergwerk. Warum dann nicht weiterdenken? Künftig werden hier Tausende im Tourismus arbeiten."

Mit technischem Fachwissen eine neue Zukunft aufbauen

Wir fahren einige Dörfer weiter, vorbei an einer riesigen Industrieruine auf deren Dach grossflächige PV-Anlagen installiert sind. Sonne statt Kohle, ein bescheidener Anfang erst, aber warum nicht. Einige Kurven weiter kommen wir zu einem schmucklosen, funktionalen Industriegebiet. Vielleicht liegt sie ja hier, die Zukunft des Schiltals. Europa braucht Ladestationen für Elektro-Autos. Marius Șurlea entwickelt sie. Seine Karriere startete er - raten Sie mal - klar, in einem Bergwerk. Sein Start-up expandiert, eine echte Goldgrube: Er begann bescheiden, mit drei Angestellten, heute sind es 65 - und er sucht mehr. Im kommenden Jahr soll wieder ein neues Werk auf der grünen Wiese entstehen.

"Die Entwicklung unserer Firma war möglich, weil wir im Bergwerksektor qualifizierte Fachleute gefunden haben", so der Geschäftsführer von Euroelectric. "Hinzu kommt, dass es hier eine technische Universität gibt. Und dank der EU-Förderung konnten wir unsere Entwicklung beschleunigen, auch das erklärt unseren Erfolg."

Auch Ștefan Nistor, einer seiner Angestellten, ist ein ehemaliger Bergmann. Als abenteuerlustiger, junger Mann zog er von Moldawien nach Rumänien, er hatte vom Schiltal gehört, dem Kohle-Eldorado. Untertage arbeitete er meist im Vortrieb. Doch auch er wurde entlassen, wie unzählige andere in den 90ern. Zunächst schlug er sich durch mit Schwarzarbeit in einer Autowerkstatt. Dann schaffte er den Neustart:

"Ich bin gelernter Werkzeug- und Maschinenschlosser. Ich kann Sachen reparieren und instand halten, weiß, wie man Maschinen bedient. Das Wissen, das ich mir im Bergwerk angeeignet habe, kann ich nun auch hier anwenden. Ich kann schweißen, kenne mich aus mit Förderbändern. Das ist solides Fachwissen und mit etwas Kreativität kann man das auch anderswo gut gebrauchen."

Der wahre Schatz des Schiltals ist das tief verwurzelte technische Fachwissen. Damit werden die Anwohner es schaffen, sich eine neue, nachhaltige Zukunft aufzubauen.

Das Schiltal: das künftige Silicon Valley Rumäniens ?

Die Universität von Petrosani spielt hierbei eine Schlüsselrolle. Vor Jahrzehnten als reine Bergbauhochschule gegründet, mauserte sich die modern ausgestattete Bildungseinrichtung zu einer international gut vernetzten Universität mit Fachbereichen, die mittlerweile nicht nur Technik im weitesten Sinne abdecken, sondern auch Sozial-, Wirtschafts-, Finanz- und Verwaltungswissenschaften.

Um Firmen und ausländische Direktinvestoren ins Schiltal zu holen, bietet die Universität auf einzelne Unternehmen maßgeschneiderte Studiengänge an. Das geht sehr weit, bis hin zu der Möglichkeit, einen Teil der universitären Ausbildung in den Betriebsablauf der investitionsbereiten Firmen zu integrieren, damit soll eine perfekte Verzahnung von Theorie und Praxis erreicht werden. Oder anders formuliert: Hier geht es um eine exakt auf den Betriebsbedarf austarierte Ausbildung.

"Ich sehe das Schiltal als das künftige Silicon Valley Rumäniens", meint Sorin Mihai Radu, der geschäftsführende Direktor der Universität Petroşani. "Das Schiltal hat außerdem eine Zukunft als Tal der Energie. Wir haben das Potenzial, die Fähigkeiten und die Fachleute. Unsere Absolventen sind Top-Experten. Die Zukunft des Schiltals wird eine Mischung aus Tourismusbetrieben, High-Tech-Unternehmen aber auch einigen konventionellen Technikfirmen sein."

Wobei letzter Punkt nicht unumstritten ist, denn darunter versteht der Unidirektor sein eigenes Fach- und Forschungsgebiet: Kohleverflüssigung und Kohlevergasung. Mit diesen Verfahren der "unkonventionellen Kohlenutzung" wird zwar der CO2-Ausstoss gesenkt - hier schaltet sich wieder Alexandru Mustata von Bankwatch Rumänien in die Debatte ein - aber nicht genug, um das Klimaziel zu erreichen. Mustata ist kategorisch: _"So etwas wie grüne Kohle gibt es nicht." _

Treffen wir uns zum Abschluss unserer Woche im Schiltal noch einmal mit dem ehemaligen Bergmann Catalin Cenusa. Er ist gerade dabei, Herbstblätter von den Stufen "seines" kleinen Museums zu fegen. Ohne lange um Erlaubnis zu fragen, hat er es in den aufgegebenen Räumen der Zeche Petrila eingerichtet. Was daraus wird? Um das Industrie-Erbe des Schiltals zu bewahren, braucht es mehr als einen Besen, das weiß auch Cenusa. Zusammen mit anderen Bergleuten, Künstlern und Architekten gründete er deshalb den Verein Planeta Petrila.

Cenusa zeigt uns seinen früheren Schutzhelm aus Metall. Drei Jahre lang benötigte er, die ersten Räume des offiziell immer noch nicht anerkannten Museums auszustaffieren. In einem Saal wird die Rettungstechnik erklärt, die bei Grubenunglücken eingesetzt wurde und wird.

Mit eigenen Händen und ausrangierter Originaltechnik baute Cenusa sogar einen alten Minenstollen nach. Diesen ersten Schritten sollen weitere folgen. Wenn alle Grundeigentümer - letztendlich die öffentliche Hand - ihr Einverständnis erklären. - Industrietourismus funktioniert: Die Zeche Zollverein in Deutschland, mittlerweile UNESCO-Welterbe, hat es vorgemacht.

Cenusa zeigt uns die letzten Momente der Zeche Petrila, er selbst hat die Bilder vor fünf Jahren gedreht, kurz vor der Schließung. Rund um die das Projekt Planeta Petrila hat sich in den vergangenen Jahren eine rege Kunsttätigkeit entwickelt. Ein lokaler Künstler, Ion Barbu, sorgte für Aufregung und Skandal. Auf eimal hat das Schiltal eine Kunstdebatte auf internationalem Niveau: Wo beginnt Kunst, wo hört sie auf? Hat Kunst Grenzen - welche - oder vielleicht besser doch keine? Barbu sei Dank löst sich das Schiltal aus seiner Provinzialität. Und auf dem ehemaligen Zechengelände gibt es Aktionen, Festivals und Konzerte, die es in sich haben. Sogar ein Dokumentar-Kinofilm wurde hier gedreht: Planeta Petrila.

Industrietourismus funktioniert

Eine Handvoll waghalsiger Architekten in Bukarest, Timisoara und Paris hilft bei der Rettung der Zeche Petrila. Zumindest einige Gebäude wurden mittlerweile als Industriedenkmal unter Schutz gestellt. Und nun? Die Architekten haben sich auf Ideensuche ins Schiltal begeben.

"Als wir unsere ersten Bürgerversammlungen in Petrila abhielten, schlugen mehrere Teilnehmer vor - und das öffnete uns regelrecht die Augen! - dort oben etwas zum Schwimmen einzubauen, denn diese Trichter waren früher Wasserreservoirs zum Waschen der Kohle", erzählt Ilinca Păun Constantinescu. "Auf dem Gebäude wird es also Freizeitangebote geben, mit einem tollen Blick über das gesamte Zechenareal. Dieser große Trichter hier soll ein Ausstellungsraum werden, das war eine Idee des ortsansässigen Künstlers Ion Barbu, mit einer zirkulären Innenrampe, um diesen ganz besonderen Raum zu erkunden. Da es sogar einen Bahnanschluss gibt, wird dieses Gebäude zum Ausgangspunkt, von wo aus die Menschen dieses neue Abenteuer erkunden können."

Mit nur einer Stimme Mehrheit stimmte der Gemeinderat von Petrila dem Projekt zu. Jetzt werden Geldgeber gesucht. Die Europäische Union könnte eine Teilfinanzierung übernehmen - geht es doch um die Bewahrung eines Stücks europäischer Industriekultur.

Doch anderen Gebäuden auf dem Gelände droht nach wie vor der Abrissbagger. Zum Feiern ist es zu früh. Zum Hoffen aber noch nicht zu spät. Frage an den ehemaligen Bergmann: Wie soll es hier aussehen in zehn Jahren? Schildern Sie uns ihren Traum, ihre Vision.

"In zehn Jahren sollte das hier ein echtes Industriemuseum sein", sagt Cătălin Cenușă. "Renovierung und Umbau bringen Arbeit ins Schiltal, auch für die Leute in der Stadt Petrila. Mein Traum? Dass man hier in zehn Jahren eine echte Bühne für Theateraufführungen hat, dass Open-Air-Kinofilme vorgeführt werden, dass sich hier dann alles um Tourismus dreht. Das Ende des Bergbaus bedeutet nicht das Ende des Schiltals, nein.”

Die Bergleute, die für die Reportage interviewt wurden, sind sich in einem Punkt einig: die Fehler der Neunziger Jahre dürfen sich unter gar keinen Umständen wiederholen. Nur mit einem Gesamtkonzept schafft das Schiltal den Neuanfang: Hier, zwischen den Ruinen des Kohlezeitalters, wird sich zeigen, ob Europas Green Deal funktioniert.