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Ein Leben für die Musik und gegen Nazis: Trauer um Esther Bejarano (96✝)

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Von Euronews mit DPA/ AFP / EBU
Esther Bejarano bei einem Auftritt (Januar 2010)
Esther Bejarano bei einem Auftritt (Januar 2010)   -   Copyright  Heribert Proepper/AP2010
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Esther Bejarano, eine der letzten Überlebenden des Mädchenorchesters von Auschwitz, ist in ihrer Wahlheimat Hamburg gestorben.

Sie sei am frühen Samstagmorgen ganz friedlich eingeschlafen und habe nicht gelitten, sagte Helga Obens, eine enge Freundin und Vorstandsmitglied vom Auschwitz Komitee. Schon am Abend habe sich abgezeichnet, dass es ihre letzten Stunden sein werden. Sie sei im Israelitischen Krankenhaus von Freunden umgeben gewesen. "Wir sind alle noch ganz konsterniert."

Esther Bejarano gilt als wichtige Zeitzeugin der Nazi-Verbrechen. Bis zuletzt engagierte sie sich gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus, unter anderem in Schulen und auch in Gerichtsverfahren.

"Wo Musik spielt, kann es ja so schlimm nicht sein"

"Sie widmete ihr Leben der Musik und dem Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus", schrieb der Direktor der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel. Und erinnerte daran, dass Esther Bejarano, die 1943 ins Vernichtungslager der Nazis deportiert wurde, das Leben gerettet wurde, weil sie Musikerin war und in Auschwitz Akkordeon spielte.

Ein Instrument, dass sie zu diesem Zeitpunkt gar nicht beherrschte. Dennoch hatte sich die 18-Jährige freiwillig gemeldet, als die Nazis ein Mädchenorchester gründen wollten. In ihrer Autobiografie erinnerte sie sich: "Dann sollte ich den deutschen Schlager 'Bel Ami' spielen und es gelang mir auch. Das war wie ein Wunder."

Zusammen mit den anderen Musikerinnen musste sie für die Häftlinge und für die Deportierten spielen. Am schlimmsten war für sie, wenn neue Transporte ankamen, die direkt für die Gaskammern bestimmt waren. "Als die Menschen in den Zügen an uns vorbeifuhren und die Musik hörten, dachten sie sicher, wo Musik spielt, kann es ja so schlimm nicht sein", erinnerte sie sich.

Nummer 41948

Die in Saarlouis geborene junge Frau wurde im April 1943 zunächst nach Auschwitz deportiert, bevor sie im November desselben Jahres in das Lager Ravensbrück verlegt wurde. Ihre Eltern und ihre Schwester wurden von den Nazis ermordet.

"Ich bekam die Nummer 41948. Namen wurden abgeschafft, wir waren nur noch Nummern", schreibt Bejarano in ihrer Autobiografie "Erinnerungen". Darin schildert sie die Schrecken des Alltags im Lager und wie sie durch das Frauenorchester die Chance zum Überleben bekam.

Nach dem Krieg war Esther Bejarano nach Palästina ausgewndert. Dort lernte sie ihren Mann Nissim kennen, die gemeinsamen Kinder Edna und Joram kamen zur Welt. Weil sie mit der israelischen Politik gegen die Palästinenser nicht einverstanden sind, kehrte die Familie 1960 nach Deutschland zurück, ins Land der Täter, was ihr zunächst schwer fiel.

Als sie jedoch eines Tages Neonazis auf offener Straße beschimpfen, reichte es Bejarano: Sie entschloss sich, ihr jahrelanges Schweigen zu brechen und wurde politisch aktiv, unter anderem im Auschwitz Komitee.

"Per la Vita" - Für das Leben

In Schulen über die Grueltaten zu berichten wurde zu ihrer Lebensaufgabe. Ale eine der letzten Zeitzeuginnen der Hitler-Diktatur besuchte sie bis zuletzt auch Gerichtsprozesse gegen NS-Verbrecher.

"Es ist meine Rache, dass ich in die Schulen gehe, dass ich den Menschen erzähle, was damals geschah, damit nie wieder so etwas passieren kann!"

Zusammen mit Tochter Edna und Sohn Joram gründete Esther Bejarano Anfang der 1980er Jahre die Gruppe Coincidence mit Liedern aus dem Ghetto und jüdischen sowie antifaschistischen Liedern.

2009 nahmen sie mit der Kölner Hip-Hop-Band Microphone Mafia die CD "Per la Vita" (Für das Leben) auf, die für Verständnis zwischen den Kulturen wirbt.

Gemeinsam traten sie auch vor Schulklassen auf, was Esther Bejarano immer besonders am Herzen lag: "Ich sage immer: Ihr seid nicht schuld an dieser schrecklichen Zeit, aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über die Geschichte wissen wollt."